Was die Mitternacht spricht
In ihrem neuen Buch Tiefer als der Tag gedacht, breitet Elisabeth Bronfen eine ebenso inspirierende wie beeindruckende Materialsammlung aus, überraschende Einsichten bleiben allerdings dünn gesät
Autor: Daniela Strigl
Der „tolle Mensch“ des Friedrich Nietzsche zündet eine Laterne an am hellichten Tage, weil er Gott sucht, vergeblich, denn sie „Alle“ hätten ihn getötet: „Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? (…) Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ Der Tod oder genauer: die Ermordung Gottes bedeutet den Verlust der moralischen Grundlegung für das abendländische Denken: „Jenseits von Gut und Böse“ strahlt aber zugleich eine „neue Morgenröthe“ für den Menschen, ein offener Raum voll Möglichkeiten und Gefahren.
Weil Nietzsche Tag und Nacht nicht als einander ausschließende Prinzipien sieht, sondern als ineinander verschränkte, einander durchdringende Wirkkräfte, taugt er zur Schlüsselfigur für Elisabeth Bronfens kulturgeschichtliches Nachtstück – und als Titelgeber: „Die Welt ist tief,/ Und tiefer als der Tag gedacht“ heißt es auf die Frage „Was spricht die tiefe Mitternacht?“ in Zarathustras Lied „Oh Mensch! Gieb Acht!“ Die tiefste Tiefe ist für Nietzsche in der „tiefen Mitternacht“ genauso zu erfahren wie im hohen Mittag als einem Moment der Entrücktheit: „Es giebt einen Theil der Nacht, von dem ich sage ‚hier hört die Zeit auf‘. Nach allen Nachtwachen, namentlich nach nächtlichen Fahrten und Wanderungen hat man in Bezug auf diesen Zeitraum ein wunderliches Gefühl: er war immer viel zu kurz oder viel zu lang, unsere Zeitempfindung fühlt eine Anomalie“ schreibt Nietzsche 1881.
Auch für solch konkrete Nachterfahrungen ist Platz in Elisabeth Bronfens voluminöser Studie, mehr jedoch reizen sie die kulturellen Transformationen des Individuellen. Nietzsches emphatisches Prosagedicht Also sprach Zarathustra, das „Buch für Keinen und Alle“, liest sie als eine Reise ans Ende der Nacht, als philosophische „rite de passage“, als Ritual des Übergangs, in dem die Konsequenzen des Erwachens offen bleiben. So wie schon in Die Geburt der Tragödie das Prinzip des Dionysischen, des Dunklen und Rauschhaften, nicht ohne das Apollinische fassbar ist, so ruft Zarathustra seine neue Religion des Übermenschen als Grenzgänger zwischen Tag und Nacht aus. Die Autorin interpretiert Nietzsches Lavieren „zwischen der Skylla dionysischer Entschaffung und der Charybdis apollinischer Neuschaffung“ als „List, um das Namenlose im Namen zu erhalten“, und als „gesunde Gleichgültigkeit“. Der Leser freilich kann nicht umhin, an die ungesunde Richtung zu denken, in die Nietzsches seelischer Zustand sich entwickelt hat, und die Tatsache, dass die Nacht auch ihren Anteil an der „Umnachtung“ hat, biografisch zu verstehen. Die Autorin hingegen hält poststrukturalistische Disziplin und pflegt das entpersönlichte Wissen.
Elisabeth Bronfen, Professorin am Englischen Seminar der Universität Zürich, Verfasserin von Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik (1993) und Diva. Eine Geschichte der Bewunderung (2002), will mit Tiefer als der Tag gedacht ausdrücklich keinen „historischen Abriss“ bieten, also eigentlich gerade keine „Kulturgeschichte“, auch keine philosophisch-ästhetische Motivgeschichte des Nächtlichen, sie will vielmehr Schlüsselbilder aus der Vergangenheit in späteren Umschriften und Diskursen aufspüren und so einen „Denkraum“ eröffnen: „Eine Kartographie der Nacht, die deshalb zwischen historischen Zeiten ebenso springt wie zwischen Philosophie, Literatur, Oper und Kino“, weil die untergründige Wirkung der immer wieder verdrängten Nachtgedanken auf unser „kulturelles Imaginäres“, unseren geistigen Fundus, sich in der Vielfalt der Stimmen am besten demonstrieren lasse.
Das klingt modisch und hat doch zweifellos Methode. Die wirklich überraschenden Einsichten sind in dieser beindruckenden und inspirierenden Materialsammlung freilich dünn gesät. Ja, die Nacht verweist auf den Tod, ja, die Nacht ist der Ort des Traumes, der Erotik, der Ekstase, des Wahns, und ja, „wir brauchen die Nacht, um verborgene, verbotene und vergessene Welten zu erfahren“. Wer wollte bestreiten, dass die Nacht „nicht allein zum Schlafen da“ ist?
Bronfen beginnt ihren nächtlichen Gewaltmarsch mit einer Lektüre der Zauberflöte, in der Emanuel Schikaneder die „sternflammende“ Königin der Nacht am Ende von Sarastro, dem Fürsten des Lichts, in ewige Dunkelheit stürzen lässt. Sarastros Reich ist keineswegs so freundlich und hell, wie es den Anschein hat. Andersdenkende schließt es aus: „Wen solche Lehren nicht erfreun, verdienet nicht, ein Mensch zu sein.“ Die siegreiche Aufklärung erschafft die Taghelle der Vernunft, indem sie Nacht und Furcht an den dunklen Rand ihres Horizontes verbannt; Freiheit wird nur erreicht um den Preis der Unterdrückung des anderen, das immer wieder zurückschlägt: Das meinte Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung.
Die Zauberflöte inszeniert 1791 auch einen politischen Machtwechsel: die Entthronung der dunklen Kräfte der Kirche und des Feudaladels. Schikaneders Märchen markiert aber für Bronfen vor allem den historischen Augenblick, da just am Höhepunkt der Aufklärung die Denkfigur der Nacht ins mythische Erzählen zurückdrängt, wo sie immer wieder aufs neue Gestalt, Benennung, Wirksamkeit gewinnt. Michel Foucault hat dort wissenschaftliche Goldgräberstimmung festgemacht: Die Nachtseite der Vernunft wird pathologisiert und klassifiziert, damit die Dinge ihre Ordnung haben.
Bronfen spannt einen gewaltigen Bogen von der düsteren Göttin Nyx aus der Theogonie des Hesiod über Milton, Shakespeare, Hegel, Wagner und Freud (eines der brillantesten Kapitel) bis zu den nächtlichen Flaneuren à la Baudelaire und der nachtzugewandten Welt der Virginia Woolf. Dabei verzichtet sie auf manch Naheliegendes, etwa den Totenkult der Ägypter, und nimmt sich dafür auch entlegener und abseitiger Literatur an: der Texte zur Grundlegung der Ästhetik des Alexander S. Baumgarten etwa, die 1750 den „Grund der Seele“ als Nährboden einer dunklen Erkenntnis einführen, oder der Werke der Schauerromantik, die sich wollüstig der tödlichen Verlockung der Nacht hingeben. Außerdem beleuchtet Bronfen allegorische Bilder der Nacht, von Karl Friedrich Schinkel, Arnold Böcklin oder Ferdinand Hodler, und die fatalistische Pechschwärze des „film noir“. Ob Der Sommernachtstraum oder Der Malteser Falke: Die Methode, mit der Bronfen Texte und Kontexte erhellt, ist die der vorsichtigen Umzingelung, des zögerlichen Dingfestmachens, des Drehens und Wendens und ständigen Neuerzählens. So reiht sich eine sorgfältig entfaltete Inhaltsangabe an die nächste, und nicht alles will der Leser gar so genau wissen. Das Ergebnis ist letztlich nicht weit entfernt von der klassischen Geistesgeschichte, es hat deren Vorzüge wie deren Nachteile. Novalis’ großartig inbrünstige Hymnen an die Nacht (1800) etwa können als Kunstwerk nicht von Interesse sein, sie zählen nur als Beleg, als Steinbruch für ideengeschichtlichen Schotter.
In ein solches Werk einzelne Autoren oder Werke noch hineinreklamieren zu wollen ist ein geradezu frivoles Unterfangen: Was fehlt, würde weitere Kompendien füllen, und 600 Seiten sind wahrlich genug. Aber eines fällt doch auf: Die wirkmächtigsten Wiederentdecker der Nacht im 20. Jahrhundert sind Elisabeth Bronfen nicht der Rede wert: Die Nationalsozialisten, deren Ideologen die „für das Deutschtum zersetzenden Funktionen“ des Vernunftzeitalters bis in die Literaturgeschichte zurückverfolgten und der „blutleeren Abstraktion der Aufklärung“ die „sinnenfreudige und zugleich seelenvolle Ganzheit neuentdeckten Lebens“ entgegenhielten (so der österreichische Germanist Heinz Kindermann), sie kommen als die Propagandisten und Erfüllungsgehilfen der schwärzesten Nacht in dieser „Kulturgeschichte“ nicht vor. Etwa um die Ehrenrettung des Irrationalen nicht aufs Spiel zu setzen?
Quasi auf dessen anderer Seite steht Maurice Blanchot, der Theoretiker des Verschwindens, mit seiner „autre nuit“, dem unmöglichen Zustand der Leere, in dem das Subjekt sich durch Text-Zeichen ersetzt sieht, vielmehr: eben nicht mehr sieht. Das ständige Umkreisen der Nacht bringt auch eine Verdunkelung der Sprache mit sich, in der darüber gesprochen wird, nicht nur bei den zitierten Texten, auch bei deren Interpretin. Es gibt nicht wenige imponierende Passagen, wie jene über die „nuit blanche“ der Schlaflosigkeit, aber es gibt auch Sätze, die sich an ihrem rhetorischen Rauschen ebenso ergötzen wie erschöpfen.
Bei allem Reichtum, den Elisabeth Bronfen in diesem Buch mit ihren Lesern teilt: Man wünschte ihr einen beherzteren Zugriff, weniger Modebewusstsein, ein Quentchen Unvernunft und – nächtlichen Unternehmungsgeist.
Elisabeth Bronfen: Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht. Hanser, München 2008. 639 Seiten, € 29,80 (D) / € 30,80 (A).
Daniela Strigl, geboren 1964, ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Wien. Zuletzt erschienen ihre Marlen-Haushofer-Biografie Wahrscheinlich bin ich verrückt … (Ullstein, 2007) und In welcher Sprache träumen Sie? (Theodor Kramer Gesellschaft, 2007), eine Anthologie österreichischer Exillyrik.

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