Über das inhaltlich Qualitative des Transfers im Kunst- und Wissenstransfer

Zu Christian Reders Modellen.

Es verkehrt ein Anglizismus heute an den verschiedenartigsten Orten – des Worts „Transfer“, das wiederum auf das Lateinische zurückgeht: Transferieren = Übertragen (vom Einen zum Anderen). Besonders wissenschaftliche und künstlerisch-gestalterische Ausbildungs- und Forschungswie Entwicklungsinstitutionen haben heute alle eine Abteilung, die den Titel des Wissens- und Kunsttransfers führt.

Darin steckt aber eine, vom Kulturellen her gesehen, verludernde Wortwahl trotz des globalisierenden Anglizismus oder wegen seiner, schaut man sich die überwiegend übliche Praxis der unter dem Namen verkehrenden Abteilungen an. Dann bemühen sie sich nur um das Verkaufen von Wissen und Entwicklungen an die Wirtschaft und um das Einwerben von Förderungsgeldern für das Realisieren von Wissenserzeugungen und Entwicklungen, demnach einerseits Nachkasse und andererseits Vorkasse. Sie entsprechen also gewöhnlich in ihrer Tätigkeit der heute so gesteigerten Ideologie des Ökonomismus aus ihrem völlig verengten Verständnis des Transferierens heraus.

Nun soll das Wort Verludern nicht wieder einmal im Ideengeschichtlichen, Geisteswissenschaftlichen, Kulturellen das Ökonomische verächtlich machen. Vermarktung und Verwertung des Geleisteten oder zu Leistenden über den so charakterisierten freien Markt sind unter den gegebenen Verhältnissen und Bedingungen, die man nur sektiererisch zu unterlaufen vermag, soweit ganz in Ordnung, wären da in den Drittmittelverträgen nicht so oft jene Paragraphen, nach denen der freimarktliche Geldgeber, also Käufer der erst werdenden Ware Wissen/Gestaltung oder der schon produzierten, sich vorbehält, über eine allgemeine Veröffentlichung ohne Rücksichtnahme auf die Forscher, Entwickler, Gestalter zu entscheiden.

Zwar ein Umstand gesellschaftlicher Ungerechtigkeit darin ließe sich durch genauestes Nachrechnen noch steuern, nämlich der Umstand, dass die gemeinten Institutionen des Forschens, Entwickelns und Gestaltens europäisch gewöhnlich staatlicher Art sind, also aus allgemeinen Steuergeldern erhalten und betrieben werden. Und ohne genaues Nachrechnen, das sich Vollkostenrechnung bis zum letzten Bleistift und der letzten Arbeitssekunde der staatlich entlohnten Mitarbeiterschaft nennt und auch einen Anteilsfaktor zu den Grundinvestitionen für die Hervorbringung der Institution enthält, wäre das sonst privates Ausbeuten öffentlicher Aufwendungen in Konkurrenz gegen andere, die genauso steuerzahlende Mitglieder dieser Öffentlichkeit sind.

Aber, wie gesagt, die echte Vollkostenrechnung würde die darin hausende Ungerechtigkeit vermeiden lassen, selbst in Zeiten, wo die soziale Deckung privat veranstalteter Verluste in Rettungsschirmen für Banken zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, begleitet allerdings von marxschen Einsichten bei jedem, selbst bei den Analphabeten, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, und dass solchen Sinns Kapitalisten schon immer Sozialisten waren, sich selber also verachteten, wenn sie auf den Sozialismus schimpften.

Selbst wenn der ökonomisch messbaren Ungerechtigkeit entgegengesteuert werden kann, in unserem Fall einer Finanzierung von Forschen, Gestalten und Entwickeln durch Drittmittel, so bleibt in deren üblichen Verträgen mit der Veröffentlichungskontrolle durch die Geldgeber eine Unverschämtheit geschichtlicher Dimension.In unserem Aufklärungsverständnis seit der Antike sind Wissen, Entwickeln, künstlerisches Gestalten auf Veröffentlichung allgemeiner Art intentional gerichtet, das gehört zu ihrem Charakter. Geheimwissen ist ein Schlag ins Gesicht des Aufklärungs- Wissens, auch des Wissens der Technik.

Und das Gleiche gilt für die Künste intentional. Hier wird es aber historisch noch um einiges schwieriger, weil es eben den freien Markt der Künste gibt, auf dem Kunstproduktionen privatisiert werden. Jedoch auch vor ihm wurde etwa künstlerische Ausstattung der Paläste, der Sakristeien und so weiter einer allgemeinen Öffentlichkeit entzogen hin zu einer speziellen Öffentlichkeit. Aber immer setzten die künstlerischen Produzenten darauf, dass privates Interesse oder auch Interessen spezieller Öffentlichkeiten dazu führen würden, eine allgemeine Zugänglichkeit zu privatisierter Kunst immer einmal wieder zuzulassen, mindestens von deren Existenz der Öffentlichkeit Kunde zu geben.

Demnach regiert auch hier der Intention nach das Streben in die allgemeine Öffentlichkeit. Sponsorenverträge von heute wollen diese historisch sich realisierende Intentionalität unterlaufen und damit dem Wissen, der Technik und den Künsten ihren Aufklärungscharakter entziehen. Das geschieht auf der Basis eines völlig verengten Transferbegriffs, der dazu einen ökonomistischen Formalismus bloßen Austausches bei rein quantitativem Geldmedium reitet.

Als ob Transferieren = Übertragen nicht auch eine reich inhaltliche Seite hätte, den Formalismus transzendierend. Den verengten Transferbegriff würde man darum besser als Vermarktung bezeichnen oder in dem heute so geliebten Denglisch als Marketing, entsprechend ergäbe das die Abteilungsnamen. Das wäre dann ja gegen alle möglichen Missverständnisse, von der angezeigten Privatisierung des Wissens zu Geheimwissen abgesehen, soweit in Ordnung.

Felder der Hermeneutik

Nun aber Kunst- und Wissenstransfer, Kulturtransfer, Kulturentransfer inhaltlich genommen und vom deutschen Übersetzungswort Übertragen her gedacht, so hat das gar mit Übersetzen zu tun. Will man das nicht aus der Seefahrt heraus verstehen, obwohl darin auch schon Tiefen und Untiefen unserer Angelegenheit sich regen, dann geht es um ein Übersetzen aus Sprachen in Sprachen. Und sofern verstehendes Übersetzen vorliegt, bewegen wir uns dann schon in Feldern der Hermeneutik gemäß der These, alles Übersetzen sei ein Deuten.

Bekannt wurde in den Literaturwissenschaften international das Konzept von Walter Benjamin („Die Aufgabe des Übersetzers“), nach dem man eine Übersetzung sprachlich den Sprachlichkeiten der Sprache, aus der man übersetzt, bis an die Absurditätsgrenzen anpassen solle, bis an die Unverständlichkeitsgrenzen, damit die Sprache, in die man übersetzt, von der Sprache, aus der man übersetzt, lerne, statt einen Text, den man übersetzt, den vorliegenden Sprachlichkeiten der Sprache, in die man übersetzt, anzupassen, ihn einzuglätten.

Ich las einmal einen Text von Ernst Bloch in der Übersetzung zum Amerikanischen und ich glaubte vom Sprachlichen her, ich befände mich in einem Text von Ernest Hemingway. Das unterschlägt selbstverständlich vom Amerikanischen her jeden Zugang zu Blochs Sprachlichkeit. Man lernt in der Übersetzungssprache nichts von der Sprachlichkeit des Übersetzten im Original. So wird das Konzept Benjamins ganz einleuchtend.

Dennoch hat dieses Anpassen der Sprache, in die zu übersetzen ist, an die Sprachlichkeit des zu Übersetzenden seine Grenzen. Wenn man das Nachwort des Übersetzers zur Übersetzung vom berühmt gewordenen Buch John Austins How to Do Things with Words in der deutschsprachigen Ausgabe des Reclam Verlags liest, dann stößt man auf den Hinweis, dass es sich bei der Übersetzung bis zu einem Drittel nicht mehr um eine eigentliche Übersetzung handele.

Denn in dem Maß, in dem Austin über Alltagssprache schreibe, wähle er seine vielen Beispiele aus der Alltagssprache. Alltagssprachen seien aber nun einmal bilderreich. Und die Sprachbilder der Alltagssprachen seien in allen Sprachen andere. Man kennt das aus der Schule: „It rains cats and dogs“ lässt sich nicht ins Deutsche übersetzen mit den Katzen und Hunden im Sprachbild. Man muss austauschen zu: Es regnet Bindfäden. Und so musste der Übersetzer bei Austin laufend andere Bilder aus der deutschen Sprache einsetzen bis an die Grenzen der Nachdichtung.

Konzepte über Konzepte fürs Übersetzen und man merkt, Übersetzung bietet nur Überschnitte des Entsprechens zum Übersetzten, nicht eine analoge Wiedergabe. Und die Differenz zur analogen Wiedergabe macht die Spielräume des Deutens aus, der Hermeneutik, für die ein Überschnitt im Entsprechen gemäßer ist als Wiedergabe im Sinn der Analogie. Denn in der Analogie ist eine Exaktheit gemeint, die der Schwankens- und Mutmaßenskunst der Hermeneutik nicht gerecht zu werden vermag.

Bis in solche schwierigen, sumpfigen unsicheren Ebenen reichen die Probleme des Kunst- und Wissenstransfers, gewiss sind auch sie voll mit Austausch beschäftigt, von Bild in Bild, Wort in Wort, Satz in Satz, Zeichenart in Zeichenart, sie haben mit dem Gleichungswesen zu tun in Gleichwerdenwollen, vermittelt durch Abstandnahme und immer wieder Abstandnahme. Darin findet sich, mit Michel Foucault gedacht, hoch allgemeine Struktur-Korrespondenz zu Marketing, aber eben nicht im Sinn eines zu beschleunigenden, versimpelnden, banalisierenden Gleichsetzens um jeden Preis, damit man so viel Geschäfte wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich abschließen kann.

Notwendiger Idealtypus

Im Gegenteil, das Gleichsetzen ist unterwegs zum Herauskehren dessen und Klarmachen dessen, was in die Gleichungen nicht aufgeht. Ich spiele hier an auf die Auseinandersetzung Theodor W. Adornos mit der Wissenschaftsmethodologie von Max Weber. Adorno („Einleitung zu den Studien über den autoritären Charakter“) spricht darin vom Identifizieren, nicht gerade Gleichsetzen, aber zwischen Identifizieren und Gleichsetzen besteht nun einmal eine Entsprechung.

Adorno erklärt den Idealtypus, dessen Erzeugung die wissenschaftliche Forschung betreibe, für einsatznotwendig in der wissenschaftlichen Arbeit, aber nicht, damit wie bei Max Weber dieser Idealtypus durch prüfendes Durchgehen des jeweiligen Materials immer wahrscheinlicher gemacht würde, sondern um mit ihm, dem Idealtypus, gerade zu erfassen, was unter ihn nicht passt. Insofern kennt auch Adorno eine Art Falsifikationstheorem wie Karl Popper.

Oder anders: Zum Transfer gehört auch das aus dem Transfer Herauskippende, vom Waggon-Fallende, Überbordgehende. Insgesamt ist also Transfer = Übertragen im Kulturbezug ein sich in sich wandelndes Hin und Her über Übersetzungsmedialitäten, die bei Gebrauch sich ebenfalls wandeln in den Überschnitten der Kulturen, heißt ihrer Produktionstypen wie Produktergebnisse als Mischungen oder Montagen. Und nicht nur in den Überschnitten der Kulturen ein Hin und Her per Analysen und Partialsynthesen, sondern es handelt sich dabei auch um ein entsprechendes Hin und Her zwischen den Sehwelten der Bilder zusammen mit Bewegungsbildern und den Hörwelten der Ton- und Rythmuskombinationen und den Geschmackswelten im Stoffaustausch und den Gerüchewelten der Nasen und den Widerstandswelten des Fühlens von den Fingerspitzen bis in das Innenbefinden, demnach handelt es sich eben auch um das Crossover der fünf Sinne im ständigen gegenseitigen Beeinflussen der Medien durch das von ihnen Transportierte vice versa.

Es geht also, in der Begrifflichkeit der Debatte um Transfer ausgedrückt, um Transfer zwischen Kunst und Wissenschaft, um Transfer zwischen den Künsten und zwischen den Wissenschaften und solchen Mikrosinns auf der Makro-Ebene um Transfer zwischen den Kulturen. Protheus-Wesen des Transfers, nicht wahr?

Während der ökonomistische Formalismus marktgerecht nur den quantifizierenden Austausch und dessen quantifizierenden Verkehr kennen will, nicht das qualitativ Produktive darin. Die Politik hat sich dem völlig ihre letzte übrig gebliebene Hauptaufgabe des Rankens und Evaluierens die Bezifferung sämtlicher qualitativer Leistungen und qualitativer Genüsse ihren Mitarbeitern abverlangt. Nur das Abzählbare existiert, ich zähle und ich werde gezählt, ausgezählt – also bin ich, ein Infantilisieren in die kindlichen Abzählverse hinein.

Innerhalb einer aufs Abzählbare, Auszählbare, Zuzählbare reduzierten Welt muss trotz des Zusammenhangs von Zahl und Erzählen, vielmehr durch Vernichten dieses Zusammenhangs, das Medium unbeeinflussbar sein durch das von ihm Transportierte wie das Transportierte unbeeinflussbar vom Medium, Codierungen und Decodierungen unterliegen einer unwandelbaren Gleichsetzung als ihre Arbeit, das nennt man Erstarren, Versteinern in aller Beweglichkeit des absoluten Verkehrs nur um seiner selbst willen. Dieser Schein der Beweglichkeit erzeugt sich ja nur aus dem Vordringen der differenziellen Analyse in die Nanobereiche, doch überall landet das Vordringen der differenziellen Analyse wieder bei der Starre der Zahl.

Daher gilt für die Verkehrsstruktur im ökonomistischen Formalismus das Bild von der Fähre samt dem Fährmann, die man kurz nach Gebrauch wieder vergessen hat, so wie der Fährmann seine Transport-Kunden nach Erhalt des Fährgelds. Dem steht für eine antiformalistisch qualitative Sicht auf Verkehr der Mythos vom Jesusträger Christophorus entgegen, beide vergessen einander nicht und sind durch einander anders geworden. Also inhaltliches Verwandeln in Gegenseitigkeit durch Verkehr.

In Hinblick auf diese beiden Bilder kann ich jetzt verdeutlichend sagen, dass ich trotz Christophorus nicht vollständig gegen die Fährmänner und ihr Fähren bin. Als Faktoren sind sie von Realitätssinnigen anzuerkennen, nur nicht als alles verschluckende Grundmuster. Also auch formalisierende Ökonomie muss als eine Ebene menschlicher Gesellschaft gesehen werden, das ist etwas anderes, als sich ökonomistischem Formalismus zu unterwerfen.

Die umrissene qualitative Auffassung von Transfer, dieser so hoch bedeutsamen Angelegenheit der Menschenwelt, zu allen Kurzdefinitionen des Menschen könnte man ja hinzufügen, der Mensch sei ein durch und durch transferierendes Wesen, ohne dass man den Tieren Transferieren absprechen müsste, das geht ja auch bei allen anderen Kurzdefinitionen nicht, nur sind Tiere diese Züge der Kurzdefinitionen nicht durch und durch, also die qualitative Auffassung vom Transfer entwickelte sich mir im Ärger über das Entstehen des ökonomistischen Transfers im Bereich der Kulturproduktion mit seinen alles ergreifenden und banalisierenden, stumpfsinnig machenden Ansprüchen.

Und da kam es zur Begegnung mit Christian Reder, der schon längst an der Ausbildungs- und Forschungsausrichtung hin auf die Problemfelder einer qualitativen Transferauffassung für Kunst- und Wissenstransfer arbeitete. Er organisierte seine Lehrkanzel an der Universität für angewandte Kunst hin auf eine Institution, die im Blick auf ihre nun schon jahrzehntelange Arbeit zu Recht in den letzten Jahren den Namen eines Zentrums für Kunst- und Wissenstransfers führt, zu Recht weil anders arbeitend als die Marketing-Abteilungen der anderen Kunsthochschulen, die mit dem Namen nur Etikettenschwindel betreiben.

Unter anderen Projekten entwickelte er das ganz große Konzept eines Forschens und Gestaltens unter den Bedingungen eines Erfahrens von historisch enorm herausgehobenen Transfergegenden um Europa herum und in seinen Rändern, die als solche gerade im Sinn des qualitativen Transfers dem üblichen Bewusstsein gar nicht so präsent sind. Da wurde zum ersten Damaskus genommen (Reder/Ferfoglias Buchtitel Transfer Projekt Damaskus, Wien 2003), jene Gegend der Wanderbahn in menschheitlicher Dimension, nämlich der großen Wanderbahn aus Afrika nach Europa und Asien, und schließlich per Asien im Grunde auch nach Amerika über die Beringstraßen-Aleutenbrücke.

Bis heute versammelt Damaskus alle möglichen Religionen des Christentums zum Islam hinzu und damit deren Kulturen. Während allerdings die Juden, die auch lange zu Damaskus beigetragen haben, rausgeekelt wurden, schließlich gibt es ja die Dauerfeindseligkeit gegen Israel mit Unterstützung der Kriegsakte des Terrorismus. Diese Sperrlage entspricht eigentlich dem allgemeinen Bewusstsein aus Europa heraus seit der Ausbreitung des Islam viel stärker, als handele es sich beim Rand des östlichen Mittelmeers eher um einen Sperrpass als um eine Transfergegend, was sich aber durch alle früheren Zeiten bis vor kurzem historisch widerlegen lässt, außer für Angst schürende Ideologien gegen den Transfer in kultureller Hinsicht. Denn das Wirtschaftliche hat sich ohnehin nie um diese Ideologien gekümmert, außer man konnte sie zum Entladen von Aggressionen einsetzen für das Beherrschen von Wirtschaftszonen zwecks ausbeuterischen Austauschs.

Die nächste weite Randzone zu Europa, die man nun im allgemeinen europäischen Bewusstsein eher als die durch Natur entschiedene Sperre auffasste zwischen Weltteilen und die doch historischer Wahrheit nach einen weiten Transferbereich ausmacht, das war die Sahara (Reder/Semotans Buchtitel Sahara. Text und Bildessays, Wien 2004). Die riesige Wüste verhält sich nämlich wie das Meer, zwar unterdrückt sie sich nicht vorbereitenden, unausgerüsteten Spaziergangsverkehr, aber dem Ausgerüsteten und Vorbereiteten schafft sie Weiten für von Grenzen und Kleingruppeninteressen weithin unabhängiges Transferieren, Transportieren.

Verwandtes gilt für die Steppenzonen ab der Nordküste des Schwarzen Meers gen Osten, nun mit Anschluss an die Donau, diesem weit ausgreifenden Transfersystem einer Flusslandschaft gen Westen (Reder/ Kleins Buchtitel Graue Donau, Schwarzes Meer, Wien 2008). So also diese drei Randzonen des Europäischen mit historisch besonders gesteigertem Transfercharakter, daran orientierte sich das Redersche Konzept.

Man hätte selbstverständlich auch weitere Randzonen nehmen können oder die Liste variieren. Doch so wurden für Europas Geschichte die wichtigsten eingefangen. Und irgendwo muss man als endliches Wesen einmal anfangen, und man kommt zu angestanden habenden Fragefeldern selbst bei höchst weiter Konzeptanlage kaum an einen vervollständigenden Schluss in allen Angelegenheiten, alle Abschlüsse mit dem Schein von Vollständigkeit haben einen erzwungenen Charakter.

Klar, dass vom Ausbildungs- wie Forschungsgesichtspunkt her innerhalb des jetzt umrissenen Allgemeinkonzepts und gemäß der hier gezeichneten Charakterbestimmung von Transfer nur Projektstudium und Projektforschung in Frage kamen. Was alles der Projektgedanke zu umfassen und zu enthalten vermag, dazu hat Reder, wiederum beiherlaufend, ein groß angelegtes Projekt durchgezogen mit vielen Beiträgen vieler Mitwirkender in Diskussion darüber und das in einem umfangreichen Buch veröffentlicht: Lesebuch Projekte.

Es gibt wohl nichts Vollständigeres zum Thema als dieses der Fragmentarik und Unvollständigkeit nachgehende Buch. So viel soll in Kürze festgehalten werden: Projektcharakter in Ausbildung wie Forschung setzt bei genügend wichtiger Praxisproblematik ein und erfordert darum interdisziplinäres Arbeiten. In beidem meldete sich mit Hinblick auf das Konzept der drei Transfergegenden Fragwürdigkeit an. Zum einen aus Zeitmangel musste sich der Praxisbezug sprechend-gesellschaftliches Wesen ist, liegt all seiner Praxis als erste Praxis Verständigung zu Grunde.

Das Wichtigste der Praxis kam also trotz der Beschränkung in den Blick. Das Interdisziplinäre aber, das die nächste Fragwürdigkeit aufwirft, darf nicht als der kleinste gemeinsame Nenner der Disziplinen verstanden und so eingesetzt werden. Demzufolge setzt das Interdisziplinäre eine Mitarbeiterschaft der aufs Beste Fachorientierten voraus, die zugleich über Verständnisgrundlagen der mitwirkenden Disziplinen verfügen. Erst so werden sie qualifizierte Diskussionspartner für die Anderen, können den anderen Fachsprachen folgen und in ihnen sich äußern, so wie der sprachliche Übersetzer in beiden Sprachen, zwischen denen er übersetzt, oder in dreien oder vieren kompetent sein muss.

Allerdings lauert immer der Witz im Hinterhalt, in dem einmal ein Papst die Erhebung eines empfohlenen Kardinals, empfohlen, weil dieser so viele Sprachen beherrsche, zum Kardinalstaatssekretär verweigerte, mit dem schlagenden Argument, aber der Empfohlene habe in den vielen Sprachen, die er beherrsche, nichts zu sagen. Wo lauern solche Hinterhalte allerdings nicht?

Doch gerade fürs Interdisziplinäre haben wir in der euroamerikanischen Kulturgeschichte zwei Modelle als Fächer oder Disziplinen, die aus der Gegenstandsbestimmung ihrer Angelegenheiten heraus immer schon das Interdisziplinäre auf höchstem Niveau zentral betreiben mussten, die Kunstgeschichte und die Ethnologie. Wie hätte sonst etwa aus der Ethnologie heraus durch Claude Lévi-Strauss die von ihm darin entwickelte Methode des Strukturalismus für alle Wissenschaften und für Kunst- und Gestaltungsorientierungen gültig werden können?

Und nicht zu vergessen die Philosophie, wenn man sie begreift als die Spezialisierung auf das Allgemeine. Niveaumangel liegt also allemal nicht begründet im Interdisziplinären selber, sondern allenfalls in seinem Missbrauch, der es zerstören möchte. Was wiederum für alle Fächer oder Disziplinen menschlicher Tätigkeit gilt. In allem Interdisziplinären wie Transferialen aber darf nicht allein und verabsolutierend, ja nicht einmal im Hauptgewicht das Zusammenbringen von allem, die große Kommunion gefeiert werden, obwohl sich verständigen möchten die Mathematik mit der Kunstgeschichte, die Chemie mit den Literaturwissenschaften, der Expressionismus mit der Konkreten Kunst und beide mit der mittelalterlichen Buchmalerei etwa.

Doch es geht um interdisziplinäre Diskussion, von altem Wortsinn her ein Auseinanderschneiden, und um interdisziplinären Diskurs, von altem Wortsinn her ein Auseinanderlaufen, also um das hoch Differenzielle im Widerstand gegen Verallgemeinerung. Hierzu kann man viel lernen einmal von Adorno (Negative Dialektik), zum anderen von Jacques Derrida (Dekonstruktivismus).

Kunst und Forschung

Für die Projekte am von Reder begründeten Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer spitzt sich dieser Gesichtspunkt zu auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Forschung. Hier zuvor hatte ich schon gerade mit Notieren von Adorno und seiner wissensmethodologischen Auseinandersetzung mit Max Weber kürzesten Verweis auf das angezeigt, was aus den Zügen der Verallgemeinerungsprozesse in der Forschung herausfällt und doch das Wichtigste zu sein hätte, also Adornos Ineffabile, das Unaussagbare, das Unausdrückbare, das Unableitbare, zu dem ja schließlich auch das Neue im Neuen gehört.

Denn um des Neuen willen ist es zwar vom Alten vermittelt, mindestens schon neu nur im Vergleich zu ihm, dem Alten, doch bewegt sich ein Faktor der Anschlusslosigkeit darin, sonst wäre das Neue nicht neu. Schon wieder eine Begegnung mit Reder, diesesfalls mit seinem Buch zu Forschende Denkweisen. Ja, einig darin mit ihm: Kunst ist Forschung.

Und weitere Einigkeit mit Reder darin: Und doch unterscheiden sich Züge der Kunst von denen wissenschaftlichen Forschens. Wissenschaftliches Forschen muss verallgemeinern, das tut in manchen Zügen auch die Kunst und dort fällt sie mit dem wissenschaftlichen Arbeiten auch zusammen, etwa im Arbeiten an der Zentralperspektive und der Anatomie des lebendigen Leibs in der Renaissancekunst, dem Arbeiten des Manierismus an den Metamorphosen des natürlichen Sehens und des Sehens durch die Sehprothesen, dem Arbeiten des Impressionismus an der räumlichen Wirkung der Farben, an der Dekonstruktion der Lokalfarbe.

Wiederum finden sich Züge funktionaler Einordnung künstlerischer Gestaltung in die wissenschaftliche Arbeit, die Illustrationsarbeit der Forschungsexpeditionen begleitet habenden Künstler, sie erst brachten die Bilder der neuen Welten mit nach Hause. Doch bleibt der Zug des Künstlerischen gegen das Verallgemeinern in wissenschaftlicher Forschung. Der Zug zum Einzigartigen, zum Singulären, zum Unitären, zum Individualen macht eben nachhaltig den Hauptzug in der künstlerischen Forschung aus, also will Kunstforschung zu allem hin, was aus den Verallgemeinerungswaggons der wissenschaftlichen Forschung herausfällt.

Reder, in Forschende Denkweisen, hebt das heraus durch die Auseinandersetzung mit auch international wichtig gewordenen österreichischen Künstlern im genannten Buch. Ich füge eine heute aktuell gewordene Überlegung hinzu. Es gab geistesgeschichtlich jenen von Jürgen Habermas so genannten Weg der Ausdifferenzierung der Disziplinen gemäß dem Prozess der Arbeitsteilung, der auch für die Künste sich geltend machte bis hin zur Idee der Reinen Kunst.

Für die Philosophie passierte das als die laufende Ausgliederung von Fragefeldern hin zu Einzelwissenschaften, zum Schluss kamen gar Psychologie und Sprache dran, für die sich Einzelwissenschaften ausbildeten. Antwort der Philosophie auf das Ausgliedern war der Existenzialismus. Denn Wissenschaftstheorie, die allgemeinste Wissenschaft aller Wissenschaften, das war nur ein zu Empirie allein verdammtes Hinterherlaufen hinter den Wissenschaften.

Der Existenzialismus wandte sich deswegen an das, was sich den Wissenschaften wegen deren Verallgemeinerungsintention entziehen musste, das Einzigartige, solchen Sinns Individuale als Forschungsgelände. Und doch kehrt auch darin das Allgemeine zurück, und zwar nun in seiner Spitzenform: Alles Existierende existiert in seiner je und je einzigartigen Existenz, das enthält doch im Spannungsbogen des Zerrisses die höchste Verallgemeinerung zum Gegenpol höchster Vereinzelung. Die Kunst unternimmt immer wieder, so überprüft das Redersche Buch, dem Zerriss des Spannungsbogens zu entgehen, indem sie wirklich das einzeln Existierende im einzeln Existierenden aufsucht und nicht in der Existenz als solcher, Diskussionsverhältnis zwischen Philosophie und Kunst.

Das ist es wohl, was den aus der analytischen Sprachphilosophie Angloamerikas gekommenen Richard Rorty bewog, in großer Wende zu Wurzeln der Romantik zurückzugehen und in Folge von Schelling die Künste zum Organon des Philosophierens zu erklären. Wir müssen die Forschung auffassen als das Unternehmen, sowohl das Verallgemeinerungsfähige festzumachen wie das unableitbar Einzelne und Neue offenzuhalten. Es geht also im Forschen um ein Ineinanderwirken von Wissenschaft und Künsten gemäß ihrem Charakter des Gegenzugs zueinander.

Anmerkung zum Schlusspassus

Sicher gibt es nach dem Existenzialismus weiter Philosophie. Aber entweder sind das Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie, die den Einzelwissenschaften ihre Frage- und Problemfelder samt eingesetzten Methoden überprüfen, also den Einzelwissenschaften nachfolgen, oder es ist eben das Denken der komplexen Praxisbezüge von Wissen in den an Marx orientierten oder orientiert gewesenen Philosophien.

Dann der Strukturalismus als Einzel- Wissenschaft kommen kann, vielmehr in sie eingehen muss und daher eine genuine philosophische Einstellung ist mit einem Hochbedeutsammachen des fantasierenden Einfalls gegen die Disziplinierung durch die Disziplinen.

Und selbstverständlich die postmoderne Kritik der Aufklärung, die man unter dem Gesichtspunkt einer Kritik der Aufklärung auch mit dem Dekonstruktivismus zusammen sehen kann. Ich wollte nur notieren, dass selbstverständlich mir mit dem Existenzialismus keineswegs der Veränderungsprozess der Philosophie ausgelaufen ist. Nur votiere ich für ein neuerliches Aktualisieren des Existenzialismus.

Burghart Schmidt, Jahrgang 1942, ist emeritierter Professor für Sprache und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Offenbach a. M. und lehrt derzeit als Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien.

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