Transfer-Denken

Der Begriff Transfer wird für mich immer unauflösbar mit der Person Christian Reder verbunden bleiben. War ich doch elf Jahre lang Begleiter, Teilnehmer und Teil von vielen der Aktivitäten, die das von Christian Reder initiierte und in der Folge von ihm geleitete Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer entwickelt und durchgeführt hat. Diese Zeit hat mich und mein Denken geprägt, und es ist mir daher nicht möglich aus dem Blickwinkel eines nicht beteiligten Beobachters darüber zu sprechen oder zu schreiben.

Ich möchte hier einige Erinnerungen und Eindrücke aus der Zeit die ich an diesem Ort verbracht habe folgen lassen. Hineingeworfen in diese Matrix mit dem Namen Zentrum – Transfer begriff ich wohl recht bald, dass einer der entscheidenden Punkte der Aktivitäten des Zentrums das – wie ich es nennen möchte – Problem der Schwelle ist.

Gegründet als ein Ort, der in der Universität für angewandte Kunst Beratung und Begleitung bei geplanten Projekten garantierte, war es wohl unausweichlich, dass dieses Arbeitsfeld in dem es immer um die Differenz zwischen „immaterieller“ Planung und „realer“ Verwirklichung auch selbst zum Gegenstand der Reflexion werden musste. Klingt hier doch sofort die alte Theorie- / Praxis-Debatte wieder an. Professoren, Studenten und Gäste frequentierten das Zentrum, um für die Konkretisierung erträumter, erdachter und geplanter Projekte Reflexionsraum und Rat für die Umsetzung zu bekommen.

Sie formulierten ihre Vorhaben und Fragen in den meisten Fällen weitgehend kontextunabhängig. Diese ungefragte „Freiheit“ des Imaginierens und Entwerfens des Schaffenden scheint ein Reflex eines Denkens in der Nachfolge von Descartes zu sein, in der das einem Kontext verpflichtete Reflektieren im Stile von Montaigne aufgegeben worden war. Die Künstler Transfer-Denken und Designer schienen mit Sicherheit im Besitz einer Gewissheit um die Allgemeinheit ihrer Anliegen zu sein. Dies diente als Garantie einer Autonomie aus der hinaus ihre Projekte entworfen wurden.

Ihnen gegenüber saßen die Berater als Repräsentanten des „Konkreten“, das meist als Widerstand fungierte. War es doch der Part der Beratungen und der Berater auf die Grenzen der Realisierbarkeit zu verweisen und dadurch die Form der geplanten Aktivitäten zu beschneiden und zu verändern. Es war eine merkwürdige Situation, in der mir klar wurde, dass der Charakter des künstlerischen Entwerfens in hohem Maß kontextunabhängig, d.h. theoretisch ist.

Unsere Rolle war es also eine Rekontextualisierung der geplanten Vorhaben zu initiieren und einzuleiten. Naiv gedacht war die Situation ja einfach. Unsere Rolle war die des pragmatischen Blickes, gepaart mit einer Dosis ökonomischer Kenntnis. Nach einigen Beratungen war es dann ja klar, ob das Projekt realisiert werden konnte und in welcher konkreten Form.

Ich erinnere mich an lange Nachmittage im Büro von Christian Reder, das uns auch als Besprechungszimmer diente. Zentral steht dort der große, von Eichinger / Knechtl entworfene Tisch, um den wir immer saßen. Mein Blick fiel oft, wenn die Diskussion recht weit gediehen war und ich den Faden zu verlieren drohte, auf den Kompass, der in die Oberfläche dieses Tisches eingelassen war. Dieser gab mir, auf seltsame Weise, in der konkreten Situation wieder Orientierung. Ich wusste dann, wo von diesem Ort aus Norden zu suchen war.

Der sprichwörtliche garstige Graben zwischen Theorie und Praxis konnte von einem unternehmerischen und forschenden Geist wie Christian Reder nicht ungefragt hingenommen werden. Nach einer Auszeit, in der er eines der schönsten mir bekannten Bücher schrieb – Wörter und Zahlen. Das Alphabet als Code –, begann er Projekte zu entwerfen und zu realisieren. Wobei der vage Begriff Projekt bei ihm als Hinweis auf die forschende Denkweise, die diese Vorhaben auszeichnete und auszeichnet zu verstehen ist.

Diese Projekte unterliefen und unterlaufen die Einbahnsituationen die Verhältnisse wie kontextfreies Planen versus kontextuelles Realisieren, Text versus Bild oder Denken versus Handeln etablieren. An dieser Stelle zeigt sich der Begriff Transfer, wie ihn Reder vielleicht meint: Transfer ist nicht der Verschub einer Idee in die Realität und vice versa. Transfer ist vielmehr eine Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die Bewegung zwischen diesen Feldern. Der Ort, an dem die Form des Imaginierten Gestalt finden soll, kann nicht entschieden werden.

Dieses nomadische Moment schlug sich auch in den realisierten Projekten nieder. Studierende lebten 2002 / 2003 mehrere Wochen in einem gemieteten Haus in Damaskus und explorierten in engem Kontakt mit dortigen Partnern den gesellschaftlichen und urbanen Raum. Ähnliche Programme führten Studierende, Lehrende und eingeladene Gäste nach Libyen, die Ukraine und die Donau hinab bis an das Schwarze Meer. Ziel war es jedoch nicht einem naiven Konzept von Erfahrung zu folgen.

Es mag wohl sein, dass manche der Teilnehmer mit der Vorstellung an einem außergewöhnlichen Ort so etwas wie Authentizität erleben zu können in die Vorhaben einstiegen. Mit dem Wunsch Erfahrungen zu machen, die in der Folge dann in die Sicherheit eines Diskurses im heimischen Wien eingebracht werden konnten. Die Entwicklung der einzelnen künstlerischen Projekte exemplifizierte in den allermeisten Fällen jedoch eine Abkehr von dieser Position.

Je länger die Unternehmen dauerten – und die Zeitdauer war ein wesentlicher Parameter –, desto unklarer wurde bei den Teilnehmern die Vorstellung, was und wo denn nun eigentlich der Ausgangspunkt des Projektes und der Fragestellung war. Der Standpunkt des künstlerischen Subjektes wurde teils relativiert und manche oder mancher begann mit den Augen eines Anderen auf sich und die Wiener Verhältnisse zu blicken. Die einzelnen Projekte fanden eine Art von Abschluss in aufwändigen Publikationen, die allesamt in der Edition Transfer, einer von Christian Reder gestalteten Reihe, erschienen sind.

Diese Bücher markieren aber nicht den Abschluss eines Denk- und Arbeitsprozesses, sie fungieren nicht als Schlusspunkt. Vielmehr repräsentieren sie einen Knoten, ja eine Verdichtung, in die alle Erfahrungen, Bilder, Gespräche und Gedanken einfließen sollen. Dies nicht nur um eine Dokumentation, die ja immer eine Historisierung ist, zu erstellen. Diese Bücher in ihrem oft ausufernden Umfang, in denen Bild und Text immer wieder um ihre Vorherrschaft streiten, können durchaus auch Impulse für etwas Zukünftiges sein.

Ich meine, dass es durchaus im Sinne Reders wäre, wenn ein Leser des von uns so genannten Sahara-Buches, nachdem er einige Fotos der Wüste betrachtet hat, das Buch beiseite legt und eine Reise nach Nordafrika bucht. Diese Geste, dem anderen etwas als Entwurf mitzugeben, hat sich bei Christian Reder auch im alltäglichen Umgang etabliert. Wie oft hat er kurz bevor wir auseinander gingen noch einen letzten Satz an mich mit den Worten „ noch etwas zum Mitdenken …“ eingeleitet.

Das unabschließbare Buch, an dem Christian Reder permanent arbeitet, ist kein Text, der zwischen zwei Deckel gepresst wird. Es ist ein Schnittpunkt von Reflexion und Erfahrung, ein Diagramm, das die Berührungspunkte der unterschiedlichsten Sinn-Dimensionen verzeichnet. Diese Qualität stellt das Denken von Christian Reder in eine unmittelbare Verwandtschaft zu dem von Montaigne. Das Kapitel der Essays von Montaigne, in dem dieser „Über Bücher“ reflektiert, steht zwischen dem Kapitel „Über die Waffen der Parther“ und dem „Über Grausamkeit“.

Die Verbindung von scheinbar nicht Verwandtem, diese antischolastische Geste teilt Reder mit Montaigne, Benjamin und auch einem Ahnherren dieser Gattung: Plutarch. „Mein Wille ist, dass man meinen natürlichen und gewöhnlichen Schritt sehen soll, so wenig geschlossen er auch sein mag.“ So beschreibt Montaigne im 10. Kapitel des 2. Bandes seiner Essays seine Methode des Schreibens. Daraus kann man folgern, dass der Essayist sich in seinem Schreiben abbildet.

Auch Christian Reder bildet sich in seinen Büchern ab. Dies jedoch nicht zuletzt als Garantie oder Anstrengung das Subjekt qua Autor in den unabschließbaren Bewegungen seines Transfer-Denkens und seiner Transfer-Aktivitäten nicht zu verlieren. Diesen Kampf um das Subjekt verlangt er auch von denen die mit ihm umgehen. Jede Doktorandin und jeder Doktorand, die von Reder betreut wurden, bekam als Ziel der Arbeit den Auftrag in ihr die Qualität eines Buches zu erreichen.

Meist war den Adressaten der Inhalt dieses Satzes nicht klar. Was er damit meinte und meint ist: „Werden Sie ein Subjekt.“ Denn ihm ist ja Buch ein Synonym für die menschliche Subjektivität. In diesem Sinn kann man Christian Reder als Essayisten bezeichnen. Ferdinand Schmatz geht in seinem Beitrag einen Schritt weiter. Er behauptet, Christian Reder wäre selbst ein Essay. Und dies trifft zu. Seine Bücher, seine Texte sind Knoten- aber auch Umschlagpunkte dieses Transfer- Denkens, das seinen Niederschlag auch in Handlungen, Gegenständen und bei Anderen findet. Und es bleibt immer unentscheidbar wo der Ort ist an dem dieses Denken stattfindet.

Boris Manner, geboren 1961, ist Schriftsteller, Kurator und Kulturmanager in Wien und unterrichtet seit 2001 an der Universität für angewandte Kunst in Wien.

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