Die Tugenden des Durchlauferhitzers

Ein Gespräch über Großzügigkeit, Nervosität und die Unstetigkeit des Projekte-Machens.

Claus Philipp Wenn man heute vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Kulturpraxis oder des Kulturförderungsprinzips den Begriff des Projekte-Machers definieren müsste – in welche Stoßrichtungen könnte das deiner Meinung nach gehen?

Ernst Strouhal Na ja, Projekte, eigentlich sollte man ein Moratorium durchsetzen, diesen Begriff ein paar Jahre lang nicht zu verwenden, weil sich das Wort abgenützt hat. Im Moment ist ja alles ein Projekt: Kochprojekte, Malprojekte, Kinderprojekte, alles quasi gleichwertig zum Projekt der Aufklärung. Projekte sind Vorhaben, die sich institutionell nicht so ohne weiteres binden lassen oder die genau in dem Moment absterben, wenn sie institutionell gebunden werden, also gewissermaßen programmatisch nur Programme sein wollen. Ich glaube, ein Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass es einen Anfang hat – aber auch ein Ende. Für Wien wäre das gar keine schlechte Anregung. Hier wird ja oft etwas mit kaum lebensfähigen Mitteln begonnen. Es darf dann aber auch nie sterben.

Philipp Das heißt, das, was in Wien lange währt, ist schon zum Tode verurteilt bzw. untot, per se?

Strouhal Ja, weil mitunter mit sehr unzureichenden Mitteln begonnen wird, in vielerlei Hinsicht: Geistigen Mitteln, ökonomischen Mitteln, aber es hört dann auch nie mehr auf, weil man sich an Dinge gerne und ein bisschen bequem gewöhnt, und weil die Mobilität geringer als in anderen europäischen Metropolen ist.

Philipp Warum?

Strouhal Ich denke, das hängt mit der historischen Erfahrung einer fatalen Stabilität im Ständestaat zusammen. Damit, dass wir gewöhnt sind, dass es neben dem parlamentarischen Gehäuse dieser Gesellschaft ein anderes, eisernes Gehäuse gibt, Blöcke mit unterschiedlichen Machtzentren, die jenseits der Demokratie für Stabilität sorgen. Also es gibt rote Autofahrervereine, schwarze Autofahrervereine, rote Bibliotheken, schwarze Bibliotheken, wem will man das erklären? Die ständestaatliche Kultur sorgt für Stabilität. Insofern braucht man Projekte-Macher, die diese Ordnung dynamisieren.

Philipp Na, ich bin ja wohl ein viel institutionalisierterer „Intellektueller“ als du, in dem Sinne, dass ich lange Zeit als Kulturressortleiter einer Zeitung gearbeitet habe und gewissermaßen abgesichertes Terrain hatte für mich und meine Ansätze für Kritik.

Strouhal Aber gerade als Kulturresortleiter warst du ja sozusagen ein Projektprofi, könnte man sagen, weil jeder Artikel ist ja sozusagen ein neues Projekt.

Philipp Auf der anderen Seite ist alles, was man dann quasi an Artikeln und Textbausteinen von sich gegeben hat, nur Zement und Ziegelwerk im Rahmen dessen, was eh bereits an sicherem Mauerwerk vorhanden ist.

Strouhal Dem könnte man entgegenhalten, dass diese einzelnen Projektbestandteile heute ohnehin nicht mehr flüchtig sind. In Zeiten des elektronischen Gedächtnisses wird ja jede kleine Anstrengung, jedes Projekterl irgendwo vermerkt, Die Tugenden des Durchlauferhitzers wird archiviert und ist abrufbar. Lange Zeit haben Projekte das Recht auf Vergessen gehabt. Dieses Projektrecht, glaube ich, existiert heute nicht mehr.

Philipp Wo hattest zum Beispiel du die erste Möglichkeit dich intellektuell zu äußern und gewissermaßen kommentierend einzuwirken auf eine Form von österreichischer, deutschsprachiger Realität?

Strouhal Sehr früh. Ich habe mit 18 als Journalist begonnen, bei der Volksstimme, habe dann später viel beim Falter geschrieben. Rückblickend ist es schon erschreckend, dass es Leuten unserer Alterskohorte, die keineswegs je sprachlos oder ohnmächtig waren, über Jahrzehnte nicht gelungen ist, zum Beispiel ein paar alte, schwer belastete Nazis wie den Psychiater Heinrich Gross aus den Ämtern zu jagen. Das war ein Projekt, im Ergebnis ein Projektversagen.

Philipp Man durfte sich äußern, aber es gab keine Möglichkeit, mit Äußerungen nachhaltig Veränderung zu bewirken.

Strouhal Ja, es gibt in Österreich wie nirgendwo sonst die Tradition einer sehr staatsnahen Aufklärung. Und meinereiner ist damals sehr schnell ins Gravitationsfeld der Institutionen geraten, ironischerweise mit Projekten, die rasch und umstandslos auf Interesse stießen und gefördert wurden. Unter dem heute heiliggesprochenen Bundeskanzler Kreisky ist es passiert, dass man große Gruppen von frei schwebenden, projektorientiert arbeitenden Intellektuellen, die noch die Entscheidung treffen konnten, ob sie in die Institutionen einchecken wollen oder nicht, sehr nahe an Institutionen und ihre Logik herangebracht hat und sich kaum eine unabhängige kritische Öffentlichkeit bilden konnte wie in anderen Ländern.

Philipp Du würdest also retrospektiv sagen, es war ein Fehler, kritische Öffentlichkeiten in die Institutionen zu integrieren?

Strouhal Ja, weil der Gang durch die Institutionen ist mangels konkreter Utopien ein sehr schwerfälliger geworden. Wir waren selber Schuld, vor allem bequem. Mehr denn je fehlen, wie kann man sie nennen, Menschen an den Schnittpunkten von Institutionen und Projekten, und ich befürchte, dass diese Kluft derzeit noch viel tiefer wird, zwischen Leuten, die verurteilt sind, Projekte im Prekariat zu erarbeiten, um irgendwie davon zu leben, und denen, die sich in Institutionen gerettet haben.

Philipp Ich sehe das genauso. Die Frage wäre also, ob in Österreich ein Begriff wie der der Zivilgesellschaft zu Gunsten eines Begriffs der Parteipolitikgesellschaft nicht permanent zum Scheitern verurteilt ist.

Strouhal Ich kann mich aber an sehr interessante Personen an den Schnittflächen erinnern, wie etwa Fritz Hermann, den damaligen Sekretär von Fred Sinowatz. Der hat das Schmählied „Trara Trara, die Hochkultur!“ quasi vom Ministeriumsfenster aus geschrieben und im Forum veröffentlicht. Der Bundeskanzler musste dann nach Salzburg fahren und sich bei Karajan („… der woscht sein Oarsch in Goidlawur“) entschuldigen. Solche Personen sehe ich heute weniger denn je. Aber es gibt sie: Durchlauferhitzer, die die Institutionen aufmischen und in einer gewissen Unruhe halten.

Heute verwechseln Kulturpolitiker sehr bequem Toleranz mit Gleichgültigkeit. Das Betonen der Autonomie (der Wissenschaft, der Kunst usw.) ist eine Carte blanche für die absolute Gleichgültigkeit. Welcher Politiker mischt sich heute kritisch in ein Kulturprogramm ein? Dies führt zu einer Situation, die in gewisser Weise kulturell tumultös ist, aber eher einem hochtourig fahrenden Stillstand ähnelt. Ich denke, dafür braucht man Leute, die sich und den Begriff „Projekt“ wirklich ernst nehmen als Vorhaben, das sich auch einer politischen Kritik durch die Zivilgesellschaft aussetzt.

Philipp Wie erklärst du dir, dass dieser Zustand über die Jahre und die sich abwechselnden Protagonisten hinweg – und wir reden ja doch wohl von einer linken Bewegung, also sagen wir Kreisky, Sinowatz, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann –, dass das immer übler wurde und wird und dass man so eine Abwärtsbewegung eigentlich kaum bremsen oder verändern kann?

Strouhal In Bereichen wie Bildung und Kultur zeigt sich am ehesten das ideologische Vakuum, das auch in anderen gesellschaftlichen und politischen Feldern herrscht. Hier ist weder die ständestaatliche Kultur noch der Schock, den der Fall der Berliner Mauer ausgelöst hat, überwunden. Das Vakuum erzeugt seinen eigenen Diskurs und sehr spezielle Sprecher.

Philipp Manchmal entwickle ich, quasi advocatus diaboli, für mich eine besonders gestörte, durchaus resignative Gesellschaftstheorie für Österreich, die besagt: Das eigentlich relevante kritische Potenzial für die österreichischen Verhältnisse, auch weil es das hierzulande am besten angelernte und eingeübte ist, wäre das katholisch-bürgerliche. In manchen katholischen Strömungen in diesem Land ist mehr an Empathie für diese Gesellschaft und Leidenschaft zu spüren als in den so genannten linken, sozialistischen, sozialdemokratischen Positionen zu sehen. Das ist ein bisschen gehässig formuliert und es ist auch eine schreckliche Position, weil man sich dann sofort in die Hände der Herrn Erhard Buseks und Andreas Khols dieser Welt begibt.

Ein bisschen so wie Thomas Bernhard, der auf die Nadelstreifsozialisten fluchte und letztlich immer wieder mit dem Aristotrachtenlook kokettierte. Aber auf der andern Seite habe ich schon so ein seltsames Gefühl, interessieren tut sich für uns und was wir machen, immer noch, wie soll man sagen, der Halbadlige von links mehr als der Linksradikale von rechts. Aber was ist mit dem Citoyen? Was ist der Citoyen, den wir gerne als Gegenüber haben/hätten, heute?

Strouhal Vielleicht ein Staatsbürger, der sein Geschäft mit Leidenschaft betreibt, also der sich leidenschaftlich gerne in seine eigenen Angelegenheiten einmischt.

Philipp Also, der sich in dieser Rolle nicht nur definiert, sondern auch über sie zu berichten oder abzuhandeln weiß …

Strouhal … und der Demokratie, im Besonderen repräsentative Demokratie, als Projekt betreibt. Mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit …

Philipp … und Großzügigkeit.

Strouhal Wenn beides fehlt, dann entsteht eine seltsame Demokratieferne oder besser: Ferne von den Institutionen der Demokratie. Man schätzt sie, aber will sich kaum mehr an ihnen beteiligen. Diese Situation ist im Moment, glaube ich, die vorherrschende.

Philipp Das heißt, der Citoyen ist von der Gesellschaft und von den Spielchen, die in ihr gespielt werden, per se denkbar weit entfernt oder ist ihr abhanden gekommen.

Strouhal Der Bürger erlebt jetzt eine besondere Renaissance. Als Wutbürger, als saturierter Rabauke, also als Unbürger. Teile der Gesellschaft entfernen sich von den demokratischen Institutionen, als da wären Modernisierungsverlierer oder: Leute, die viel Angst haben. Den Gegentrend bilden – für die ältere Generation – die Grünen und – für die jüngere – die Piraten, eigentlich, und da stimme ich dir zu, bürgerliche Bewegungen.

Philipp Man kann ja sagen, die Grünen sind eigentlich die Kinder der Schwarzen. Restaurativ im eigentlichen Sinne des Wortes, wir bewahren unsere Gärten, unsere Häuser. Und liberal dort, wo es kein Geld kostet.

Strouhal Ja, man kann endlos über den Kopftuchzwang diskutieren, über die Homoehe. Das sind die Spielflächen, die das Kapital der Politik überlässt. In Wahrheit ist Politik heute der Spielraum, den die Banken der Gesellschaft überlassen, und Politik ein Diskurs, der auf die mildernden Umstände der Banken hofft. Und das verdrießt die Menschen.

Philipp Wenn du den Begriff des „Durchlauferhitzers“ ins Spiel gebracht hast, würde ich sagen, dass das im Prinzip ein antiösterreichisches Phänomen ist. Wir haben eher Durchlaufabkühler, also Personen oder Institutionen, die sagen: „Das und das ist notwendig, das frieren wir jetzt auf die Stufe so und so hinunter“, und dann mit diesem kleinen Eiswürfel im Whiskyglas spazierengehen. Der Durchlauferhitzer als Projektemacher ist aber das pure Gegenteil – in einem permanenten Zustand der Dauererregtheit, indem er Informationen mit sich und weiter trägt und versucht, sie möglichst schnell an den Nächstbietenden anzubringen.

Sehr schön beschreibt die österreichische Entfernung von diesem Projektdenken Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften. Da ist die große staatliche Parallelaktion ja keine Aktion von Durchlauferhitzern, das ist eine von traditionell verhafteten Verfestigern.

Strouhal Ja, ausgestattet mit der Tugend unerhörter, sektionschefiger Stetigkeit. Der Durchlauferhitzer ist dagegen ein Entwicklungshelfer, bewaffnet, du hast es erwähnt, mit Leidenschaft, Großzügigkeit und vielleicht mit dem Talent zur Unstetigkeit. Dort, wo sich etwas verfestigt, wird der Projektmacher untreu …

Philipp … und nervös. Nervosität ist ein drittes, ganz wesentliches Element, was von vielen als störend empfunden wird.

Strouhal Stört ja auch, aber wenn Katatonie der Normalzustand ist, ist Nervosität eine Tugend. Ich bin lieber mit einem nervösen Menschen zusammen als mit einem apathischen, auch und gerade weil er mich nervös macht.

Philipp Wobei die Nervosität auch von den so genannten Institutionen ja nicht unbedingt als ein Positivum gesehen wird, sondern eher als eine die Stabilität verunmöglichende Charaktereigenschaft. Wenn jemand Visionen hat, soll er zum Arzt gehen, lautete das Verdikt, das man Vranitzky zuschreibt. Stellen wir uns folgende Situation vor: Wir haben eine relativ günstige ökonomische Basis. Wir könnten tun, was wir wollten. Wir wären tatsächlich in der Lage Projekte in Gang zu setzten, Dinge zu tun. Was würden wir tun?

Strouhal Man könnte in zwei Richtungen denken. Einerseits über Dinge, die man schafft, zugleich könnte man aber über Dinge nachdenken, die man abschafft.

Philipp Was schafft man da ab?

Strouhal Konkret, wenn ich ein reicher Sammler wäre, würde ich wahrscheinlich internationale Auktionshäuser besuchen und ein paar Dinge aus dem Verkehr ziehen. Damit sie nicht mehr auf die Nachwelt kommen.

Philipp Zum Beispiel? Was wären das für Reliquien, die es nicht mehr geben soll?

Strouhal Na ja, kleine Vasen zum Beispiel. Die könnte man ankaufen und dann zertrümmern.

Philipp Also einfach erledigen.

Strouhal Ja, einfach erledigen. Vielleicht macht man noch ein Polaroidfoto, um einen Nachweis zu haben, eine Art Projektbericht.

Philipp Sehr schöne Idee, ein schönes Projekt. Wir haben uns vor unserem Gespräch zwar darauf geeinigt, dass wir Christian Reder nicht erwähnen, aber sei’s drum: Ich empfand ja immer als sein stärkstes Buch Wörter und Zahlen. Das Alphabet als Code, was im Grunde ein Text darüber ist, dass man im Text, den es gibt, immer einen anderen noch lesen könnte, indem man ihn – in diesem Fall mathematisch – anders lesbar macht.

Strouhal Ja, und zwar mit pataphysikalischer Genauigkeit. Die Buchstabenwerte werden in Zahlenwerte übersetzt, das hat, glaube ich, ein kabbalistisches Moment, ist aber keine Übersetzung, sondern ein Transfer.

Philipp Es ist etwas, was man fälschlicherweise als esoterisch lesen könnte, aber das ist es ja nicht. Es ist eher eine Konstellation oder eine Spielanordnung, in der der Autor ein hoch riskantes, sehr intensives Spiel betreibt und sagt: „Was kommt eigentlich dabei heraus?“ Und es kommt etwas heraus. Ist das eine konjunktivische Fantasie?

Strouhal Ich glaube, Fantasie braucht den Konjunktiv, aber Fantasie hat bald einer. Das Genie besteht aber darin, die gute Idee ein ganzes Buch lang, ganze Jahre lang weiter zu verfolgen. Für mich ist ein anderes Buch von Reder sehr wichtig, die Forschenden Denkweisen. Essays zu künstlerischem Arbeiten. Da sagt der Autor etwas über die Maschinen von Gironcoli, das Erzeugen „der eigenen, kreisenden, sich selbst unterbrechenden Kontinuität“, was vielleicht für ihn selber gilt. Er bringt die Dinge, Zitate, Gedanken in seine eigene, kreisende, sich selbst unterbrechende Kontinuität. Die finale Unterbrechung endet dann immer in einem Produkt und erfolgt durch den Drucktermin. Projektarbeit, Transfer geschieht immer unter Druck, insbesondere, wenn die Druckerei …

Philipp … ein herrlich mehrdeutiges Wort…

Strouhal … so viel Druck erzeugt, dass das Konjunktivische aus ist, raus muss, und dann darf das nächste Projekt beginnen.

Philipp Wir können die Anmerkungen über die Bücher nachher auch kürzen, wenn wir das Wort Reder nicht erwähnen wollen. Ist aber blöd.

Strouhal Einverstanden.

 

Claus Philipp ist Kulturjournalist und leitet das Stadtkino Wien.

Ernst Strouhal ist Professor für Kunstsoziologie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zuletzt gab er gemeinsam mit Ulrich Schädler den Band Spiel und Bürgerlichkeit (Springer, 2011) heraus.

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