<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Recherche - Zeitung für Wissenschaft</title>
	<atom:link href="http://www.recherche-online.net/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.recherche-online.net</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Thu, 26 Apr 2012 11:54:17 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.1</generator>
		<item>
		<title>„Für und Wider zuhauf“</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/peter-frank-nationalbibliothek.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/peter-frank-nationalbibliothek.html#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 06 Dec 2011 16:03:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tomk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2658</guid>
		<description><![CDATA[<p>Länger wohl als die meisten Mitarbeiter und Benutzer kenne ich die Arbeit der ÖNB, der ich so viel verdanke. Deshalb mein Interesse.</p> <p>Der öffentliche Streit, der nun entbrannt ist, erinnert inzwischen an den von den Engeln und der Nadelspitze. Für und Wider zuhauf. Da werden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Länger wohl als die meisten Mitarbeiter und Benutzer kenne ich die Arbeit der ÖNB, der ich so viel verdanke. Deshalb mein Interesse.</p>
<p>Der öffentliche Streit, der nun entbrannt ist, erinnert inzwischen an den von den Engeln und der Nadelspitze. Für und Wider zuhauf. Da werden die Abteilungsleiter der ÖNB aufgeboten, während interne Gegenstimmen sich hüten, ihre Erfahrungen und Meinungen kundzutun. Das gibt ein einseitiges Bild.</p>
<p>Bei dem Streit interessieren mich Fakten:</p>
<p>- Die mannigfachen Verdienste von Frau Rachinger wird niemand schmälern wollen.</p>
<p>- Aber unabhängig davon sind etliche Entscheidungen bedenklich, wenn nicht schädlich. Sie wird man wohl als Bibliothekar zum Wohl der Institution ansprechen dürfen.</p>
<p>- Österreichische retrospektive Bibliographie, ein jahrzehntelanges Desiderat. Umgebende Länder haben sie längst, und es sollte die vornehmste Aufgabe gerade einer Österreichischen Nationalbibliothek sein, sie zügig zu Ende zu führen. Sie wurde eingestellt, zugunsten anderer Projekte.</p>
<p>- Schließung der Slavica-Arbeitsgruppe Ende des Jahres angekündigt. Gerade dieses Gebiet, mit Ost-, Südosteuropa, dem Balkan war jahrhundertelang ein Teil der österreichischen Monarchie, ein deshalb immer bevorzugtes Forschungs- und Sammlungsgebiet. Diese Schließung kommt auch noch zeitgleich mit der angeblichen Absicht der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das Balkan Institut zu schließen oder auszulagern !</p>
<p>- Anders als dargestellt wurde die international angesehene Flugblatt / Plakatsammlung aufgelöst, Mitarbeiter versetzt, wo sie ihre Erfahrungen nicht mehr nutzen können, oder pensioniert.</p>
<p>Diese Fakten verdienen sehr wohl eine ungesteuerte, sachliche öffentliche Diskussion, statt sie im Streit, in Verneblungskünsten verschwinden zu lassen.</p>
<p>Prof. Dr. Peter R. Frank<br />
Curator Emeritus, Stanford University Libraries, CA<br />
German, Austrian, Swiss Collections<br />
Heidelberg, Deutschland</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mehr zu diesem Thema:</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html">„Die Generalin“</a> oder: Wie man eine Nationalbibliothek herunterwirtschaftet. Ein Kommentar von Walter Schübler.</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/oesterreichische-nationalbibliothek.html">Elitäres Bibliotheksverständnis?</a> Ein Kommentar der Österreichischen Nationalbibliothek zu Murray G. Hall.</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/murray-hall-oesterreichische-nationalbibliothek.html">Zur Situation an der Österreichische Nationalbibliothek:</a> Ein Kommentar zu Walter Schüblers Beitrag „Die Generalin“. Von Murray Hall</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/peter-frank-nationalbibliothek.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Elitäres Bibliotheksverständnis?</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/oesterreichische-nationalbibliothek.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/oesterreichische-nationalbibliothek.html#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 06 Dec 2011 02:42:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tomk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2654</guid>
		<description><![CDATA[<p>Einem Blick von außen auf die Österreichische Nationalbibliothek möchte sich Ao. Univ.-Prof. Dr. Murray G. Hall anschließen und rät anstelle von Postings aus der Bibliothek zur Auseinandersetzung mit dem „Unbehagen unter ForscherInnen“. Der Literaturkenner und „Obmann der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich“ ist mit dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einem Blick von außen auf die Österreichische Nationalbibliothek möchte sich Ao. Univ.-Prof. Dr. Murray G. Hall anschließen und rät anstelle von Postings aus der Bibliothek zur Auseinandersetzung mit dem „Unbehagen unter ForscherInnen“. Der Literaturkenner und „Obmann der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich“ ist mit dem Urtext über „Das Unbehagen in der Kultur“ und den dort entwickelten Thesen zur Aggressionsunterdrückung sicherlich bestens vertraut.</p>
<p>Anstelle aber wie Freud einen rational-analytischen Zugang zu wählen, zieht Murray G. Hall es vor, seine persönlichen Aggressionen hinter unberechtigten Anwürfen an MitarbeiterInnen der ÖNB und  rhetorisch gestellten Fragen zu verbergen, die vor allem eines augenscheinlich werden lassen: ein letztlich elitäres Bibliotheksverständnis des 19. Jahrhunderts.</p>
<p>Seit Jahren werden an der Österreichischen Nationalbibliothek ausschließlich Erschließungs- und Katalogisierungsprojekte durchgeführt, die für die internationale Forschung wichtig sind. Aus diesem Grund wird Projekten, die in internationale Verbünde (VD16-18) eingebunden werden können, der Vorrang gegenüber proprietären Lösungen gegeben. Durch die Kooperation mit Google werden weiters in einem Schwerpunktprogramm der nächsten Jahre auch die Metadaten unseres historischen Buchbestandes erheblich verbessert werden. Der neu eingerichtete Forschungslesesaal wird selbstverständlich mit einer aktualisierten Fachbibliothek ausgestattet sein.<br />
All dies zählen wir zu den wesentlichen Aufgaben einer Nationalbibliothek, ebenso wie ein adäquates Reagieren auf den technologischen und gesellschaftlichen Wandel, dem die Bibliotheken weltweit unterworfen sind. Die dadurch notwendigen Reorganisationsmaßnahmen und das Schaffen von neuen, zeitgemäßen Angeboten führen notwendigerweise zu Diskussionen. Man sollte dabei aber immer bei den Fakten bleiben: Die Plakatesammlung zum Beispiel wurde nicht aufgelöst. Aus der Zusammenführung der Grafiksammlung und des Bildarchivs zu einer Organisationseinheit ergibt sich ein Service für alle Benützerinnen und Benützer der Bibliothek &#8211; mit einer nunmehr gemeinsamen Bibliothek in Freihandaufstellung und in Zukunft mit einem gemeinsamen Bestand im Bibliothekskatalog. Nebenbei bemerkt wurden diese Maßnahmen bereits zum Vorbild für Reorganisationen in anderen Nationalbibliotheken.</p>
<p>Gerade Herr Prof. Murray G. Hall war es, der in der Vergangenheit wesentlich von den forschungsfreundlichen Bedingungen in der Österreichischen Nationalbibliothek profitiert hat. Nicht nur für die Recherchen zu seiner Publikation betreffend die Nationalbibliothek in der NS-Zeit wurden ihm mit Ausnahmegenehmigung noch unerschlossene Archive geöffnet, auch seinen MitarbeiterInnen wurden stets sämtliche gewünschte Medien zur Verfügung gestellt. Die von Herrn Prof. Murray G. Hall dargestellte Beschränkung auf fünf Einzelakten ist schlichtweg unrichtig, eine entsprechende Zusage an seine Mitarbeiterin Frau Fechter liegt schriftlich vor.</p>
<p>Das Interesse von Prof. Hall an unserer Bibliothek und an der Bearbeitung des Archivs des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels ist uns ebenso bestens bekannt. Wir haben uns jedoch entschieden, den Auftrag an einen anderen Forscher zu vergeben, der hervorragende Arbeit leistet.</p>
<p>Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit<br />
Österreichische Nationalbibliothek</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mehr zu diesem Thema:</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html">„Die Generalin“</a> oder: Wie man eine Nationalbibliothek herunterwirtschaftet. Ein Kommentar von Walter Schübler.</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/oesterreichische-nationalbibliothek.html"></a><a href="http://www.recherche-online.net/murray-hall-oesterreichische-nationalbibliothek.html">Zur Situation an der Österreichische Nationalbibliothek:</a> Ein Kommentar zu Walter Schüblers Beitrag „Die Generalin“. Von Murray Hall</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/peter-frank-nationalbibliothek.html">„Für und Wider zuhauf“.</a> Zur Diskussion um die Österreichische Nationalbibliothek. Von Peter R. Frank</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/oesterreichische-nationalbibliothek.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Zur Situation an der Österreichische Nationalbibliothek</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/murray-hall-oesterreichische-nationalbibliothek.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/murray-hall-oesterreichische-nationalbibliothek.html#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 Dec 2011 11:02:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tomk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2647</guid>
		<description><![CDATA[<p>Ich möchte mich dem <a href="http://www.univie.ac.at/voeb/blog/?p=18946&#38;cpage=1#comment-3464">Kommentar von Dr. Michael Wögerbauer</a> anschließen. Mag. Dr. Walter Schübler ist es gelungen, auf eindeutig polemische Weise einen Blick auf die Nationalbibliothek <em>von außen</em> zu werfen. Durchaus in einer Liga mit Josef Winkler. Wie Dr. Wögerbauer in seinem Kommentar meint, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich möchte mich dem <a href="http://www.univie.ac.at/voeb/blog/?p=18946&amp;cpage=1#comment-3464">Kommentar von Dr. Michael Wögerbauer</a> anschließen. Mag. Dr. Walter Schübler ist es gelungen, auf eindeutig polemische Weise einen Blick auf die Nationalbibliothek <em>von außen</em> zu werfen. Durchaus in einer Liga mit Josef Winkler. Wie Dr. Wögerbauer in seinem Kommentar meint, finde auch ich die Postings aus der Bibliothek peinlich, wenn nicht auch lächerlich. Mir schiene es sinnvoller zu sein, statt Leitfaden, Jahresberichte und Veranstaltungskalender vorzutragen, sich mit dem offensichtlich vorhandenen Unbehagen unter ForscherInnen auseinanderzusetzen. Stellvertretende Reaktionen auf Schübler aus meinem Bekanntenkreis: „er spricht mir aus der Seele“ und „Leider ist das alles nur allzu wahr.“ Als Hochschullehrer sind sie übrigens alle keine „Studentenverächter“. Zweckdienlich wäre es vielleicht, sich aus der Herrengasse bzw. vom Michaelerplatz oder Josefsplatz an einem Vormittag unter der Woche in Richtung Lesesaal am Heldenplatz zu begeben und sich unter’s Volk zu mischen. Mit Garderobepflicht!</p>
<p>Dr. Schübler spricht von der „patzigen Zurechtweisung“, ohne zu sagen, dass das dort so etwas wie ein „registriertes Markenzeichen“ ist. Eine Steigerung wäre vielleicht die Handschriftensammlung, wo belehrende, impertinente und arrogante Zurechtweisungen Standard sind. Also nicht nur „patzige“. Das liefert mir auch das Stichwort für einige Fragen. Warum werden BenutzerInnen der Handschriftensammlung mit einer restriktiven Benutzerordnung schikaniert? In allen mir bekannten Wiener Archiven werden Aktenkartons ausgehändigt und man muss nicht fünf Einzelakten bestellen, wenn man den Überblick über einen ganzen Bestand gewinnen möchte. Haben alle anderen Institutionen nicht auch die „Objektsicherheit“ im Auge? Das ist in meinen Augen nicht gerade forschungsfreundlich. Nächste Frage: warum wurde das für die ÖNB und die internationale Forschung wichtige Projekt einer Österreichischen Retrospektiven Bibliographie (ORBI) eingestellt? Ist das nicht wesentlich für die Arbeit einer Nationalbibliothek? Warum wird die für das Renommee der Bibliothek wichtige Slavica-Abteilung, die Kontakte zu den Ländern der ehemaligen Habsburger Monarchie aufrechterhält und vieles darüber hinaus leistet, per Jahresende aufgelassen? Warum wurde die frühere Plakatsammlung als selbständige Sammlung aufgelöst? Was ist mit den Büchern und gedruckten Bibliothekskatalogen, die im künftigen „Forschersaal“ aufgestellt waren, passiert? Wurden diese Bestände, die wohl zum Teil mit öffentlichen Mitteln erworben wurden, anderen Einrichtungen und Institutionen in Wien angeboten oder nur entsorgt? Warum wurde die Erschließung des von der Handschriftensammlung übernommenen „Archiv Buchgewerbehaus“ (das ist das Archiv des ehemaligen Vereins der österr. Buch-, Kunst- und Musikalienhändler bzw. der Reichsschrifttumskammer Landesleitung Wien) an einen auswärtigen Privatverein mit Mitteln aus dem Ministerium ausgelagert? Warum wurden nicht stattdessen Personen angeworben, die sich mit der Buchgeschichte im weitesten Sinn beschäftigt haben? Was hat das mir seit den frühen 1980er Jahren bekannte Archiv mit Restitution oder Provenienzforschung zu tun?</p>
<p>Ao. Univ.-Prof. Dr. Murray G. Hall<br />
Obmann, Gesellschaft für Buchforschung in Österreich</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mehr zu diesem Thema:</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html">„Die Generalin“</a> oder: Wie man eine Nationalbibliothek herunterwirtschaftet. Ein Kommentar von Walter Schübler.</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/murray-hall-oesterreichische-nationalbibliothek.html"></a><a href="http://www.recherche-online.net/oesterreichische-nationalbibliothek.html">Elitäres Bibliotheksverständnis?</a> Ein Kommentar der Österreichischen Nationalbibliothek zu Murray G. Hall.</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/peter-frank-nationalbibliothek.html">„Für und Wider zuhauf“.</a> Zur Diskussion um die Österreichische Nationalbibliothek. Von Peter R. Frank</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/murray-hall-oesterreichische-nationalbibliothek.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>4</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Die Generalin“</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 13:54:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2515</guid>
		<description><![CDATA[<p>Keine zehn Jahre hat Johanna Rachinger gebraucht, um die Österreichische Nationalbibliothek zu ruinieren. Und sie hat ganze Arbeit geleistet. Kurz nach ihrem Amtsantritt 2001 hatte sie die Sammlungsdirektoren ausgewechselt, um dann die wissenschaftliche Arbeit innerhalb der einzelnen Sammlungen rigoros herunterzufahren. Sie hat damit eine Vernichtung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Keine zehn Jahre hat Johanna Rachinger gebraucht, um die Österreichische Nationalbibliothek zu ruinieren. Und sie hat ganze Arbeit geleistet. Kurz nach ihrem Amtsantritt 2001 hatte sie die Sammlungsdirektoren ausgewechselt, um dann die wissenschaftliche Arbeit innerhalb der einzelnen Sammlungen rigoros herunterzufahren. Sie hat damit eine Vernichtung von Expertise betrieben, von der sich die Institution in zwanzig Jahren nicht erholen wird.</p>
<div id="attachment_2521" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/11/Nationalbibliothek2.jpg"><img class="size-medium wp-image-2521 " title="Österreichische Nationalbibliothek" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/11/Nationalbibliothek2-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Österr. Nationalbibliothek: Kein Platz für Wissenschaftler? (Foto: ÖNB)</p></div>
<p>Der Barockbau am Heldenplatz mit seinen Dependancen ist heute ein entkerntes Gebäude – dessen Fassade derart auf Hochglanz poliert ist, dass neben der „Generalin“, wie Rachinger hausintern genannt wird, ein Fürst Potjomkin alt aussieht. Denn nicht ausgedünnt, sondern kräftig aufgestockt, exzelliert die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit in der Kunst des Blendens. Die Medien fressen Rachinger aus der Hand, stopft sie ihnen doch vierteljährlich – abwechselnd dem <em>Standard</em>, der <em>Presse</em> und dem <em>Kurier</em> – mit einer bezahlten Selbstbeweihräucherungsbeilage Geld in die Taschen – und damit das Maul. (Dass in der aktuellen, vom<em> Standard</em> gekauften vierseitigen Hofberichterstattung Thomas Trenkler im Interview mit der Herrscherin über Österreichs größtes Buch-Imperium doch dezent die richtigen Fragen stellt, mutet geradezu wie Majestätsbeleidigung an.) Diese Sonderbeilagen liegen – alternierend in <em>Standard</em>-Rosa, mit dem blitzblauen <em>Presse</em>-Logo oder dem roten <em>Kurier</em>-Balken – jeweils in Stapeln auf allen Theken der Österreichischen Nationalbibliothek auf, auf dass – Kim Il-sung lässt grüßen – irgendwann einmal auch die 350 Mitarbeiter des Hauses die paradiesischen Zustände für bare Münze nehmen, die per Jubel- Publicity herbeigeschrieben werden.</p>
<p><strong>Feudales Selbstverständnis</strong></p>
<p>Sie wissen’s nur leider besser. Denn geleitet wird das Haus per Ukas. Die Hierarchie, die Rachinger installiert hat, funktioniert reibungslos und exekutiert abnickend alles, was mit feudalem Selbstverständnis von oben verordnet wird. Die Stimmung in der Nationalbibliothek ist denn auch im Keller, und dass die demotivierte „Fußtruppe“ unter diesem Regime trotzdem in aller Regel ihr Bestes gibt, ist jeder und jedem Einzelnen nicht hoch genug anzurechnen.</p>
<p>Rachinger versteht sich als Geschäftsführerin, alles, was für sie zählt, sind – Zahlen. Damit lässt sich in Zeiten wie diesen punkten: 400.000 urheberrechtsfreie Werke aus den Beständen der ÖNB sollen innerhalb von sechs Jahren in Kooperation mit Google gescannt und online zugänglich gemacht werden: ein „Public-Private- Partnership in der Größenordnung von 30 Millionen Euro“! Und erst die imposanten „BesucherInnenzahlen“! Bis auf eine kleine Delle 2008 wies unter Rachingers Leitung die Kurve stets nach oben: Der Jahresbericht 2010 weist 283.791 „LesesaalbesucherInnen“ aus. Wie diese Zahlen erhoben werden, wäre eine eingehendere Untersuchung wert.</p>
<p>Es wäre auch nur folgerichtig, wenn sie zusätzlich zu den gut 200.000 Euro Jahressalär einen Bonus von, sagen wir, 20 Prozent erhielte – als kleine Anerkennung ihrer numerischen Performance. Was für Bankmanager, die ihre Institute gegen die Wand gefahren hatten und mit Steuergeldern gerettet wurden, recht ist, kann für die „Österreicherin des Jahres“ in der Kategorie Kulturmanagement 2010, die eine – so das Leitbild und entsprechend der gesetzliche Auftrag der ÖNB – aus Steuergeldern basisfinanzierte „wissenschaftliche Einrichtung öffentlichen Rechtes“ gründlich heruntergewirtschaftet hat, nur billig sein.</p>
<p>Wie’s die „Generalin“ abseits des Hauptbuchs mit dem Buch hält und vielmehr noch mit dem, wofür es steht, erweist eine Serie literarischer Porträts, die der <em>Kurier</em> (kaum anders vorstellbar denn auf Gegengeschäftsbasis) ins Blatt rückte. Die sind exakt so, wie Rachinger „ihre“ Nationalbibliothek auf keinen Fall gesehen haben will: dröge, bieder, hausbacken.</p>
<p>Abgesehen von den schieren Zahlen: „BesucherInnen“ bezeichnet das Publikum der ÖNB-Lesesäle, im Hausjargon „Benützungseinrichtungen“ genannt, treffend. Wer an einem Tag wie diesem zwischen 9.30 und 17.30 Uhr in die ÖNB am Heldenplatz kommt, steht, wenn er nicht gleich unverrichteter Dinge wieder abzieht, zunächst einmal eine Stunde lang Schlange um ein freies Garderobekästchen, um dann erst recht keinen Platz im Haupt-, Großformate-, Austriaca- oder Zeitschriftenlesesaal zu bekommen. Warum? – Weil 98 Prozent aller Plätze von Leuten in Beschlag genommen werden, die dort schlicht nichts verloren haben; von Studenten nämlich, die die Lesesäle der ÖNB – WLAN, im Winter geheizt, im Sommer klimatisiert! – als Gratis-Internetcafé und Lernstube zweckentfremden.</p>
<p>Vor sechs, sieben Jahren jeweils nur vier, fünf Wochen zu Semesteranfang und zu Semesterende, heute bis auf zwei Monate im Sommer das ganze Jahr über. Ein eklatanter „Fehlbelag“! Deswegen, weil die Studierenden die Bestände der ÖNB nicht in Anspruch nehmen. Und weil damit Leuten, die die Bestände der ÖNB tatsächlich nutzen wollen oder müssen, dies nicht mehr möglich ist. Zudem machen die Studierenden keinen Unterschied zwischen ihrem privaten Wohnzimmer und einem öffentlichen Lesesaal: Permanent Gegacker, Gekicher und Gequatsche, Pausenhof-Atmosphäre in der gesamten Nationalbibliothek, konzentriertes Arbeiten war einmal. Dass inzwischen auch der Mann vom Pizza-Service Dauergast in der sogenannten Lese-Lounge ist, die Rachinger dort, wo einst der Zettelkatalog stand, einrichten und mit Kaffee- und Limo-Automat sowie Wittmann-Möbeln bestücken ließ, klingt nur wie ein schlechter Scherz, ist aber keiner.</p>
<p>Nicht verschwiegen sei bei aller Polemik, dass die Österreichische Nationalbibliothek auch über ein bemerkenswertes, äh, Alleinstellungsmerkmal verfügt, auf das die Generaldirektorin besonders stolz ist: Was in keiner anderen öffentlichen wissenschaftlichen Bibliothek der Welt denkbar wäre, bei Rachinger wird’s Ereignis: Handys in den Lesesälen!</p>
<p>Wiederholt per E-Mail darum gebeten, Abhilfe zu schaffen, ließ Rachinger zwar Anfang 2009 Maßregeln über angemessenes Verhalten in Bibliotheken plakatieren, es schert sich nur bis heute niemand drum. Ihre Antwort kann jemand, der für seine wissenschaftliche Arbeit auf die Bestände der Nationalbibliothek angewiesen ist, nur als Frotzelei verstehen: Sie begrüße die „sehr erfreulichen steigenden LeserInnenzahlen“ und empfehle, auf die „Tagesrandzeiten“ auszuweichen.</p>
<p><strong>Gesetzlicher Auftrag</strong></p>
<p>In einer Duplik an das Leitbild der ÖNB und ihren gesetzlichen Auftrag erinnert –„Die Österreichische Nationalbibliothek ist seit 2002 eine autonome ,wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechtes des Bundes‘. Sie ist eine Stätte der geistig-kulturellen Identität Österreichs, ein Ort der kulturellen Begegnung und des wissenschaftlichen Diskurses“ – <em>lässt</em> Rachinger <em>antworten</em>. Angelika Ander, Leiterin der Hauptabteilung Benützung und Information: Die ÖNB verstehe sich als „offene und serviceorientierte Einrichtung“, „die den Bedürfnissen <em>aller</em> BenützerInnen und BesucherInnen entsprechen möchte“. Man denke nicht daran, „StudentInnen, die die Einrichtungen der Bibliothek primär zum Lernen nützen, abzuweisen“.</p>
<p>Benützer der ÖNB-Bestände oder Gratis-Internetcafé-Besucher: Rachinger ist das Jacke wie Hose. Hauptsache, das Drehkreuz beim Eingang bleibt in Bewegung und die „BesucherInnen“- Zahlen stimmen. Dass Rachingers Sympathien unverhohlen letzterer Klientel gehören, leuchtet ein: Sie verursacht keinen Aushebungsaufwand. Unter dieser Perspektive erscheinen einzelne Direktiven, die die „Generalin“ im Lauf der Jahre ausgab, als Elemente einer gezielten Strategie, wissenschaftlich Arbeitende rauszuekeln – Motto: Chillen statt forschen!</p>
<p>Sie erhöhte per 1. Jänner 2006 überfallsartig die ohnehin schon üppig bemessenen Gebühren in der Großformate-Kopierstelle, in der Abteilung Mikroformen sowie in der Fernleihe prohibitiv – im wahrsten Sinn des Wortes: Sie behinderten Wissenschaft und Forschung und widersprachen dem gesetzlichen Bildungsauftrag der ÖNB. Eine ausgemachte Chuzpe, gleichzeitig von „lebendiger Brücke zwischen dem reichhaltigen Erbe der Vergangenheit und den zukunftsorientierten Ansprüchen der modernen Informationsgesellschaft“ (ÖNB-Leitbild) zu sprechen.</p>
<p>Die Gebührenerhöhung wurde inzwischen teilweise zurückgenommen, die Kopierstelle beim Großformate- Lesesaal vor kurzem überhaupt aufgelassen (Grund: Einsparung von Personal). Rachinger stellt dem Volk nun einen „Public Scanner“ zur Verfügung, der jeden zweiten Tag alibihalber ein paar Stunden funktioniert, bevor er wieder den Zweck erfüllt, der ihm in der Nationalbibliothek zugedacht ist: Zermürbung von Wissenschaftlern, Vernichtung von Forschungs- und Lebenszeit.</p>
<p>Handstreichartig auch eine Verordnung im Herbst 2010, wonach man nur mehr fünf Bücher (statt wie bis dahin zehn) gleichzeitig entlehnen durfte. Erst nachdem Andreas Weigel per <a href="http://members.aon.at/andreas.weigel/Nationalbibliothek">Presseaussendung</a> Druck gemacht hatte, nahm Rachinger diese Maßnahme wieder zurück. Was wurde nicht alles an dümmlichen Ausreden aufgetischt, um diesen Fauxpas im Nachhinein schönzureden: Um „eine gleichmäßige Bedienung aller LeserInnen“ angesichts „seit Jahren rasant steigender Medienbestellungen“ (die sind nachweislich rasant rückläufig!) zu gewährleisten, habe man die Limitierung eingeführt. Auch eine „Generalsanierung des Aushebesystems“ wurde bemüht – dabei kannten alle im Haus den wahren Grund: Bei den Ausgabeschaltern war Personal eingespart worden.</p>
<p>Das hat in der Öffentlichkeitsarbeit der ÖNB System: Wer sich etwa über den vor kurzem installierten neuen Online-Katalog beschwert – Feedback wird ausdrücklich gefordert –, der ein Murks sondergleichen ist, der muss sich von Margot Werner, der rechten Hand Rachingers und ihrer Frau fürs Grobe, die patzige Zurechtweisung gefallen lassen, dass QuickSearch „von der Mehrheit der BesucherInnen sehr positiv bewertet“ werde. Entweder tischt man vorsätzlich die Unwahrheit auf, oder man weiß drüben am Josefsplatz, wo die Generaldirektion residiert, tatsächlich nicht, was im Haus am Heldenplatz läuft.</p>
<p>Ob Rachinger in ihrem Selbstverständnis als Herbergsmutter seit Jahren ihrem gesetzlichen Auftrag zuwiderhandelt, sei dahingestellt. Das ressortzuständige Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur schert sich ohnehin keinen Deut darum.</p>
<p>Rachinger hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie die Österreichische Nationalbibliothek nur als Durchgangsstation auf dem Karriereweg in die Politik betrachtet. Aber ob man’s einer Politik, die Typen wie Rachinger und Noever gebiert, überlassen soll, darüber zu entscheiden, ob die Österreichische Nationalbibliothek wieder eine wissenschaftliche Einrichtung werden oder doch Partyzone bleiben soll, oder doch Rachinger selbst, die sich mit dem Job, den sie macht, für ebendiese Politik empfehlen will, ist wahrscheinlich auch schon wurscht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Walter Schübler, geboren 1963, ist Literaturwissenschaftler in Wien. Er arbeitet derzeit im Rahmen eines FWF-Projekts an einer Anton Kuh-Werkausgabe.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Mehr zu diesem Thema:</strong></p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/murray-hall-oesterreichische-nationalbibliothek.html">Zur Situation an der Österreichische Nationalbibliothek</a>: Ein Kommentar zu Walter Schüblers Beitrag „Die Generalin“. Von Murray Hall</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/oesterreichische-nationalbibliothek.html">Elitäres Bibliotheksverständnis?</a> Ein Kommentar der Österreichischen Nationalbibliothek zu Murray G. Hall.</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/peter-frank-nationalbibliothek.html">„Für und Wider zuhauf“.</a> Zur Diskussion um die Österreichische Nationalbibliothek. Von Peter R. Frank</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Links:</strong><br />
<a href="http://members.aon.at/andreas.weigel/Nationalbibliothek">Presseaussendung von Andreas Weigel </a> </p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>26</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die unzähligen Gesichter der Schlachtfeld-Dynamik</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/lutz-musner.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/lutz-musner.html#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 13:50:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2576</guid>
		<description><![CDATA[<p><a href="http://www.recherche-online.net/lutz-musner-english.html">English Version</a></p> <p>Als einer, der von den <em>Material Culture Studies</em> kommt und ein Neuling auf dem Gebiet der <em>War Studies</em> ist, war ich beeindruckt von einem Zitat der französischen Historiker Stéphane Audoin-Rouzeau und Annette Becker, die schrieben: „Es ist erstaunlich, wie abgeschnitten Historiker, auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.recherche-online.net/lutz-musner-english.html">English Version</a></p>
<p>Als einer, der von den <em>Material Culture Studies</em> kommt und ein Neuling auf dem Gebiet der <em>War Studies</em> ist, war ich beeindruckt von einem Zitat der französischen Historiker Stéphane Audoin-Rouzeau und Annette Becker, die schrieben: „Es ist erstaunlich, wie abgeschnitten Historiker, auch wenn sie behaupten, den Krieg zu behandeln, von ganzen Gebieten dafür notwendigen Wissens sind. Waffen zum Beispiel – wie sie verwendet werden, funktionieren, welche Wirkung sie erzielen, das liegt außerhalb der Kompetenz vieler von ihnen …“<sup>2</sup></p>
<div id="attachment_2581" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2581" title="Musner_1" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_1-300x217.jpg" alt="" width="300" height="217" /></a><p class="wp-caption-text">Französischer Angriff auf deutsche Stellungen, Frankreich 1917 (Foto: U.S. National Archives, photo 28-0840)</p></div>
<p>Mein Vortrag versucht, diesen blinden Fleck zu umgehen und sich auf die materielle, geografische und technologische Dimension des Krieges zu konzentrieren. Dabei werde ich thematisieren, inwiefern neue Waffen und die physische Materialität der Gräben und Frontlinien die Selbstwahrnehmung der Soldaten beeinflusst haben, so dass sie nicht nur überleben, sondern die Massenschlachtungen eine unvorstellbar lange Zeit ertragen konnten.</p>
<p>Die gängige Betrachtung des Ersten Weltkriegs ist stark geprägt von einem dunkel gefärbten Bild der Westfront, das für die Sinnlosigkeit des Krieges steht und unfähige Generäle anklagt, ihre Männer vorsätzlich zu opfern.</p>
<p>Wie ich später darlegen werde, ist die Sache sehr viel komplizierter, und der Erste Weltkrieg kann, trotz der vielen Verluste und Opfer, als gewaltiges, wenn auch nicht geplantes, und selbstverständlich äußerst kostspieliges „Experiment“ verstanden werden. Ein Experiment, wie man moderne Waffen, etwa Maschinengewehre oder tragbare Minenwerfer, auf neue Weise mit ausgeklügelter Angriffstaktik koordiniert und wie man die technischen Herausforderungen der Kartografie, Meteorologie und Ballistik nützt für eine präzisere Einschätzung der Besonderheiten des Schlachtfeldes. So wurde die Kriegsführung zum ersten Mal eine von Wissenschaft und Technologie gestützte Angelegenheit.</p>
<p>Der Vortrag besteht aus drei Teilen. Zuerst werde ich die Kampfzonen im Westen mit denen vergleichen, die sich über das schroffe Kalkplateau über dem Isonzo ziehen, und dabei entscheidende Faktoren der Dynamik auf Schlachtfeldern deutlich machen wie die komplexen Wechselwirkungen von Geografie, Geologie, Technologie und Taktik.</p>
<div id="attachment_2592" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_4.jpg"><img class="size-full wp-image-2592" title="Musner_4" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_4.jpg" alt="" width="300" height="205" /></a><p class="wp-caption-text">Forte Monte Rovena (Foto aus: Robert Striffler: Von Fort Maso bis Porta Manazzo, Nürnberg 2004)</p></div>
<p>Während Frontkämpfer im Westen die Geomorphologie weniger fürchteten als die Artillerie, waren die Soldaten im Zermürbungskrieg im Karst weit stärker paralysiert von herabstürzenden Felsbrocken, hervorgerufen durch massives Bombardement der zerklüfteten Landschaft.</p>
<p>Als nächstes werde ich die Militärgeschichte mit den Erkenntnissen der <em>Science Technology Studies</em> noch einmal lesen, um besser zu verstehen, wie raffiniert die (automatischen) Waffen die Köpfe und Körper der Frontsoldaten veränderten. Drittens werde ich auf die Entstehung des dreidimensionalen Schlachtfelds hinweisen, das durch bessere Koordinierung der verschiedenen Truppenteile am Boden und in der Luft entsteht. Bei der Skizzierung dieser neuen Konstellation wird die herkömmliche Makro-Perspektive eines großräumig statischen Konflikts relativiert und die Notwendigkeit flexibel gestalteter Angriffs-/ Verteidigungstaktiken und neuer Konzepte des Kampfraums sowie die Mobilität der militärischen Verbände unterstrichen.</p>
<p>Henri Barbusse war einer der ersten französischen Kriegsteilnehmer und erzählte 1916 von den Schrecken an der Westfront, so wie es Erich Maria Remarque für das deutsche Publikum mehr als ein Jahrzehnt später tat. Auch wenn <em>Das Feuer</em><sup>3</sup> in erster Linie ein meisterhaftes Stück Literatur ist, gilt dieser Roman ebenso als berührender Zeugenbericht darüber, was es heißt, Gefangener im sich kontinuierlich ausbreitenden Inferno an der Westfront zu sein. Barbusse richtet die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine fremdartige Welt, wo endlose Felder durchzogen sind von Gräben, darauf Haufen von zerfetztem Stacheldraht, zerschmetterten Holz- und Stahlstücken, übersät mit unzähligen Granattrichtern.</p>
<div id="attachment_2599" class="wp-caption alignleft" style="width: 200px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_34.jpg"><img class="size-medium wp-image-2599" title="Musner_3" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_34-190x300.jpg" alt="" width="190" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Wassergefüllter Schützengraben bei Passchendaele, 1917</p></div>
<p>Doch mehr als das andauernde Bombardement und Gewehrfeuer fürchtete der französische „Poilu“ eine Landschaft, die durch eine unheimliche Konvergenz von Technologie und rauer Wetterlage zu einer albtraumhaften grauen Szenerie aus Schlamm und überfluteten Gruben wurde, in denen die Soldaten ertranken oder lebendig begraben wurden. Was die Westfront bestimmte, war nicht nur der plötzliche Wechsel von einem Bewegungskrieg zu einem Grabenkrieg, sondern ebenso geologische Besonderheiten wie Lehm und zähe, weiche Böden.</p>
<p>Der Schlamm Flanderns wurde ein berüchtigtes Kampfgebiet mit der ihm eigenen Logik und Dynamik von Kampf und Überleben. Die Wirkung des Artilleriefeuers war außerordentlich reduziert, wenn Granaten im klebrigen Lehm explodierten. Aber die Trichter füllten sich schnell mit Wasser, das nicht abfließen konnte, und der zähe Boden verlangsamte erheblich den Angriff der Truppen, für die die Bombardierung eine sie unterstützende Vorbereitung sein sollte. Ebenso behindert war der Transport von Nachschub, schweren Waffen und Munition, die Verstärkung der Truppen blieb in den Mooren des Hinterlands stecken, was ihre Kameraden an der Front zwang, ihre schon eroberten Positionen zu verlassen.</p>
<p>Großangriffe waren gefürchtet, seit die Soldaten große Schwierigkeiten hatten, aus ihren rutschigen Gräben zu kommen, und ihr später Vorstoß auf dem ihnen Widerstand bietenden Grund gab den Deutschen reichlich Möglichkeit, eine Vielzahl von ihnen mit Maschinengewehren zu erschießen. Wie die amerikanischen Militärgeografen Douglas Wilson Johnson und Tasker H. Bliss bemerkten:</p>
<p><em>„Die Gewehre waren so verschmiert, dass nicht mehr geschossen werden konnte, und wenn sie in Stoff gewickelt wurden, um den Mechanismus sauber zu halten, waren sie nicht zum sofortigen Einsatz bereit. Die Verwundeten lagen halb begraben im Schlamm, viele wurden erstickt. Auch die guten und starken Kämpfer wurden in tödlichen Schlammfallen gefangen (…). Bei einem britischen Angriff auf den niedrigen Lehmhügel bei St. Eloi im April 1916 mussten die Angreifer ausgestreckt liegen und ihr Gewicht gleichmäßig verteilen, um zu verhindern, dass sie in den Morast sinken. Doch eine große Zahl der Männer versank und erstickte.“</em><sup>4</sup></p>
<div id="attachment_2595" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_22.jpg"><img class="size-full wp-image-2595" title="Musner_2" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_22.jpg" alt="" width="300" height="229" /></a><p class="wp-caption-text">Deutscher Stoßtrupp (Foto: Dt. Bundesarchiv, Bild 146-1974-132-26A)</p></div>
<p>Es kostete die kriegführenden Mächte an der Westfront reichlich Zeit und große technische Anstrengungen, mit den geologischen Formationen umzugehen, die vorteilhaft für die Landwirtschaft gewesen sein mochten, aber einen verheerenden Einfluss auf die tägliche Kriegsführung hatten. Wasser, flüssiger Lehm und sintflutartige Regenfälle in Schützenlöchern und Gruben machten das Leben unerträglich, und Krankheiten wie der berüchtigte „Grabenfuß“, hervorgerufen durch langes Ausharren im kalten Schlamm, oder Ruhr, verursacht durch verschmutztes Wasser, schwächten Moral und Kampfstärke der Truppen auf beiden Seiten erheblich.</p>
<p>Nur wenn bessere Verschanzungen errichtet wurden, die es den Soldaten mittels eines Holzbodens ersparten, bis zu den Knien oder sogar bis zur Taille im Wasser zu stehen, nur wenn ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem mit Entwässerungsrohren konstruiert wurde, konnte der Frontdienst einigermaßen ertragen werden.</p>
<p>An der Karstfront, einem eher kleinen Sektor der österreichisch-italienischen Südwestfront am Isonzo, waren die geografischen Bedingungen für die Soldaten erheblich anders. Da war kein lehmiger oder kreidiger Boden, der die Logik des Krieges vorgab und das Kampffeld prägte, kein Schlamm bzw. zäher, klebriger Boden, der die Soldaten in Gefahr brachte erdrückt oder erstickt zu werden. Es waren eher messerscharfe Splitter, durch die die Kämpfer getötet wurden, wenn Granaten auf dem steinigen Kalk explodierten. Der italienische Verbindungsoffizier zum britischen Oberkommando, Colonel Filippo De Filippi, beschrieb den Krieg in diesem tückischen Hochland, bedeckt mit karger Vegetation, als wahrhaft höllische Erfahrung:</p>
<p><em>„Sie haben oft vom ,Carso Maledetto‘ gehört oder gelesen, wo Gräben und Schutzräume in den harten Stein gehauen werden müssen. Er ist ein großer Friedhof für unsere Männer geworden, ein noch größerer für die Österreicher: ein Friedhof ohne Toten. Der felsige Boden lässt nicht zu, dass man Gräber anlegt, und die Toten müssen Seite an Seite mit den Verwundeten ins Tal gebracht werden, um am Fuße des Plateaus einen Ruheplatz zu finden. (…) Die Wirkung der feindlichen Granaten, die auf diesem felsigen Grund explodierten, war in höchstem Maße tödlich wegen der unzähligen Steinsplitter, die die Wirkung der Projektile vervielfachten.“</em><sup>5</sup></p>
<p>Im Vergleich zu den Schlachtfeldern an der Westfront, die sich vorwiegend über schlammige Hügel, Lehm und weichen Boden erstreckten, wurden die Schlachten am Isonzo überwiegend auf diesem verdammten, flachen Plateau geschlagen, einer trockenen, windgepeitschten Wüste von ungefähr fünfzig Quadratkilometern zwischen Gorizia, Monfalcone und der Adria in der Nähe von Rainer Maria Rilkes romantischem Fischerdorf Duino.</p>
<div id="attachment_2603" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_5.jpg"><img class="size-medium wp-image-2603" title="Musner_5" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Musner_5-300x226.jpg" alt="" width="300" height="226" /></a><p class="wp-caption-text">Soldaten am Isonzo (Foto: Heeresgeschichtliches Museum)</p></div>
<p>Die österreichisch- italienische Front unterschied sich von anderen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs in manchen wichtigen Punkten. Sie erstreckte sich vom gletscherbedeckten Gipfel des Ortler, dem Monte Adamello und den Dolomiten zu den karnischen Alpen und schließlich hin zur italienischen Ostfront mit dem Karstplateau als Gravitationszentrum der Schlachten. Auch wenn die Kämpfe in den Dolomiten berüchtigt waren wegen der schrecklichen Verbindung von Lawinen und Minenexplosionen, die ganze Befestigungsanlagen auf dem Berg in die Luft jagten, war es doch besonders dieses Ödland und seine Standorte Monte San Michele, Doberdò und Monte Hermada, die wegen der verbissenen und endlosen Materialschlachten schnell einen angsteinflößenden Ruf bekamen.</p>
<p>Zum Albtraum der mechanisierten Kriegsführung, leichter realisiert in Ebenen und auf Hügeln als in den Bergen, waren Truppen auf beiden Seiten drastischen Wetterbedingungen ausgesetzt: heißen Sommern in einer wasserlosen Wüste voller Granattrichter, zertrümmerter Gräben, nicht explodierter Granaten und zerfetztem Stacheldraht, und im Winter wurden die Soldaten hin- und hergeschleudert von der Bora, einem grimmig-kaltem Wind, der das Schlachtfeld in eine sturmgepeitschte Landschaft aus Eis und Schnee verwandelte.</p>
<p>Ein berührender Augenzeugenbericht darüber, wie nervenzermürbend das Kämpfen besonders im Doberdò-Gebiet war, sind die Memoiren von Joseph Gál, der als ungarischer Honvéd-Infanterist in der 6. Isonzoschlacht im August 1916 diente. In seinem Buch<em> In Death’s Fortress</em> schrieb Gál:</p>
<p><em>„Es ist nun der zehnte Tag , an dem wir untätig die nerventötenden Explosionen der Artilleriefeuer hören. Die Granaten haben die ganze Gegend verwüstet, sie haben uns eine richtige Hölle bereitet. Wie Ratten zwischen den Ruinen laufen wir von einem Platz zum anderen. Ohne darauf zu achten, wo wir uns verstecken, springen wir in der nächsten Sekunde zwischen den Ruinen hervor wie ängstliche Hasen, begleitet vom Todesröcheln unserer schwerst verwundeten Kameraden (…). Jede einzelne Minute des Tages rennen wir hierhin und dorthin wie umherirrende Seelen oder wir drängen uns zu einem blutigen Felsstück, damit wir etwas Schutz finden. Das ist eine unbeschreibliche Folter.“</em><sup>6</sup></p>
<p>Das komplexe Ineinandergreifen von Technologie, Geologie und Truppenkonzentration brachte eine neue Form der Kriegslandschaft im Karst hervor, die buchstäblich Mensch und Stein vereinte. Der österreichische Stabsoffizier Constantin Schneider schrieb in seinen Memoiren, dass Menschen einfach wie Steine behandelt wurden und beide – Menschen und Steine – verbunden zu etwas, das man eine „Befestigung“ nennen konnte. Hinter diesen Felsen lagen Menschen, bewachten sie und ließen es mehr oder weniger passiv geschehen, dass sie von und durch diese Felsen zerschmettert wurden.<sup>7</sup></p>
<p>Schneiders Bemerkungen unterstreichen einmal mehr, wie unterschiedlich Interaktion und Dynamik von Geologie, Technologie und Kriegsführung im Westen und an der italienischen Front waren. Soldaten im Westen mussten Wege finden, besser mit Schlamm, blockierter Mobilität und tödlichem Artilleriefeuer fertig zu werden, und Wege, die Pattstellung mit einer neuen, flexiblen Angriffstaktik aufzuheben. Soldaten im Karst mussten Wege finden, sich wirkungsvoller gegen die tödliche Mischung von hochgeschleuderten Felsbrocken und Granatensplittern zu schützen, und Wege, den geologisch bedingten Nachteil zu einem Vorteil der Verteidigungstaktik zu machen. Berichten zufolge sagte einer der österreichischen Verteidiger: „Wir müssen ein Terrain halten, befestigt von der Natur.“<sup>8</sup></p>
<p>Um die Entwicklung des Stellungskriegs an beiden Schauplätzen besser zu verstehen, kann es lohnend sein, die Militärgeschichte mit den Erkenntnissen der<em> STS-Science Technology Studies</em> noch einmal zu lesen. Dieser Entwicklungsprozess war nicht nur Folge eines gewaltsamen „rite de passage“, wie Eric Leed<sup>9</sup> analysiert hat, sondern auch die Konsequenz eines vollkommen neuen Zusammenspiels von Mensch, Maschine und Landschaft. In meinen Augen ist diese wechselseitige Dynamik von Subjektivität, automatischen Waffen und Kriegslandschaften bei Wissenschaftlern wie Bruno Latour<sup>10</sup> und Stephen Woolgar adäquat dargelegt worden, um die Laborprozesse zu verstehen.</p>
<p>Auch wenn ihre primären Forschungsobjekte biologische, physikalische und chemische Artefakte mit einigen Bezügen zu größeren soziotechnischen Kontexten waren, kann man ihr analytisches Besteck für das Studium der modernen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Kriegsführung verwenden. Grosso modo betrachtet STS menschliche Akteure als dynamischen Faktor innerhalb eines Netzes von materiellen „Aktanten“, technologischen Geräten und wissenschaftlichen Tatsachen. Nichts davon ist eine festgelegte Größe, aber alle Größen treten in Beziehung miteinander und werden in Prozessen von Veränderung, Übertragung und Verwandlung durchmischt.</p>
<p>Doch Menschen bleiben nicht klar getrennt von der Welt der Dinge, im Gegenteil: durch wissenschaftlich fundierte Innovationen werden subjektive Kompetenzen auf materielle Dinge übertragen, und umgekehrt übertragen ausgeklügelte Technologien ihre verborgenen Programme auf menschliches Handeln, so werden unheimliche menschliche Hybride und Kampfmittel erschaffen.<br />
Wenn Maschinengewehre bis zu 500 Schuss pro Minute abfeuern können und eine schwere Mörsergranate ein halbes Regiment auf einmal töten kann, durch ihre Explosionskraft und die unzähligen Stahl- und Felssplitter, dann ist ein neues Universum, eine neue Epistemologie des Krieges geschaffen. Dieses neue Universum des Krieges beinhaltet die völlige Abhängigkeit der Soldaten von einer technologischen Zerstörungskraft, die jenseits ihrer Kontrolle, ihres Verständnisses ist und sie zu Passivität verdammt, zu zufälligen Strategien des Überlebens und einer fatalistischen Weltsicht in den Gräben.</p>
<p>Die neue Epistemologie des Krieges ließ Systeme durch Rückmeldungen entstandener technologischer Entwicklung entstehen, angewandte Wissenschaften, rationellere Produktionsformen, Waffenlogistik und Taktik. So können zum Beispiel Maschinengewehre und ihre Schützen nicht adäquat als singuläre Einheiten betrachtet werden, sondern als Akteure innerhalb eines Netzwerks von Maschinen, Schützen, Einheiten zur Versorgung und Instandsetzung, Transportsystemen, von Ingenieuren berechneten, verbesserten Methoden der Schusstechnik und spezialisierten Befehlen, die wissenschaftlich gestützte Kenntnisse von fotografischer Überwachung, mathematischer Ballistik und drahtloser Kommunikation einbezogen.</p>
<p>In der Folge schufen die grobe Unterteilung der Arbeit in der mechanisierten Massentötung am Isonzo, der Widerspruch zwischen rationalisierter Kampflogik und individuellem Nicht-Verstehen, das enge Wechselspiel von realen und imaginierten Schlachten und das Sich-Überlappen von realen Zielen und ihrer abstrakten Repräsentation, wie etwa Aufklärungsbilder aus der Luft, eine schizophrene Erfahrung des Krieges. Die „Graben-Schizophrenie“ trennte Zwischenfälle von deren Ursachen, Ereignisse von Erzählungen und rissige Nerven von Körpern.</p>
<p>Die Materialschlacht im Karst bevorzugte einen Ernst-Jünger-Typ des Kriegers, den Erfordernissen mechanischer Präzision vollkommen angepasst, kühlen Kopf bewahrend und mit zielgerichteter Aggression; kurz er begünstigte Sturmtruppen voller Kühnheit. Die Geografie des Schlachtfeldes ist kein beliebiges Moment innerhalb der umfassenden Hybridisierung von Menschen und Tötungsmaschinen, wie sie in zunehmender Intensität stattfand. Die Geografie repräsentiert eher, wie der Unterschied zwischen der westlichen und der italienischen Front zeigt, einen zentralen Faktor. Geografische Bedingungen haben die Soldaten ebenso verändert wie neue Waffen, und die Techno-Materialität der Kriegslandschaft wurde zu einem entscheidenden Moment der Dynamik des Schlachtfelds.</p>
<p>Aber diese neue Epistemologie des Krieges implizierte nicht umfassende und langanhaltende Passivität oder Stillstand. Kämpfer, Stabsoffiziere, Techniker, Experten in verschiedenen Abteilungen der Überwachung, Meteorologie, Geologie, Ballistik, Kommunikation etc. begannen zu lernen, wie man einen Krieg rationeller führt, sozusagen wissenschaftlicher. Passivität traf so auf Bemühungen, die Soldaten in Industrie- Krieger zu verwandeln, daran gewöhnt, die Waffen als eine „organische Verlängerung ihrer Sinne und Körper zu betrachten.</p>
<p>Besonders die Zermürbungskriege 1916 brachten neue Taktiken hervor, leichtere und besser transportierbare Waffen wie den britischen Stokes-Mörser oder die leichtere Version des schweren österreichischen Maschinengewehrs Schwarzlose. Die unschätzbare Kampferfahrung der überlebenden älteren Soldaten, <em>trial-and-error- </em>Experimente von Jagdkommandos, die Handgranaten benutzten, Flammenwerfer und flexible Angriffstaktiken, eine flachere Hierarchie innerhalb der Einheiten an der Front, Feuerwalzen und die Bildung von Stoßtrupps veränderten so Charakter und Logik der Dynamik des Schlachtfeldes.</p>
<p>Im Karst begannen die Österreicher zum Beispiel, die geologischen Besonderheiten der Kalklandschaft wissenschaftlich zu verwerten, indem sie natürliche Höhlen, Karstlöcher und Dolinen als integralen Bestandteil ihres Graben-Systems verwendeten, die Spalten mit Stahl und Beton verstärkten und eine flexible Verteidigungsstrategie gegen die Übermacht der italienischen Kräfte entwickelten. Statt Maschinengewehre nur als Ergänzung der Feuerkraft der Infanterie zu verwenden, waren die Maschinengewehre Schwarzlose nun gut verankert und taktisch gut positioniert, um Massen von Gegnern niederzumähen, während die spärliche Unterstützung der Artillerie gewöhnlich darin bestand, den stark geschwächten Feind zurückzuschlagen.</p>
<p>Die neue Strategie beinhaltete auch, dass die italienischen Attacken sofort von Sturmtruppen zurückgeschlagen wurden, die verlorenes Terrain besetzten und es für reguläre Einheiten vorbereiteten, damit sie weiteren Kämpfen standhalten und die Linie verteidigen konnten. Und in der 12. Isonzoschlacht konnten die österreichisch- ungarischen Kräfte mit entscheidender Unterstützung der deutschen Truppen den schrecklichen Stillstand, der sie nahe an den militärischen Zusammenbruch gebracht hatte, in einen Bewegungskrieg verwandeln, sie errangen einen überraschenden Sieg in Caporetto und drangen schnell ins Herz Norditaliens vor, bis zum Piave.</p>
<p>Vorbedingungen für diesen – wie wir wissen – nur kurzzeitigen Erfolg waren der getarnte Aufmarsch einer großen Anzahl von Truppen, der unbarmherzige Einsatz von Giftgas, das Umgehen stark befestigter italienischer Stellungen am Berg und die Verwendung besserer Kommunikationsmittel, die flexible Manöver und Überraschungsangriffe ermöglichten, so wie Erwin Rommels Erstürmung des Matajur.</p>
<p>Nach den blutigen und kostspieligen Schlachten in Verdun und an der Somme wurde die Westfront ebenfalls ein Laboratorium für neue Taktiken, strategische Nutzung der Geographie und die Verwendung effektiverer Angriffstechniken. Zwei entscheidende technologische Neuerungen trugen dazu bei: die Erfindung und Entwicklung selbstzündender Handgranaten und der schnellfeuernde Stokes-Infanterie- Mörser.</p>
<p>Während die Mills-Granate zunächst ausschließlich spezialisierte Sprengkommandos benutzten, wurde sie später eine gewöhnliche Infanterie-Waffe, mehr als zehn Millionen wurden eingesetzt. Sichere Handgranaten und leichte, tragbare Mörser ermöglichten zusammen mit der leichten Lewis Gun weit mehr flexible Attacken, taktische Rückzüge und neuerliche Angriffe auf die feindlichen Positionen. 1917 war das Ziel der Bombardierungen nicht primär, den Feind sofort zu eliminieren, sondern ihn in eine Zone zu treiben, wo die Briten deutsche Truppen mit leichten Waffen töten konnten, Maschinengewehren und präzise funktionierenden Stokes- Mörsern.</p>
<p>Oft waren Stokes-Batterien Teil größerer Arrangements, in denen Jagdkommandos mit leichten Waffen und fixe Einheiten im Hintergrund geschickt koordiniert waren mit schwerer Artillerie, die zu dem Zeitpunkt Luftaufnahmen und drahtlose Kommunikation effektiv einsetzte. Ende 1917 konnte sich die britische Artillerie auf ausgeklügelte Ballistik verlassen, die das Gewicht der Granaten einberechnete, Mündungsgeschwindigkeit, Lufttemperatur, Präzision des Laufs, was es den Schützen ermöglichte, Ziele genau zu treffen, auch in den hintersten Reihen der deutschen Frontlinien. Der vielleicht wichtigste Aspekt in der Entwicklung der Stellungskriege war, wie Anthony Saunders vorschlägt, die umfassende Neudefinition der Infanterie-Kultur.</p>
<p><em>„Während der Zug von 1914 ausgebildet war für Gewehre und Bajonette (…), war der Infanteriezug von 1918 eine Einheit sämtlicher Waffen. Jeder im Zug von 1918 war ausgebildet für Musketen, den Kampf mit dem Bajonett, Bombenangriffe, die Erfahrung mit leichten Maschinengewehren war weit verbreitet in der Infanterie, besonders die mit der Lewis Gun …“</em><sup>11</sup></p>
<p>In meiner abschließenden Beweisführung werde ich meine Analyse der Dynamik auf Schachtfeldern mit dem Hauptthema der Konferenz, „Geopolitik“ und „Tektonik des Raums“, verbinden. Wie ich hoffentlich in ausreichender Klarheit zeigte, haben sich die Vorstellungen von Raum und Räumlichkeit während des Krieges stark verändert. Erstens haben die Gräben signifikante Innovationen erfahren, im technisch-taktischen Aspekt sowie in der psychologischen Dimension, exemplifiziert am „industrialisierten Soldaten“.</p>
<p>Auch wenn die Gräben nicht permanent Orte der Härte, des Leidens und des Todes waren, sondern auch manchmal Orte der Langeweile, Erholung und sogar kleiner Vergnügungen, waren sie doch maßgeblich Orte des Experimentierens, ein Laboratorium dafür, wie man überlebt und einen Vorteil dem Feind gegenüber erringt. Dieser „Lernprozess“ implizierte auf einer Mikroebene, dass Soldaten auf beiden Seiten eng verbunden waren mit der ausgeklügelten Kriegsmaschinerie. Sie haben nicht nur die harte Philosophie der industrialisierten Kriegsführung aufgenommen, sondern auch in einem sehr körperlichen Sinn die Logik der modernen Waffen, die die Grenzen zwischen Organischem und Anorganischem radikal aufhob.</p>
<p>Die dadurch eingeleitete „Technifizierung der Seelen“ ließ sie nicht nur als „Männer aus Stahl“ erscheinen, die versuchten, Experten der Gräben und Meister des Überlebens zu werden, sondern veränderte auch deren subjektive Wahrnehmung von Raum. Der Raum wurde entnaturalisiert und wurde zu einem erstickenden Gefängnis, in dem die Soldaten bedroht waren, vom wässrigen Lehm verschlungen zu werden, von Schutt, Splittern, er wurde aber auch ein utopisches Bild für entlastende Momente der Mobilität, des Kampfes und des Entkommens der Kriegsgefahren. In dieser HinSturmtruppen als paradigmatische Krieger gesehen werden, da sie stärker als die anderen die Hybridisierung von Mensch, Technologie und Geologie verkörperten. Aber ihre Biografien nach dem Krieg unterschieden sich wesentlich voneinander.</p>
<p>Die meisten britischen und kanadischen Soldaten der Stoßtruppen fanden eher leicht ihren Weg ins zivile Leben zurück, wohingegen viele deutsche, ungarische, österreichische Soldaten der Sturmtruppen und besonders italienische Angriffskrieger sich rechten Milizen anschlossen, der Bogen der zurückliegenden Grabenerfahrung wird von demokratischen bis zu totalitären Ideen einer Politik nach dem Krieg gespannt. Es ist nicht zufällig, dass viele frühe Anhänger der faschistischen Bewegung Benito Mussolinis aus demobilisierten Reparti d’Assalto-Einheiten rekrutiert wurden, die George M. Trevelyan so charakterisierte:</p>
<p><em>„Flammenwerfen, Bombenlegen und der Dolch in abgeschlossenen Quartieren sind deren liebste Kunst; den Graben mit Gewehrfeuer nach ihrer Eroberung zu halten wurde den gewöhnlicheren Infanterieregimentern überlassen. In der Tat, der Ardito lebte in einer Atmosphäre von Bomben und Flammen.“</em><sup>12</sup></p>
<p>Zweitens änderte sich auch der Raum, aus einer Makro-Perspektive betrachtet, grundlegend im Verlauf des Krieges. Der zweidimensionale Raum der napoleonischen Kriege, basierend auf der geometrischen Ordnung der Schlachten und überwacht von einem im Idealfall genialen Befehlshaber auf dem Hügel, verwandelte sich in eine ausufernde und verwirrende dreidimensionale Kampfzone, die kaum ordentlich befehligt werden kann, immer wieder Überraschungen, logistischen Fehlern, und überwältigender mechanisierter Gewalt ausgesetzt ist.</p>
<p>Dennoch fand auch auf dieser Makro-Ebene eine signifikante, von Technologie gestützte „Lernkurve“ statt, wenn auch auf Kosten von Millionen Opfern. In den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges wurde das Konzept der „deep battle“ gut ausgearbeitet, das den Raum nun bis zum Himmel des Fliegers fasste, zu den Weiten des feindlichen Hinterlandes und den Tiefen submariner Manöver. Diese neue Strategie, mobile, umfassend im Waffengebrauch ausgebildete Kräfte, inklusive Panzer, motorisierte Versorgungseinheiten am Boden und Überwachungs- und Bombardierungskommandos in der Luft zu koordinieren, revolutionierte die Militärstrategie.</p>
<p>Auch wenn diese Revolution der Tektonik der „Kriegs- Landschaften“ und das veränderte Konzept der Geopolitik 1918 noch nicht ganz deutlich war, ihre Nachwirkung führte zu listenreichen „Blaupausen“ für kommende Kriege: Kriege mit massivem Flächenbombardement, „Blitzkrieg“ Panzerkriege, die Rudeltaktik des U-Boot-Krieges, amphibische Landungen und Kriege mit unbarmherziger Massengewalt gegen Zivilisten, wie sie Timothy Snyder in seinem grandiosen Buch <em>Bloodlands</em><sup>13</sup> untersucht.</p>
<p><em>Aus dem Englischen von Angelika Klammer</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong></p>
<p><sup>1</sup> Vortrag bei der IFK Konferenz „The Geo-Politics of the Great War 1900–1930“ (6.–8. Oktober 2011).</p>
<p><sup>2</sup> Stéphane Audoin-Rouzeau, Annette Becker, <em>1914-1918. Understanding the Great War</em>, London 2002, 19.</p>
<p><sup>3</sup> Henri Barbusse, <em>Le Feu. Journal D‘Une Escouade</em>, Paris 1916.</p>
<p><sup>4</sup> Douglas Wilson Johnson and Tasker H. Bliss, <em>Battlefields of the World War, Western and Southern Fronts: A Study in Military Geography</em>, New York 1921, 24.</p>
<p><sup>5</sup> Filippo de Filippi, <em>The Geography of the Italian Front</em>, in: <em>The Geographical Journal</em>, Vol. LI/No. 2 (1918), 73.</p>
<p><sup>6</sup> Joseph Gáll, <em>In Death’s Fortress</em>, translated by John F. Csomor, New York 1991, 126.</p>
<p><sup>7</sup> Constantin Schneider, <em>Die Kriegserinnerungen 1914–1919</em>. Eingeleitet, kommentiert und herausgegeben von Oskar Dohl, Wien 2003, 375.</p>
<p><sup>8</sup> Quoted in: Johnson, Bliss, <em>Battlefields</em>, 562.</p>
<p><sup>9</sup> Eric J. Leed, <em>No Man’s Land. Combat &amp; Identity in World War I, Cambridge 1979</em>.</p>
<p><sup>10</sup> For example: Bruno Latour, <em>Pandora’s Hope. Essays on the Reality of Science Studies</em>. Harvard University Press 1999.</p>
<p><sup>11</sup> Anthony Saunders, <em>Trench Warfare 1850-1950</em>, Barnsley 2010, 151.</p>
<p><sup>12</sup> G. M. Trevelyan, <em>Scenes from Italy’s War</em>, London 1919, pp. 86.</p>
<p><sup>13</sup> Timothy Snyder, <em>Bloodlands. Europe Between Hitler and Stalin</em>, New York 2010.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>Lutz Musner </strong>ist stellvertretender Direktor und Programmleiter am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften. Zahlreiche Publikationen zu den Bereichen Stadtforschung, Stadtgeschichte und Kulturwissenschaft. Zuletzt erschienen:</em> Die Selbstabschaffung der Vernunft. Die Krise der Kulturwissenschaften und die Krise des Sozialen <em>(Picus, 2007, gem. mit Wolfgang Maderthaner),</em> Unterschicht. Kulturwissenschaftliche Erkundungen der „Armen“ in Geschichte und Gegenwart<em> (Rombach Verlagshaus, 2008, gem. mit Rolf Lindner) und</em> Der Geschmack von Wien: Kultur und Habitus einer Stadt <em>(Campus Verlag, 2009).</em></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/lutz-musner.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Weltkrieg in einer Welt von Kriegen</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/michael-geyer.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/michael-geyer.html#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 13:43:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2559</guid>
		<description><![CDATA[<p>Kommen wir gleich zur Sache: Der Erste Weltkrieg ist eingebettet oder, wenn wir vorsichtiger argumentieren wollen, umgeben von einer Welt von Kriegen, die dem Weltkrieg vorangehen, sich durch den Großen Krieg hindurch ziehen und aus ihm hervorgehen.</p> <p>Das vorherrschende Narrativ über den Zusammenhang des Großen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kommen wir gleich zur Sache: Der Erste Weltkrieg ist eingebettet oder, wenn wir vorsichtiger argumentieren wollen, umgeben von einer Welt von Kriegen, die dem Weltkrieg vorangehen, sich durch den Großen Krieg hindurch ziehen und aus ihm hervorgehen.</p>
<div id="attachment_2568" class="wp-caption alignleft" style="width: 225px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Geyer2.jpg"><img class="size-medium wp-image-2568" title="Soldaten im Schützengraben" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/12/Geyer2-215x300.jpg" alt="" width="215" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Kavalleristen im Schützengrabenn, Frankreich 1916 (Foto: Oscar Tellgmann, Dt. Bundesarchiv)</p></div>
<p>Das vorherrschende Narrativ über den Zusammenhang des Großen Krieges und der kleinen Kriege stellt sich dann so dar, dass der Weltkrieg als der katastrophische Höhe- und vielleicht Wendepunkt in der kriegerischen Gesamtentwicklung dargestellt wird, zu dem die kleineren Kriege hinführen – oder auch nicht; der kausale Zusammenhang ist umstritten – und in dessen Nachzug oder, neuerdings vermehrt zu lesen, als dessen Folge es zu einer Reihe von Nachkriegs-Kriegen oder, wenn man wiederum etwas vorsichtiger sein will, „Nachkriegskämpfen“ gekommen ist.</p>
<p>Die Vorbehalte und Einschränkungen deuten darauf hin, dass der kausale Zusammenhang zwischen den kleinen Kriegen und den großen Kriegen nicht ohne weiteres auf der Hand liegt. Aber an dem grundsätzlichen Narrativ ändert das wenig.</p>
<p>Und wie sollte es auch anders sein? Das schiere Ausmaß der Vernichtung in diesem Großen Krieg, wie ihn die Briten nannten, macht von vorn herein alle anderen Kriege „klein.“ Die überwältigende Gewalt des Weltkrieges zieht alles in ihren Bann. Millionen von Menschen wurden in diesen Krieg geworfen, der an die 8,5 Millionen militärische Opfer forderte und darüber hinaus mehr als sechs Millionen zivile Opfer. Ganze Landstriche wurden zerstört oder entvölkert, neue gräuliche Kriegsmittel wie der Gaskrieg wurden entwickelt.</p>
<p>Letztere entstanden aus einer Imagination der Vernichtung, die allen herkömmlichen Werten und Normen widersprach und eine lebhafte Debatte über das Ende der europäischen Zivilisation und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auslöste.</p>
<p>Nicht zuletzt sog dieser Krieg Ressourcen aus der ganzen Welt in sich auf, brachte die Peripherie sozusagen in das Zentrum und stellte die Welt auf den Kopf, eine Welt, die in einer großen ersten Phase der Globalisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein weltumspannendes Regime der sozialen und kulturellen Segregation und der wirtschaftlichen Arbeitsteilung aufgebaut hatte. Nun also kämpften Afrikaner und Asiaten in Europa und die Europäer verhielten sich wie unzivilisierte Barbaren. Ein überwältigender, ein radikal zerstörerischer Krieg also, weil er mit Millionen Menschen einen Wertehimmel zerschlug.</p>
<p>Historiker haben schon immer eine Aversion gegen solche Selbstverständlichkeiten gehabt, so sehr auch die Zunft als Ganzes dieses Bild des Weltkrieges als der Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts befördert haben mag. Es sollte deshalb nicht überraschen, dass es in der Tat einige gibt, welche an dem Weltkriegs-Exzeptionalismus zu rütteln versuchen. Sie haben gemein, dass sie zwar plausibel erscheinen, aber dann doch scheitern. Eine der ersten wichtigen Überlegungen dieser Art war der durchaus vernünftige Gedanke, dass die kleinen Kriege – voran die Balkankriege – über mehrere Schaltstellen in den Großen Krieg eskalierten.</p>
<p>Aber die Historiker haben sich doch grundsätzlich darauf geeinigt, dass die Balkankrisen – bis hin zur Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand – zwar die zunehmende Brüchigkeit des Krisenmanagements der Großmächte im europäischen Staatensystem aufzeigen, aber dass es keine direkten, kausalen Zusammenhänge zwischen der regionalen Krise und dem gesamteuropäischen Kriegsausbruch gab. Was deutlich wurde in der Klärung dieser Frage, ist die weitreichende Autonomie des europäischen Staaten-Systems mit seinen Großmächten.</p>
<p>Ebenso hat sich ein anderer Interpretations-Ansatz weitgehend zerschlagen, der zunächst ebenso attraktiv erschien. Indem eine jüngere Generation von Historikern die ältere Idee des Zurückschlagens peripherer Konflikte auf das Zentrum – sozusagen ein Bumerang-Effekt, indem zunächst europäische Spannungen in koloniale Abenteuer verdrängt wurden, die dann aber wie etwa in der Marokko-Krise (einem eskalierenden deutsch-französischen Konflikt über die Kolonialisierung Marokkos) auf Europa zurückschlugen – aufnahmen und auf die koloniale Kriegsführung jenseits des europäischen ius in bello als Ursprung der Barbarisierung des Krieges in Europa hinwiesen.</p>
<p>Aber selbst für das Ottomanische Reich und die dortigen deutschen Offiziere lässt sich eine direkte, kausale Beziehung zwischen Kolonialkriegen und Weltkrieg, und selbst den genozidalen Dimensionen im Weltkrieg, nur sehr bedingt herstellen. Die Folgerung ist in dieser Hinsicht eher niederschmetternd. Es bedurfte des kolonialen Nexus überhaupt nicht, um die Kriegsführung im Ersten Weltkrieg gründlich und grundsätzlich zu degenerieren.</p>
<p><strong>Periphere Kriege</strong></p>
<p>Auf der Kehrseite der Medaille steht dann ein weiterer Vorbehalt. Denn man kann mit Fug und Recht die Idee peripherer Kriege und ihrer Marginalität anzweifeln – selbst im Vergleich mit dem Großen Krieg. So lässt sich wohl der russische Bürgerkrieg in die Nachkriegs-Kriege einordnen, obwohl auch hier in einer Art Kehrbild der Kriegsursachen-Diskussion die Frage der Kausalität – der Große Krieg führt zum Bürgerkrieg – sehr in Zweifel zu ziehen ist.</p>
<p>Es ist ein gewundener Weg vom Zusammenbruch des zaristischen Regimes bis hin zum Allrussischen Bürgerkrieg. Aber der wohl wichtigere Einwand ist zunächst einmal der, dass es sich hier keineswegs um einen „kleinen“ Krieg gehandelt hat, weder was die Letalität – es gab mehr als neun Millionen direkte oder indirekte Opfer dieses Krieges – noch was die Folgewirkungen betraf.</p>
<p>Der Ausgang <em>dieses</em> Krieges hat ganz ohne Zweifel das 20. Jahrhundert zutiefst geprägt. Des Weiteren haben gerade auch die „kleinen“ Kriege – wenn wir etwa an den Griechisch-Türkischen Krieg (1920–1922) denken – mit ihrem Ergebnis eines massenhaften Bevölkerungstransfers katastrophale Weiterungen, die weit über den lokalen Rahmen hinausdeuten. „Kleine“ sind also nicht eo ipso auch weniger extreme Kriege; ganz im Gegenteil.</p>
<p>Aber selbst dann ist immer noch die Frage, ob es wirklich angebracht ist, den Russischen Bürgerkrieg oder den Griechisch-Türkischen Krieg als Nachzugs-Krieg des Ersten Weltkrieges zu betrachten oder ob es nicht sehr viel angebrachter wäre, diesen Krieg im Zusammenhang anderer, extrem gewaltsamer Bürgerkriege zu sehen, wie etwa der Mexikanischen Revolution (1910–1920) oder der Xinhai Revolution (1911) und den folgenden Wellen des Chinesischen Bürgerkrieges – und dies nicht nur, weil sie kategorisch zusammengehören, sondern weil sie zusammen genommen erst deutlich machen, dass die Zeit des Weltkrieges auch und gerade ein globales Revolutions- Zeitalter war.</p>
<p>Aber wenn nicht so, wie dann? Die Verortung des Weltkrieges in einer Welt von Kriegen hat in gewisser Weise schon längst begonnen – und das an einem etwas überraschenden Teil der Geschichte. Denn es ist eine Art Maxime geworden, dass Neuerungen von außen kommen müssen, etwa im Sinne einer Provinzialisierung Europas; aber in diesem Falle kommen sie von innen.</p>
<p>Je mehr sich die historische Forschung insbesondere nach der Öffnung Osteuropas mit der „Natur“ des Weltkrieges auseinanderzusetzen begonnen hat, umso deutlicher ist geworden, dass dieser Krieg – wie im übrigen alle großen Kriege, im Unterschied zu Feldzügen – zwar von Kriegsplänen und Strategien lose zusammengehalten worden ist, dass er aber in Wahrheit in sehr unterschiedliche Kriege auseinander bricht, und dies selbst dann, wenn man alle Kriegs-Metaphorik beiseite lässt.</p>
<p>Der Erste Weltkrieg, so stellt sich heraus, ist ganz im Clausewitzschen Sinne, ein Chamäleon. Er passt sich den lokalen und den sozialen Situationen an. Er ist Industrie-Krieg ebenso wie brutales Hacken und Schlagen; er ist Krieg riesiger Armeen ebenso wie Bandenkrieg; er ist Krieg an der Front ebenso wie im Innern. Der Weltkrieg ist ein zusammengesetzter Krieg, in dem einzelne Gewalt-Segmente ihre eigene territoriale, temporale und topikale (d.h. Gewalt-adjustierende) Prägung haben.</p>
<p>Die Mehrschichtigkeit kriegerischer Gewalt rollt den Ersten Weltkrieg zwar nicht aus dem Zentrum heraus, aber die Überlappung von Weltkrieg und Bürgerkrieg deutet doch darauf hin, dass wir kriegerische Gewalt in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts besser in mehreren Schichten, also gewissermaßen archäologisch, betrachten statt den Weltkrieg in seiner Monumentalität als eine Art planetarisches System zu verstehen, in dem der Große Krieg der zentrale Ort ist, die Sonne gewissermaßen, um die kleinere Kriege und Gewaltakte, Vorläufer und Nachläufer, kreisen.</p>
<p><strong>Archäologie der Gewalt</strong></p>
<p>Das Ergebnis oder, um einen modischen Begriff einzuführen, die Benchmark einer solchen Archäologie der Gewaltsegmente des Ersten Weltkrieges wird sich daran messen lassen, ob sie nun wirklich den Großen Krieg als solchen und den Weltkrieg in einer Welt von Kriegen besser versteht. Aber damit ist der Einsatz nur teilweise bestimmt. Denn es geht da doch noch um etwas mehr, wenn wir insistieren, dass die Vor- und Nachkriege des Weltkrieges integrale Bestandteile einer Geschichte des Weltkrieges in einer Welt von Kriegen sein werden.</p>
<p>Nehmen wir die Xinhai Revolution 1911 als Beispiel. Die Revolution ist gescheitert. Der folgende Bürgerkrieg hat nur sehr bedingt etwas mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, wie man etwa am Beispiel der <em>Wŭsì Yùndòng</em> (4.-Mai-Bewegung) zeigen könnte. Aber die überschießende, langfristige Bedeutung selbst des chinesischen Gewaltsegments für die Geschichte des 20. Jahrhunderts und nicht zuletzt für die Geschichte Europas kann nicht unterschätzt werden.</p>
<p>Irland, Osteuropa, der Kaukasus liegen geografisch und mental näher. Sie sind unmittelbarer Teil einer Geschichte des Weltkrieges, und doch lässt sich diese Geschichte nur entfalten, wenn wir die temporale, geografische, topikale Integrität des jeweiligen Gewaltsegments betrachten. Weder die irische noch die polnische Geschichte des Ersten Weltkrieges beginnt 1914 und endet 1918.</p>
<p>Die beiden Geschichten ziehen sich durch den Krieg und strecken sich darüber hinaus. Sie haben zudem eine Zukunft, die weit über die Zeit der Weltkriege hinausdeutet. Denn am Ende des 20. Jahrhunderts war Europa ein Kontinent von Nationalstaaten – und nicht von imperialen Großmächten, weshalb man zu dem Schluss kommen muss, dass die kleinen und erweiterten Geschichten bzw. Gewaltsegmente des Ersten Weltkrieges durchaus eine Zukunft hatten, die hinter den Ergebnissen und Folgen des Großen Krieges nicht zurücksteht.</p>
<p>Die Durchsetzung und Erhaltung imperialer Vorherrschaft wird in einer Vielzahl kleiner Kriege aussortiert – in einer Welt, die sich gegen europäische imperiale Vorherrschaft wehrt und letztendlich auch obsiegt. Denn die große Entwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts läuft nicht auf eine Konsolidierung von Weltimperien hinaus, wie man das im Blick auf den Ersten Weltkrieg vermuten möchte, sondern auf die Proliferation des Selbstbestimmungsprinzips, das in einer Welt von Kriegen und Aufständen artikuliert wird.</p>
<p>Das Europa der kleinen Kriege – was wir oben mit dem analytisch schärfer greifenden Begriff „Gewaltsegmente“ bezeichnet haben – im Zeitalter des Ersten Weltkrieges gibt deshalb eine erste Ahnung davon, was dann im Zweiten Weltkrieg in der Verbindung von imperialem Großmachtkrieg und national-revolutionären Kriegen stattfinden wird.</p>
<p>Deshalb die These: Erst wenn wir den Großen Krieg mit der Welt von Kriegen zusammenbringen, beginnen wir die Rolle militärischer und politischer Gewalt in der Neuordnung Europas und der Welt zu verstehen. So ausschlaggebend der Erste Weltkrieg für die Zukunft Europas auch war, die grundlegenden Tendenzen des Zeitalters entfalteten sich in einer Welt von Kriegen, die zeitweilig in dem Großen Krieg der Staaten aufgesogen bzw. von ihm überschattet wurden, aber nicht in ihm aufgingen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>Michael Geyer</strong> ist Samuel N. Harper- Professor of German and European History sowie Mitbegründer und Leiter des Human Rights Program an der University of Chicago. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen deutsche und europäische Zeitgeschichte, Geschichte der Menschenrechte und Geschichte und Theorie der Globalisierung. Zuletzt war er Mitherausgeber von </em>Die Gegenwart Gottes in der modernen Gesellschaft: Transzendenz und religiöse Vergemeinschaftung in Deutschland <em>(Wallstein Verlag, 2006, gem. mit Lucian Hölscher) und</em> Beyond Totalitarianism: Stalinism and Nazism Compared <em>(Cambridge University Press, 2009, gem. mit Sheila Fitzpatrick). Der hier abgedruckte Text basiert auf einem Vortrag bei der IFK-Konferenz „The Geo- Politics of the Great War 1900–1930“ (6.–8. Oktober 2011).</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/michael-geyer.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>The Myriad Faces of Battlefield Dynamics</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/lutz-musner-english.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/lutz-musner-english.html#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 13:41:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2666</guid>
		<description><![CDATA[<p><a href="http://www.recherche-online.net/lutz-musner.html">Zur deutschen Version des Textes</a></p> <p>As someone departing from material culture studies and being a novice in war studies, I was mesmerized by a quote of the French historians Stéphane Audoin-Rouzeau and Anette Becker who wrote: “It is striking how much historians, though they [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.recherche-online.net/lutz-musner.html">Zur deutschen Version des Textes</a></p>
<p>As someone departing from material culture studies and being a novice in war studies, I was mesmerized by a quote of the French historians Stéphane Audoin-Rouzeau and Anette Becker who wrote: “It is striking how much historians, though they profess to be discussing war, are cut off from areas of relevant knowledge. Weapons, for example – how they are used, how they work, and what effect they have – are outside the competence of most of them …”<sup>1</sup></p>
<p>My presentation shall try to bypass this blind spot and emphasize the material, the geographical, and the technological dimension of war. Thereby I hope to thematize the question in which ways new weaponry and the bodily materiality of trenches and frontlines influenced the self-perception of soldiers so that they could not only survive but also endure the mass-slaughter for such a long, inconceivable period of time. The popular view of the First World War is heavily influenced by a darkly painted tableau of the Western front, which epitomizes the futility of war and accuses ignorant generals willfully sacrificing their men.</p>
<p>As I shall argue later on – matters are much more complicated – and the Great War, in spite of the many casualties and victims, can also be perceived as some huge, although not planned and of course very costly “experiment”. An experiment how to coordinate modern weapons such as machine-guns or portable trench mortars with sophisticated assault tactics in novel ways and how to utilize the technical skills of map-making, meteorology, and ballistics for a more accurate assessment of battlefield specificities. Thus, warfare for the first time became a truly science- and technology-driven affair.</p>
<p>The presentation shall consist of three parts. Firstly, I will compare the combat zones in the West with those grooving across the harsh limestone plateau above the Isonzo River and I shall thereby reveal decisive factors of battlefield dynamics such as the intricate reciprocity of geography, geology, technology, and tactics. Whereas combatants in the West feared less geomorphology than artillery, soldiers in the Carso war of attrition were foremost paralyzed by cascades of falling rock triggered by heavy artillery bombardment of rugged terrain.</p>
<p>Secondly, I will re-read military history with the means of Science Technology Studies in order to better understand how sophisticated (automatic) weaponry remodeled the minds and bodies of front-line soldiers. Thirdly, I will point to the emergence of the three-dimensional battlefield through better coordinated armed service branches on the ground and in the air. By sketching this new constellation, the conventional macro-perspective of an overall static conflict shall be relativized and the importance of flexiblized assault/defense tactics and new concepts of combat space as well as forces’ mobility will be underscored.</p>
<p>In 1916 Henri Barbusse was one of the first French belligerents to narrate the horrors of the Western front as Erich Maria Remarque did it for German audiences more than a decade later. Though <em>Le Feu</em><sup>2</sup> is foremost a masterly peace of literature, the novella is also a touching eyewitness account of what it meant to be a captive of the evolving Western front inferno. Barbusse focuses the reader’s perspective on a strange world where endless plains are zigzagged by trenches, piled up with ragged barbed wire, smashed pieces of steel and wood, and pierced by countless shell craters.</p>
<p>But more than constant artillery bombardment and gun fire, the French “Poilu” feared a landscape, which by an uncanny convergence of technology and harsh weather conditions had been turned into some nightmarish, grey-colored scenery of mud and water-flooded dug-outs drowning or burying soldiers alive. What defined the Western front was not only the sudden change from a war of movement to a static trench warfare but in similar scale geological features such as clay and soft soil which under constant rain transformed into chewy, sucking ground.</p>
<p>Flanders mud became a notoriously dreaded zone of combat with its own logic and dynamic of fighting and surviving. The effects of artillery fire were greatly reduced when shells exploded in sticky loam. But shell holes quickly filled up with water, that could not be drained away, and chewy soil drastically slowed down the attack of troops for which the shelling was supposed to be a relieving preparation. Equally hindered was the transport of supplies, heavy guns and ammunition, and troop reinforcements got lost in the mire of the hinterland forcing their frontline comrades to leave already conquered positions.</p>
<p>Mass attacks became a dreadful practice since the soldiers had great difficulties scrambling out of slippery trenches and their tardy advance over tenacious ground offered the Germans ample opportunities to machine-gun them down in large numbers. As the American military geographers Douglas Wilson Johnson and Tasker H. Bliss noticed:</p>
<p><em>“Rifles became so clogged that they could not be fired; and, when they were wrapped in cloth to keep the mechanism clean, were not ready for in-stant use. The wounded lay half buried in the mud, and many were suffocated. Even the well and strong were caught in fatal mud traps (…). In a British assault on the low clay mound near St. Eloi in April, 1916, the attackers had to lie flat and distribute their weight evenly in order to prevent sinking into the mire. As it was, a number of the men were engulfed and suf-focated.”<sup>3</sup></em></p>
<p>It took the belligerents powers on the Western front ample time and huge technical efforts to cope with a geological formation which might have been beneficial for agriculture but had a devastating impact on the daily conduct of war.</p>
<p>Water, liquid loam, and torrential rain filling in dugouts and foxholes made everyday life unbearable and diseases such as the infamous “trench foot” from long exposure to cold mud, or dysentery caused by contaminated water severely weakened morale and combat strength of the troops on both sides. Only when some better entrenchments, which through wood floors spared soldiers the burden to stand in knee-deep or even waist-deep water, were implemented and only when a sophisticated system of drainage and dewatering pipes was constructed, frontline service could be endured more easily.</p>
<p>If we look at the Carso front, which means a rather small sector of the Austro-Italian Southwestern front at the Isonzo River, geographical conditions for soldiers were quite different. There was not loam or soft chalky ground that prefigured the logic of combat and shaped the battlefield, and it was not mud respectively chewy and sucking ground which soldiers put into danger to be smothered or suffocated.</p>
<p>Rather it were razor-sharp spall by which combatants were killed when shells exploded upon the stony chalk. The Italian liaison officer to the British high command, Colonel Filippo De Filippi, described the war in this nasty upland only covered with scanty vegetation as truly hellish experience:</p>
<p><em>„You have often heard or read of the “Carso Maledetto,“where trenches and shelters have to be hewn out of the solid rock. It has become a vast cemetery of our men, still more of Austrians: a cemetery without dead. The rocky ground does not permit the digging of graves, and the dead have to be transported side by side with the wounded to find a resting-place in the valley at the foot of the plateau. (…) The effect of the enemy’s shells bursting upon this rocky ground was extremely deadly, on account of the innumerable rock splinters, which greatly multiplied the effects of the projec-tiles.”<sup>4</sup></em></p>
<p><em> </em>In comparison to the battlefields at the Western front that mostly stretched over sloppy hills, loam and soft soil, the Isonzo battles were mostly fought on this damned flat-topped plateau, a dry, wind-swept desert of roughly 50 square kilometers size, situated between the city of Gorizia, the city of Monfalcone, and the Adriatic Sea close to Rainer Maria Rilke’s romantic fishing village of Duino.</p>
<p>The Austro-Italian front differed from other battlegrounds of the Great War in some important respects. It stretched from the glacier-covered peaks of the Ortler, the Great Adamello and the Dolomites to the Carnic Alps, and finally to the Italian Eastern front with the Carso plateau as its center of combat gravitation.</p>
<p>Though especially the fighting in the Dolomites became infamous because of the terrible causalities caused by avalanches and mine explosions, blowing up entire mountain fortifications, it was specifically this wasteland and its locations of Monte San Michele, Doberdò, and Monte Hermada which soon acquired a frightening reputation because of grim and never-ending battles of materiél.</p>
<p>In addition to the nightmare of mechanized warfare, more easily to be implemented in the hills and plains than in the mountains, troops on both sides had to cope with drastic climatic conditions: hot summers in a waterless desert full of shell craters, smashed-up trenches, unexploded artillery shells and barbed wire, and during wintertime soldiers were buffeted by the bora, a fierce cold wind which turned the battlefield into a storm-ridden landscape of ice and snow.</p>
<p>A touching eyewitness account of how nerve-straining the fighting especially in the Doberdò area was, are the memoirs of Joseph Gál who served as Hungarian Honvéd infan-tryman during the 6th Isonzo battle in August 1916. In his book entitled <em>In Death’s fortress</em> Gál wrote:</p>
<p><em><em>“It is now the tenth day that we have inactively listened to the artillery barrages nerve-killing explosions. The shells have devastated the entire area; they have created a real hell for us. Like rats among ruins, we run from one place to another. Regardless of where we hide, in the following second like scared rabbits we jump out from among the ruins and, being accompanied by the death-rattles of our severely wounded comrades (…). Every single minute of a day like wandering souls we run here and there or possibly we push over to a blood-soaked piece of broken rock so that we can find some protection. These are indescribable tortures.”<sup>5</sup></em></em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em> </em>The intricate reciprocity of technology, geology, and the massing of troops produced a new kind of war landscape in the Carso which literally unified men and stone. The Austrian staff officer Constantin Schneider wrote in his memoirs that men were simply treated like stones, and both – men and stones – were intermingled to something what could be called a “fortification”. Behind those rocks lay men, guarded those, and let it more less passively happen to be smashed by and through these rocks.<sup>6</sup></p>
<p>Schneider’s remarks underline once more how different the interaction and dynamics of geology, technology, and war practices in the West and at the Italian front worked out. Soldiers in the West had to find ways how to better cope with mud, blocked mobility and deadly artillery fire, and how to circumvent the stalemate by new flexible assault tactics. Soldiers in the Carso had to find ways how to protect themselves more efficiently against the deadly mixture of up-hurled boulders and shell splinters and how to turn geological disadvantage into gains of defensive tactics. As reportedly one of the Austrian defenders said: “We have but to retain possession of a terrain fortified by nature”.<sup>7</sup></p>
<p><em> </em>In order to better understand the evolution of trench warfare in both places, it might be worthwhile to re-read military history with the means of STS – Science Technology Studies. This evolutionary process was not only the effect of a violent “rite de passage” as analyzed by Eric Leed<sup>8</sup> but also the consequence of entirely new men-machine-landscape interactions. In my view this reciprocal dynamics of subjectivity, automatic weapons, and war landscapes might be adequately disclosed by approaches elaborated by scholars such as Bruno Latour<sup>9</sup> and Stephen Woolgar for the understanding of laboratory processes.</p>
<p>Though their primary objects of research had been biological, physical, and chemical artifacts with some references to wider socio-technical contexts, one can extent their analytical tools to the study of modern, science-based warfare. Roughly speaking, STS consider human actors as dynamic factors within a network of material “actants”, technological gadgets and scientific facts. None of them is a fixed entity but rather all entities interact with each other and are intermixed through processes of transcription, mutation, and transformation.</p>
<p>Thus humans remain not clearly separated from the world of things; on the contrary through science-based innovations subjective competences are transferred into material things and vice versa sophisticated techno-objects transfer their hidden programs into human agency hence creating uncanny hybrids of men and combat artifacts.</p>
<p>If machine-guns can fire up to 500 rounds per minute and a heavy mortar shell can kill half a regiment at once by explosive impact and innumerous splinters of steel and stone, then a new universe and epistemology of war is created. This new universe of war implies the total subjection of soldiers to forces of technological destruction, which are beyond their individual control and comprehension and condemn them to passiveness, random strategies of survival, and a fatalistic worldview in the trenches.</p>
<p>The novel epistemology of war gives birth to feedback-based systems of technological development, applied sciences, rational modes of production, weapon logistics, and tactics. Thus, for example machine-guns and their crews cannot be adequately conceptualized as singular units alone but have to be seen as actors within networks of machines, gunners, supply and repairing units, transport systems, engineers – calculating improved modes of shooting techniques, and finally specialized commands – applying the new science-based knowledge of photographic surveillance, mathematical ballistics, and wireless communication.</p>
<p>As a result the crude division of labor in mechanized mass-killing at the Isonzo, the contradiction between rationalized combat logic and individual incomprehension, the close interaction of real and imagined battles, and the overlapping of real targets and their abstract representations, such as air reconnaissance pho-tos, created a schizophrenic experience of war. This “trench schizophrenia” separated inci-dents from causes, dissociated events from narrations, and chapped nerves from their bodies.</p>
<p>The battle of materiél in the Carso favored some Ernst Jünger-type of warrior fully adapted to the requirements of mechanical precision, cold-mindedness, and targeted aggression; in short it favored storm-troopers full of daring. The battlefield geography is no arbitrary momentum within the overall hybridization of men and killing machines as it took place in ever more increasing intensity. Rather geography represents, as the difference between the Western and Italian front reveals a crucial factor in it. Geological circumstances remodeled soldiers equally as new weaponry, and the techno-materiality of the war landscape became an intrinsic, agency-guiding moment of battlefield dynamics.</p>
<p>But this novel epistemology of war did not imply some encompassing and long-lasting passiveness and standstill. Rather combatants, staff officers, technicians, experts in various branches of surveillance, meteorology, geology, ballistics, communications etc. began to learn how to wage war more rationally, so to say more scientifically. Hence passiveness intermingled with an agency which turned soldiers into “industrial warriors” accustomed to perceive their weapons as some “organic” extension of their senses and their bodies.</p>
<p>In particular the battles of attrition during 1916 gave birth to new tactics, lighter and better portable weapons such as the British Stokes mortar or the slim version of the heavy Austrian Schwarzlose machine-gun. The invaluable combat experience of surviving elderly soldiers, trial-and-error experiments by raiding parties using hand grenades, flamethrowers, and flexible assault methods, a more flattened hierarchy among frontline units, creeping artillery barrages, and the creation of shock troops thus altered the character and the logics of battlefield dynamics.</p>
<p>In the Carso for example, the Austrians began to scientifically exploit the geological features of the chalkstone landscape by using natural caves, sink holes, and “dolinas” as integral component of their trench system, enforced those slots with steel and concrete, and implemented a flexible strategy of defense against the overwhelming strength of the Italian forces.</p>
<p>Instead of using machine-guns as mere supplement of infantry firepower, the Schwarzlose guns were now well-entrenched and tactically well-positioned to mow down waves of opponents while scarce artillery support was used to beat back the then heavily weakened enemy. The new strategy also implied that Italian attacks were suddenly rebutted by storm-trooper units occu-pying lost territory and preparing it for regular units to endure further fighting and to hold the line.</p>
<p>And during the 12<sup>th</sup> Isonzo battle, the Austro-Hungarian forces with crucial support of German troops could turn atrocious stalemate, which had brought them close to military collapse, into mobile warfare, achieving some surprising victory at Caporetto, and making a rap-id advance into the heart of Northern Italy until the Piave River. Preconditions of this – as we know – only temporary success had been the camouflaged build-up of large numbers of troops in the rear, the merciless utilization of poison gas, the bypassing of heavily fortified Italian mountain positions, and the use of improved communication means enabling flexible maneuvering and surprise attacks such as Erwin Rommel’s seizure of the Monte Matajur.</p>
<p>After the bloody and costly battles at Verdun and the Somme, the Western front became also a laboratory for new tactics, strategic exploitation of geography, and the application of more efficient assault techniques. Two crucial technological innovations contributed to this – the invention and development of automatically lit hand grenades and the Stokes rapid-fire infantry mortar.</p>
<p>While the Mills grenade was at first solely used by specialized bombing squads, it became later on an ordinary infantry device of which more than ten millions were put into action. Reliable hand grenades and light portable mortars together with the easy-to-carry Lewis machine-guns enabled far more flexible attacks, tactical retreats, and renewed assaults on enemy positions.</p>
<p>By 1917, the purpose of bombing was not about directly killing the enemy but much more forcing him into a lethal zone where the British could kill German troops with small arms, machine-guns, and the very accurately firing Stokes mortar. Often Stokes batteries were part of a much larger arrangements, in which raiding parties with light weapons and fixed mortar units in the rear were neatly concerted with heavy artillery that by now made effectively use of aerial photography and wireless communication.</p>
<p>In late 1917 British artillery could rely on sophisticated ballistics taking into account the weight of shells, muzzle velocity, air temperature, and barrel accuracy enabling gunners to hit targets precisely even in the far rear of the German frontline. Probably the most important aspect in the evolution of trench warfare was, as Anthony Saunders suggests, the comprehensive remodeling of infantry corporate culture.</p>
<p><em><em>“While the platoon of 1914 was trained in musketry and bayonet (…), the infantry platoon of 1918 was an all-weapons unit. Everyone in the platoon of 1918 was trained in musketry, bayonet fighting and bombing, while experience of the light machine-gun was widespread among the infantry, especially so for the Lewis gun …”<sup>10</sup></em></em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em> </em>In my closing argument I shall link up my analysis of the battlefield dynamics with the conference’s leading themes of “Geo-Politics” and “Tectonics of Space.” As I have hopefully demonstrated in sufficient clarity, the concepts of space and spatiality remarkably changed during the war. Firstly, the trench spaces experienced significant innovations equally in technical-tactical respect as in their psychological dimensions exemplified through the “industrialized” soldier.</p>
<p>Although trenches were not permanently places of hardship, suffering, and death, but also places of boredom, some relaxation, and even minor pleasures, in significant ways trenches were also sites of experimentation and laboratories for learning how to survive and how to achieve advantages over the enemy. This “learning process” on a micro-level implied that soldiers on both sides became closely mingled with sophisticated war machinery.</p>
<p>They absorbed not only the harsh philosophy of industrialized warfare, but in a very bodily sense incorporated the logic of modern weaponry that radically suspended the borders between the organic and the inorganic. The thereby instigated “technification of souls” made them not only appearing like “men of steel” trying to become masters of the trenches and experts of survival but also altered their subjective perception of space.</p>
<p>Space was denaturalized and became a suffocating jug that threatened soldiers to be devoured into diluted loam, debris, and spall as it equally became a utopian mindscape for relieving moments of mobility, fighting, and escape from the perils of war. In this respect, shock troopers respectively storm-troopers might be seen as paradigmatic warriors since they embodied more than others the intimate hybridization of men, technology, and geology.</p>
<p>But their post-war biographies varied signifi-cantly. Most British and Canadian shock troopers rather easily found their path into civilian life whereas many German, Hungarian, Austrian storm-troopers and in particular Italian assault-troopers joined right-wing militias putting up the arch of retroactive trench experience from democratic until totalitarian conceptions of post-war politics. It is not accidental that many early followers of Benito Mussolini’s fascist movement were recruited from demobi-lized Reparti d&#8217;Assalto units, which George M. Trevelyan characterized as follows:</p>
<p>“Skill in flame-throwing, bomb-throwing, and the dagger at close quarters are their favorite arts; holding the trenches by rifle fire after their capture is left to the ordinary regiments of infantry. Indeed, the Ardito lives in an atmosphere of bombs and flames.”<sup>11</sup></p>
<p>Secondly, space seen from a macro-perspective also fundamentally changed during the course of war. The plain two-dimensional space of Napoleonic warfare, based on geometric orders of battle and supervised by an ideally ingenious up-hill high command, turned into a sprawling and confusing three-dimensional combat zone hardly to be commanded properly, constantly exposed to surprise, logistic default, and overwhelming mechanized violence.</p>
<p>Nevertheless, also on this macro-level a significant technology-driven “learning curve” took place albeit on the expenses of millions of casualties. In the closing months of the Great War, the concept of the “deep battle” had been well-elaborated, imagining space now reaching as far as into the aviator’s sky and into the depth of the enemy’s hinterland as well as to the bottom of submarine maneuvering.</p>
<p>This new strategy of coordinating mobile all-weapons forces including tanks and motorized supply units on the ground, and bombing and surveillance powers from the air, revolutionized military strategy. Although this revolution of the tectonics of “war landscapes” and the altered concept of Geo-Politics was not all that evident in 1918, its aftermath nevertheless created cunning “blueprints” for further wars to come: Wars of massive area bombardment, “Blitzkrieg” tank wars, &#8220;wolf pack&#8221; submarine warfare, large amphibious landing operations, and wars of merciless mass violence against civilians as analyzed in Timothy Snyder’s stunning book <em>Bloodlands</em>.<sup>12</sup></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Paper given at the IFK conference „The Geo-Politics of the Great War 1900–1930“ (6–8 October 2011).</p>
<p><sup>1</sup> Stéphane Audoin-Rouzeau, Anette Becker, <em>1914-1918. Understanding the Great War</em>, London 2002, 19.</p>
<p><sup>2</sup> Henri Barbusse, <em>Le Feu</em>. Journal D&#8217;Une Escouade, Paris 1916.</p>
<p><sup>3</sup> Douglas Wilson Johnson and Tasker H. Bliss, <em>Battlefields of the World War, Western and Southern Fronts: A Study in Military Geography</em>, New York 1921, 24.</p>
<p><sup>4</sup> Filippo de Filippi, <em>The Geography of the Italian Front</em>, in: The Geographical Journal, Vol. LI/No. 2 (1918), 73.</p>
<p><sup>5</sup> Joseph G l,<em> In Death’s Fortress</em>, translated by John F. Csomor, New York 1991, 126.</p>
<p><sup>6</sup> Constantin Schneider, <em>Die Kriegserinnerungen 1914–1919.</em> Eingeleitet, kommentiert und herausgegeben von Oskar Dohl, Wien 2003, 375.</p>
<p><sup>7</sup> Quoted in: Johnson, Bliss, <em>Battlefields</em>, 562.</p>
<p><sup>8</sup> Eric J. Leed, <em>No Man’s Land. Combat &amp; Identity in World War I</em>, Cambridge 1979.</p>
<p><sup>9</sup> For example: Bruno Latour, <em>Pandora&#8217;s Hope. Essays on the Reality of Science Studies.</em> Harvard University Press 1999.</p>
<p><sup>10</sup> Anthony Saunders, <em>Trench Warfare 1850-1950</em>, Barnsley 2010, 151.</p>
<p><sup>11</sup> G. M. Trevelyan, <em>Scenes from Italy’s War</em>, London 1919, pp. 86.</p>
<p><sup>12</sup> Timothy Snyder, <em>Bloodlands</em>. Europe Between Hitler and Stalin, New York 2010.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Lutz Musner, PD Dr., Associate Director, IFK_Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz. 2002 Fulbright Visiting Professor at Duke University; 2008 Habilitation (venia legendi) for “Kulturwissenschaft”, Humboldt-University at Berlin and 2010 Gutenberg Fellow at the University of Mainz. In 2011 he received the “Victor-Adler-Staatspreis für Geschichte sozialer Bewegungen“.</em><em> Publications (among others): with Wolfgang Maderthaner, </em>L&#8217;autoliquidation de la raison. Les sciences de la culture et la crise du social<em>, Paris 2010; </em>Der Geschmack von Wien. Kultur und Habitus einer Stadt<em>, Frankfurt/Main 2009</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/lutz-musner-english.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kritik der kognitiven Autorität</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/nico-stehr-reiner-grundmann.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/nico-stehr-reiner-grundmann.html#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 13:24:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2540</guid>
		<description><![CDATA[<p><em>Erkenntnis und Interesse</em>, so lautete der Titel von Band 1 der Reihe „Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft“, geschrieben von niemand geringerem als Jürgen Habermas. Das Zeug zum Klassiker hatte er dennoch nicht, denn man merkt den in ihm versammelten Gelegenheitstexten ihren Entstehungskontext allzu deutlich an: 1968 mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erkenntnis und Interesse</em>, so lautete der Titel von Band 1 der Reihe „Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft“, geschrieben von niemand geringerem als Jürgen Habermas. Das Zeug zum Klassiker hatte er dennoch nicht, denn man merkt den in ihm versammelten Gelegenheitstexten ihren Entstehungskontext allzu deutlich an: 1968 mit all den verquasten Debatten um Marx und Hegel, Hegel und Marx, getragen von einem larmoyanten Unterton über zu kurz gegriffene Erkenntnistheorie und zu wenig Reflexivität in den Wissenschaften. Ironischerweise wurde genau das, was der Auftaktband wortreich beklagt, in den Nachfolgejahrzehnten zum Hauptgeschäft der STW-Reihe: die Verschiebung von Erkenntnistheorie in Richtung Wissenschaftstheorie.</p>
<div id="attachment_2541" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/11/Hartmann_Rassenforschung.jpg"><img class="size-full wp-image-2541 " title="Rassenforschung in Tibet" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/11/Hartmann_Rassenforschung.jpg" alt="" width="250" height="265" /></a><p class="wp-caption-text">Der Rassenforscher und SS-Hauptsturmführer Bruno Berger bei der Arbeit in Tibet, 1938/39 (Foto: Dt. Bundesarchiv / Ernst Krause)</p></div>
<p>In ihren interessanteren Ausprägungen gelang es inzwischen gerade der Wissenschaftstheorie zu zeigen, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse konstituieren und wie sie für die Gesellschaft nutzbar sind. Wissenschaft erzeugt eine hohe kognitive Autorität, die unsere Wissensgesellschaft durchzieht und dabei ambivalenten politischen Einfluss nimmt, wie zuletzt an der Klimadebatte deutlich wurde.</p>
<p>Vielleicht wird inzwischen aber die Grenze zwischen diesen Meta- Diskursen einfach nicht mehr so strikt gezogen. Habermas schoss sich auf den „Positivismus“ ein, gegen dessen Theorem, es gebe eine wertfreie Darstellung wissenschaftlich beobachteter Daten, er den Einwand vorbrachte, jeder Erkenntnis sei ein bestimmtes (technisches, kritisches etc.) Interesse vorgängig. Daher darf die Frage, welche Interessen und gesellschaftliche Faktoren auf die Entwicklung der Wissenschaften und ihrer Erkenntnisse einwirken, aus dem Wissenschaftsdiskurs nicht verschwinden, sonst wird er ideologisch. Wer glaubt, es gebe eine unbedingte wissenschaftliche Objektivität und was einmal Wissenschaft sei, bleibe für immer Wissenschaft, der täuscht sich.</p>
<p><strong>Epistemische Gemeinschaften</strong></p>
<p>Das Problem ist nicht nur, dass Wissenschaft in den Dienst bestimmter Interessen gestellt werden kann, sondern – verschärft – dass es das gibt, was Soziologen „epistemische Gemeinschaften“ nennen. Diese treten vor allem dann in Aktion, wenn es Unsicherheiten gibt, und die aktuelle Konjunktur der Experten- und Beraterkultur scheint auf grundlegende Unsicherheiten in der Gegenwartsgesellschaft hinzuweisen, wie Nico Stehr und Reiner Grundmann in ihrem Buch <em>Expertenwissen. Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern</em> zeigen.</p>
<p>Epistemische Gemeinschaften erzeugen jenen kognitiven Konsens, der politisches Handeln vor allem in Krisenzeiten leichter machen soll. Sie besitzen aber auch die Mittel, den Zugang und die Kontrolle von Forschungsergebnissen zu kanalisieren. So haben etwa die Klimaforscher bis vor kurzem ihre Rohdaten nicht öffentlich zugänglich gemacht. Interessenpolitische Interpretationen sind dadurch leichter möglich, und es entsteht auch der Verdacht, dass manipulierte Daten in der Diskussion eine Rolle spielen, die sie eigentlich nicht haben dürfen. Zuletzt passierte das im Vorfeld der UNO-Klimakonferenz 2009; der gehackte E-Mail-Verkehr ließ dann den Verdacht aufkommen, die Theorie der Klimaerwärmung beruhe auf einer verzerrten Datenlage und sei daher anzuzweifeln.</p>
<p>Ist es nun richtig oder auch nur legitim, eine politische Debatte durch die wissenschaftliche Expertise zu steuern? Das ist eine Auffassung, die schon von Otto Neurath in den 1920er- Jahren vertreten wurde. Seine emphatisch vorgetragene „wissenschaftliche Weltauffassung“ sollte die Gesellschaft vereinen und wissenschaftlich rationale, auf Statistik beruhende Argumentation die politischen Konflikte lösen. Kann das die Wissenschaft leisten? Sind die sozialpolitischen Probleme in diesem Sinne rational lösbar?</p>
<p>In ihrer Analyse der einschlägigen Forschungsliteratur kommen Nico Stehr und Reiner Grundmann in <em>Die Macht der Erkenntnis</em> zunächst zu dem Schluss, die Sozialwissenschaftler wären gespalten über die Frage, welchen Einfluss Wissen auf die Politik haben kann. Sie untersuchen dann in drei prominenten Bereichen die Mechanismen, mit denen Erkenntnisinteressen erzeugt bzw. Wissensansprüche durchgesetzt werden: Wirtschaftspolitik, Rassenwissenschaft und Klimaforschung.</p>
<p>Die Frage, der sie dabei auf den Zahn fühlen, ist alt. Wie kann wissenschaftliche Erkenntnis praktisch wirksam werden, mit dem Vorbehalt, dass zwischen Nutzen und Wahrheit der Erkenntnis eine klare Trennung gemacht werden soll? In der Diktion von Habermas: wie ist jeweils das Erkenntnisinteresse explizit zu machen, wie in der Forschungsfragestellung die Reflexivität mit dem Anspruch auf Transparenz zu retten?</p>
<p>Die Öffentlichkeit, die hier flugs angeführt werden kann, ist dafür kein unbedingter Garant. Die ein Jahr nach dem Skandal erfolgte Veröffentlichung von Rohdaten der Klimaforschung etwa erzeugte schon auf quantitativer Ebene das Problem der Unübersichtlichkeit, sodass es wiederum der Experten bedurfte, um diese auszuwerten. Öffentlichkeit allein bewirkt gar nichts, auch nicht das wissenschaftliche Publizieren. Die Erkenntnisse der Klimaforschung, behaupten beispielsweise die Autoren, hätten einen überraschend geringen Einfluss auf die praktische Politik. Gerade weil in diesem Fall die Medienberichterstattung alarmistisch, der wissenschaftliche Konsens im Hintergrund aber eher minimalistisch ist, fragt sich, was dazu eigentlich ausgesagt werden soll, außer dass der Hang zur irreführenden Übertreibung seitens der Wissenschaftler (betreffend Schmelzen der Gletscher und falsch berechnetem Anstieg des Meeresspiegels) zu Recht kritisiert wird.</p>
<p>Die Argumentation, die Grundmann und Stehr verfolgen, darf dennoch hellsichtig genannt werden: durch die wissenschaftliche Herangehensweise verspricht sich die Entpolitisierung drängender sozialpolitischer Fragen, die Praxis der Wissenschaft unterläuft dieses Versprechen selbst jedoch permanent (sie kann gar nicht anders, weil sie eben Teil dieser Praxis ist und somit unweigerlich von deren Interessen geprägt).</p>
<p><strong>Rassenforschung</strong></p>
<p>Nehmen wir gleich den heikelsten Fall, die Rassenwissenschaft, die uns heute natürlich „unwissenschaftlich“ erscheint. Ihre Vertreter haben korrekt erhoben und vermessen und sind so zu Erkenntnissen wie jener gelangt, dass Menschen mit anthropometrischen Ähnlichkeiten auch ähnlich denken und sich ähnlich verhalten. Dennoch ist „Rasse“ eine kulturelle Kategorie, die von der zeitgenössischen Wissenschaft aber als biologische interpretiert wurde. Und es ist dieses Konstrukt, welches dann seine politische Funktion erfüllen sollte, indem der vermeintlich natürlichen Auslese mit Giftgas kräftig nachgeholfen wurde.</p>
<p>Im aktuellen Diskurs der Klimaforscher lasse sich ein strukturell ähnlicher Konsens ablesen: dass die Menschen den Klimawandel verursachen, gilt als auf wissenschaftlicher Ebene geklärte Tatsache. Es interessiert nun nicht vordergründig, ob dem tatsächlich so ist, sondern wie dieser Konsens über den Klimawandel zu Stande kommt und wie die Wissenschaft damit auf die Handlungsoptionen der Politik einwirkt.</p>
<p>Ganz bewusst angestrebt hatte das einst die Wirtschaftstheorie von John M. Keynes, einem Vertreter der Auffassung, dass Theorie für Politik und Verwaltung nützlich sein müsste. Dem britischen Ökonomen ist es bekanntlich gelungen, nationalstaatliche Wirtschaftspolitik nachhaltig zu beeinflussen. Deren praktische Relevanz lässt aber in dem Maße nach, in dem Nationalökonomien einer globalen Wirtschaftpolitik unterworfen werden. Handelte es sich also nur um eine für manche faszinierende Theorie? Immerhin, so argumentieren Grundmann und Stehr, beeinflusste sie die Gesetzgebung zur Arbeitsmarktpolitik, aber dieser politische Kontext kann sich eben auch ändern.</p>
<p>Was also kann nun über den potenziell praktischen Einfluss von Ideen, die auf wissenschaftliche Erkenntnis bauen, ausgesagt werden? Was die Beantwortung dieser Frage anbelangt, so bauen die Autoren eine hohe Erwartungshaltung auf, der ihre Ausführungen nur bedingt gerecht werden. Die Lektüre gestaltet sich mühsam, da mit den Bereichen Ökonomie, Rassentheorie und Klimaforschung zwar interessante Aspekte abgehandelt werden. Konkret aber bleibt das Fazit unscharf, auch werden, nach der gängigen Unsitte angloamerikanischer Wissenschaftspublizistik, Satz für Satz eigene Aussagen mit bis zu fünf, sechs pauschalen Autorenbezügen belegt. Die Trennlinie zwischen Lektürebericht und eigener Argumentation bleibt dann ebenso unscharf, wie es der oft allzu pauschale Bezug auf nicht mehr ganz taufrische soziologische Klassiker ist.</p>
<p>Wissen kann soziale Beziehungen zumindest latent beeinflussen, wie es an einer Stelle heißt. Das allerdings ist nun wirklich kein Schluss, dem irgendwelche Prägnanz nachgesagt werden könnte. Damit zurück zur Grundfrage, die mit Neurath gestellt wurde. Wenn Handlungsoptionen unter Berufung auf wissenschaftliche Autorität zur Disposition gestellt sind, kann die Wissenschaft dann wirklich leisten, was die Gesellschaft, und nicht nur die Politik, sich von ihr verspricht? Hier beziehen die Autoren klare Position: Wissenschaft dient allem Möglichen, nur nicht dem gesellschaftlichen Konsens. Da sind noch ganz andere Kräfte am Werk, und nicht umsonst trägt, wie sie abschließend festhalten, der Wissenschaftsdisput über den Klimawandel alle Zeichen eines religiösen Krieges.</p>
<p>Diese Beobachtung mag nun nicht falsch sein, aber der Vergleich ist eher billig. Interessant wäre es gewesen, eine soziologische Aufgabenstellung zu formulieren, wie es im Zuge neuerer Diskussion leicht möglich sein sollte. Statt rekonstruktive Diskurse zu führen – was sicherlich auch lobenswert ist –, könnte es für Soziologen doch spannend sein, sich in ihren Untersuchungen jener naiven Frage zu stellen, die Bruno Latour unlängst provokant aufgeworfen hat: „Wo werden die strukturellen Effekte tatsächlich produziert?“ Gelänge dieses Auftauchen aus den Textgespinsten und das Eintauchen in konkrete Empirie, dann bekäme die Soziologie möglicherweise wieder jenes Gewicht, das sie nach 1968 angesichts der politischen und ökonomischen Krisenereignisse ganz offensichtlich verloren hat.</p>
<p><strong>Nico Stehr und Reiner Grundmann: Expertenwissen. Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern.</strong> Velbrück Verlag, Weilerswist 2010. 120 Seiten, € 14,80 (D) / € 15,30 (A).</p>
<p><strong>Reiner Grundmann und Nico Stehr: Die Macht der Erkenntnis.</strong> Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 318 Seiten, € 14 (D) / € 14,40 (A).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>Frank Hartman</strong>, geboren 1959, ist Professor für Geschichte und Theorie der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. Zuletzt veröffentlichte er:</em> Medien und Kommunikation <em>(WUV, 2008) und</em> Multimedia <em>(WUV, 2008).</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/nico-stehr-reiner-grundmann.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Recherche 3/2011</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/recherche-03-2011.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/recherche-03-2011.html#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 10:28:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2546</guid>
		<description><![CDATA[<p>INHALT</p> <p><strong>Chinesische Intellektuelle und der Begriff der Moderne</strong><br /> Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wächst in China auch das Bewusstsein für die Möglichkeiten der eigenen Denkhorizonte. Von Dominic Sachsenmaier<br /> ……………………………<br /> <a href="http://www.recherche-online.net/jacques-le-goff-geld.html"><strong></strong></a><strong>Die Struktur moralischer Revolutionen</strong><br /> Kwame Anthony Appiah reanimiert den Begriff der Ehre [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>INHALT</p>
<p><strong>Chinesische Intellektuelle und der Begriff der Moderne</strong><br />
Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wächst in China auch das Bewusstsein für die Möglichkeiten der eigenen Denkhorizonte. Von Dominic Sachsenmaier<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/jacques-le-goff-geld.html"><strong></strong></a><strong>Die Struktur moralischer Revolutionen</strong><br />
Kwame Anthony Appiah reanimiert den Begriff der Ehre für die philosophische Diskussion. Von Martin Lhotzky<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/michael-geyer.html"><strong>Der Weltkrieg in einer Welt von Kriegen</strong></a><br />
Eine Skizze über große und kleine Kriege in einem Zeitalter extremer Gewalt. Von Michael Geyer<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/lutz-musner.html"><strong>Die unzähligen Gesichter der Schlachtfeld-Dynamik</strong></a><br />
Der Grabenkrieg als Überlebens-Experiment – mit dem Ersten Weltkrieg wird die Kriegführung zu einer umfassend von Wissenschaft und Technologie gestützten Angelegenheit. Von Lutz Musner<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/philip-manow.html"><strong></strong></a><a href="http://www.recherche-online.net/nico-stehr-reiner-grundmann.html"><strong>Kritik der kognitiven Autorität</strong></a><br />
In ihrem neuen Buch <em>Die Macht der Erkenntnis</em> gehen Nico Stehr und Reiner Grundmann der Frage nach, ob und wie Wissenschaft in Politik und Gesellschaft wirksam werden kann.<br />
……………………………<br />
<strong>Autor, Held und Interpret</strong><br />
René Girard legt eine „mimetische“ Lesart Shakespeares vor. Von Felix Philipp Ingold<br />
……………………………<br />
<strong>Tut mir leid, ich bin zahlungsunfähig</strong></a><br />
Reflexionen über die Temporalinsolvenz. Von Hartmut Rosa<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/samsonow-mistkubelanzunder.html"><strong></strong></a><strong>Eine neue Aufklärung?</strong><br />
Plädoyer für einen tragischen Hedonismus. Von Philipp Blom<br />
……………………………<br />
<strong>Erkenntnis und Literatur</strong></a><br />
Über einen Text von Peter Szondi, der vor vierzig Jahren in Berlin starb. Von Thomas Sparr<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/samsonow-hans-ulrich-reck.html"><strong>Weiße Räusche</strong></a><br />
Zur <em>Traum-Enzyklopädie</em> von Hans Ulrich Reck. Von Elisabeth von Samsonow<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/wolfgang-essbach.html"><strong></strong></a><strong>Von unserem eigenen Gehirn überlebt</strong><br />
Von Fernando Vidal<br />
……………………………<br />
<strong>Vergangene Zukünfte und zukünftige Vergangenheiten</strong><br />
Einige Anmerkungen aus der Gedächtnisforschung. Von Harald Welzer<strong></strong><br />
……………………………<br />
<strong><a href="http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html"><strong>„Die Generalin“</strong></a><br />
oder: Wie man eine Nationalbibliothek herunterwirtschaftet. </strong>Von Walter Schübler</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/recherche-03-2011.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Weiße Räusche</title>
		<link>http://www.recherche-online.net/samsonow-hans-ulrich-reck.html</link>
		<comments>http://www.recherche-online.net/samsonow-hans-ulrich-reck.html#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 10:24:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.recherche-online.net/?p=2526</guid>
		<description><![CDATA[<p><strong>1. Phänomenologie des halluzinierenden Geistes</strong></p> <p>Die Klage darüber, dass die Virtualisierung, dass das, was als „Bewusstseinsindustrie“ (Enzensberger) zu bezeichnen ist, uns vernebele, uns unserer aktiven und klaren Vernunfttätigkeit beraube, nötigt uns zu einer neuerlichen Betrachtung dessen, welcher Stellenwert überhaupt den hypnotischen, den deliranten, den halluzinierenden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>1. Phänomenologie des halluzinierenden Geistes</strong></p>
<p>Die Klage darüber, dass die Virtualisierung, dass das, was als „Bewusstseinsindustrie“ (Enzensberger) zu bezeichnen ist, uns vernebele, uns unserer aktiven und klaren Vernunfttätigkeit beraube, nötigt uns zu einer neuerlichen Betrachtung dessen, welcher Stellenwert überhaupt den hypnotischen, den deliranten, den halluzinierenden Bewusstseinzuständen zukommt.</p>
<div id="attachment_2529" class="wp-caption alignleft" style="width: 248px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/11/Samsonow_Josefs-Traum1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2529 " title="Samsonow_Josefs Traum" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2011/11/Samsonow_Josefs-Traum1-238x300.jpg" alt="" width="238" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Joseph in Ägypten ist der große Held einer Kultur des bedeutsamen Traumes. (Illu.: F. W. v. Schadow, „Josephs Traumdeutung im Gefägnis“)</p></div>
<p>Es ist ja nicht so, dass erst die Moderne, geschweige denn die Postmoderne damit begonnen haben, Traumzustände in gewisser Weise zu privilegieren. Da gibt es einmal die alten Orakelregime, die antiken Oneirokulturen, die die Praxis des Therapieschlafes inklusive mantischen Träume wahrscheinlich ebenso kannten wie die künstlich induzierten Hypnostasen, also die Räusche. Joseph in Ägypten ist der große Held dieser Kultur des bedeutsamen Traumes.</p>
<p>Die spätantike Gnosis hält sich Einiges darauf zugute, dass es einen privilegierten Draht in die anderen Zustände, in die anderen Welten gibt, deren Echo sich im Traume vernehmen lässt. Der Neuplatonismus impliziert weitläufige oneirokritische Schriften, da just im Traume, nicht im Wachen, die Vollendung des Pneuma zu haben ist.</p>
<p>Im Mittelalter wiederum lässt sich sehen, wie sehr die alte kultische Orakelpraxis nachwirkt: der größte Teil normativer Information wird auch dem Christen im Traume zugestellt. Die Renaissance gerät mehr oder weniger freiwillig ebenso unter den Imperativ der Oneirokritik, sofern sie sich an den Lektüren antiker und spätantiker Texte „berauscht“. Und schließlich wird das Delirium im Barock perfekt. Von mehreren Seiten wird die Einsicht ausgerufen, dass das Leben ein Traum sei.</p>
<p>Die Traumästhetik hat in diesem Sinne ungebrochen volle Fahrt bis zur Jahrhundertwende: Freud bedient den tiefen Bedarf an Traumförmigem, indem er ihm die Funktion zuweist, jeden beliebigen Bürger daran zu erinnern, dass in ihm ein mythischer Held steckt. Das zwanzigste Jahrhundert führt nun ganz offenkundig das Traumrezitativ auf einer anderen Ebene weiter, auf der Seite der Antistruktur nämlich: eine Berufung auf einen Traum leisten sich nur noch die Poeten, die Subversiven, die Protestierenden, während die Zivilisation von Leuten regiert wird, die höchste Wachheit vorgeben. Das Reale sei den Wachen vorbehalten. Hier ist offenkundig etwas schief geworden.</p>
<p>Wie könnte man davon sprechen, wie es etwa Hippolyte Taine getan hat, dass sogar die Vernunft eine „halluzinierende“ sei, wenn ansonsten die Träumerei für das gehalten wird, was die romantisch veranlagten Nicht-ganz-Wachen seien, die nicht Zu-Ende-Evolvierten, die im Dösen und im Tagtraum Steckengebliebenen praktizieren?</p>
<p><strong>2. Traum unter gegenwärtigen Bedingungen</strong></p>
<p>In diesem Moment kommt ein weiteres dickes Buch (nach dem Handbuch <em>Kunst als Medientheorie</em>) aus dem Studiolo Hans Ulrich Recks gerade recht: nämlich eine veritable <em>Traum- Enzyklopädie</em> vom Gewicht mehrerer Bügeleisen. Die umfängliche Vorrede positioniert das Vorhaben des Buches als eigentlich Post-Enzyklopädisches, nachdem niemand mehr die Unverfrorenheit besitzen dürfe, als Mann mit Überblick, mit <em>dem</em> Überblick aufzutreten.</p>
<p>Diese sympathische Selbstbescheidung wird allerdings im Fortgang des Werkes direkt unterlaufen, sofern nun in der Tat eine Masse bestens geordneten Wissens zum Stichwort aufgeboten wird, was gewiss alles andere als ein einfaches Unterfangen darstellt. Strukturierend und leitend wirkt dasjenige, was Reck in der Einleitung vorträgt: er zeichnet dort die langen Linien der Geschichte des Traumes nach, jedoch vornehmlich aus der Warte einer Gegenwart, die zu diesem Thema höchst disparate Ansätze zu bieten hat.</p>
<p>Das macht die Sache zwar nicht einfacher, aber brisant. Es ist natürlich so, dass Reck die Brüche und Umschichtungen im Traum-Begriff reflektiert, dass sie es sind, die diese <em>Enzyklopädie</em> motivieren. Die post-kultische, die post-mantische und post-theologische Karriere von Traum, Halluzination, Vision und Fantasie bilden ein Thema, um welches allerseits nun seit geraumer Zeit zwar heftig, aber mit mäßigem Erfolg gerungen wird.</p>
<p>In der Perspektive Recks liegt einerseits die Erfassung der Verwerfungen, die der Traum mit den medialen Räumen, die konstitutiv „hypnotisch“ sind, aufweisen, andererseits die Rettung des Traumes als autonome poetische Produktion vor dem Zugriff einer empiristischen Neurophysiologie, die ihn zu einer Art Zellautomatismus zu reduzieren versucht.</p>
<p>Auf dem Hintergrund dieser zeitgenössischen, außerordentlich disparaten Situation präsentiert sich der mehrsträngige Traumdiskurs der Alten Kulturen als nachgerade homogen. Zumal er über den Punkt verfügt, der nun ein für alle Male abhanden gekommen zu sein scheint, nämlich über eine positive Definition jener Dimension des Traumes, die ihn zuallererst zur <em>message</em> macht.</p>
<p>Die Vermutungen, wer oder was denn nun in diese abhanden gekommene Position des pneumatischen oder religiösen Senders eintreten könnte, wuchern konsequent. Der seltsamen Evidenz, dass sowohl der Raum des Bewusstseins als auch der des Unbewussten über einen Ereignischarakter verfügen, der es schwierig macht, immer den Grund zu nennen, der diesen oder jenen Inhalt „hereingespielt“ hat, muss schließlich etwas entgegnet werden.</p>
<p>Im Spielraum des Medialen des Traumes dürfen viele Varianten vorgeschlagen oder erraten werden, aber keine fixiert. Dass der Traum die Lieblingsreferenz der Medien selbst wird, unter dessen Maske sie sich erlauben aufzutreten, nimmt nun nicht wunder.</p>
<p>Reck windet folglich auch einen gut sichtbaren roten Faden zum Kino in den Text. Die Entstehung des Kinos und das Nicht-mehr-Gerechtfertigtsein des Traumes werden als synchrone Ereignisse erkannt. Aber es ist just der Moment dieser Synchronizität, in welchem die Einbildungskraft <em>als Problem</em> auf den Plan tritt.</p>
<p>Sie ist nicht mehr Einbildungskraft im Dienste dieser oder jener autorisierten Sendeinstanz, sondern die entfesselte solche, die die Moderne ungefähr so wie im Spiel des Hasen und Igel vexiert: überall dort, wo es gegolten hätte, bei Leben, Sein und Wahrheit anzukommen, war zuvor die Einbildungskraft da und hat alles schon in ein Simulacrum verwandelt. Diese weitreichende, ihrem Wesen nach <em>unglückliche</em> Ausgangslage einer Medienphilosophie der achtziger Jahre war Grundlage der brillanten Analysen von Gerburg Treusch-Dieter und Dietmar Kamper gewesen, denen Reck in seiner Danksagung ein schönes posthumes Monument der Dankbarkeit setzt.</p>
<p>Nun geht es aber offenbar darum, nicht nur in der elegischen Klage gegen Unbekannt zu verharren, sondern die Not umzuarbeiten. Diesem Projekt dient wohl auch Recks <em>Traum-Enzyklopädie</em>, wenn er die hypnotischen Valenzen der zeitgenössischen Medienwelt, deren Inhalt sowie die Funktion der Apparate, Automaten und Organe mit der gewaltigen Geschichte des Traumes zusammenstellt. Das Verdienst seiner <em>Enzyklopädie</em> liegt darin, eine erste Beschriftung und Ordnung in die unübersichtliche Situation gebracht zu haben, sodass man sich gut ausgerüstet daran machen kann, die Gegenwart im neuen Lichte einer alten Wunscherfüllung zu betrachten.</p>
<p>Auch die kartographische oder topologische Ordnung der <em>Enzyklopädie</em> ist dem Thema angemessen, die Verweise der einzelnen topoi aufeinander sind maßvoll gesetzt: es ist wohl eine alphabetische Ordnung, die den lexikographischen Teil der <em>Enzyklopädie</em> ausschildert, aber eher im Sinne von Begriffsfamilien und Verwandtschaften zwischen Begriffen, Autoren und Kunst- oder Darstellungsformen.</p>
<p><strong>3. Traumkunst/Kunsttraum</strong></p>
<p>wie Anziehung –, die sich zwischen den Ebenen schriftförmiger und bildhafter Traumzustände und der jeweiligen Diskurse ergeben können, bilden eine große Herausforderung, der sich Reck tapfer stellt. In der Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen wird schließlich deutlich, wie sehr das, was wir als „Traum“ bezeichnen, bezogenes Bewusstsein <em>ist</em>, Bewusstsein in Beziehung zu einem Operator, der als Nicht-Ich gesetzt ist.</p>
<p>Ob nun diese „Operatoren“ Schrift, Bild oder auch beides – und das wiederum analog, elektrisch, elektronisch – sind, ist dann im Einzelnen zu untersuchen und zu differenzieren. Es ändert aber kaum etwas an dem Umstand, dass der Traum immer einer Hermeneutik, also einer „Technik“ bedarf. Reck liegt es offenkundig am Herzen, in jedem Fall eine Abwertung der älteren Traum-Regime zu verhindern.</p>
<p>Im Gegenteil: diese scheinen ihm dazu zu dienen, sich von ihnen aus abstoßend Schwung zu nehmen in Richtung hin auf eine neue Erzählung dessen, was heute im Reich der Einbildungskraft vor sich geht. Die Jahrhunderthundertwende markiert in seinen Augen zwar eine wichtige Episode in der Geschichte des Traumes, aber wirklich bedeutend ist für ihn die <em>Romantik</em>.</p>
<p>Reck geht zwar auf das Problem der Hieroglyphen ein, welches sich im Rahmen der barocken Emblematik noch einmal neu gestellt hatte, privilegiert aber das Barock trotz seiner pompösen Hypno-Devisen nicht. Die Romantik fungiert als Moment des Umschwungs, als Epochenwechsel, als Scharnier, welches den Traum in einer bisher nicht dagewesenen Form zu nutzen weiß. Nämlich bereits als posttheologisches Orakel, als Orakel einer Natur, deren Nacht nicht blind macht.</p>
<p>Während man also in den ausgebreiteten Texten des großformatigen Buches sich bewegt, hat man sich die wichtigen Wege der modernen Geschichte des Traumes erschlossen: man hat die neuen Töne der Romantik zu Ohren bekommen, die es mit einer Intimisierung und Renaturierung des Traumes versuchen, etwas über die Traumeffekte technischer und medialer Dispositive, über künstlerische Versuche, Traumförmiges herzustellen und über zeitgenössische Schlafphysiologie gehört.</p>
<p>Gut gegliederte bibliografische Listen, denen vielleicht die Angaben zu den antiken, renaissanten, barocken und romantischen Originaltexten anzufügen gewesen wären, beschließen das enzyklopädische Werk. Es ist das, was Reck von ihm sagt: Ein Überblick über die Überblicke.</p>
<p><strong>Hans Ulrich Reck: Traum Enzyklopädie.</strong> Wilhelm Fink Verlag, München 2010. 760 Seiten, € 49,90 (D) / € 51,30 (A).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>Elisabeth von Samsonow</strong>, geboren 1956, ist Professorin für philosophische und historische Anthropologie der Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt erschienen</em> Egon Schiele – Ich bin die Vielen <em>(Passagen Verlag, 2010) und</em> ELEKTRA. Die Geburt des Mädchens aus dem Geiste der Plastik. Auf Friedrich Nietzsche <em>(Schlebrügge Editor, 2011).</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.recherche-online.net/samsonow-hans-ulrich-reck.html/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

