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	<title>Recherche - Zeitung für Wissenschaft</title>
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		<title>Jüngelismus &amp; Operettenvertrottlung</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jan 2013 11:31:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Studienjahr 1962/63 an der University of Kansas, Lawrence, Kansas, USA. Bei einem Treffen von vier Fulbright-Stipendiaten aus Österreich – einer davon der nachmalige Innsbrucker Germanistik-Ordinarius Sigurd Paul Scheichl – und eines österreichischen Germanistik- Gastdozenten im Frühjahr 1963 spielt eine Kommilitonin eine im Jahr davor aufgenommene [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Studienjahr 1962/63 an der University of Kansas, Lawrence, Kansas, USA. Bei einem Treffen von vier Fulbright-Stipendiaten aus Österreich – einer davon der nachmalige Innsbrucker Germanistik-Ordinarius Sigurd Paul Scheichl – und eines österreichischen Germanistik- Gastdozenten im Frühjahr 1963 spielt eine Kommilitonin eine im Jahr davor aufgenommene Qualtinger-Platte, die sie von einem Ferienaufenthalt in der Heimat mitgebracht hat: <em>Österreichisches Lesebuch. Helmut Qualtinger liest Anton Kuh</em>. Man ist sich schnell einig: Einer jener „practical jokes“ des genialen Bauchredners, der schon 1951 die Wiener Presse mit der Erfindung des Inuit-Dichters Kobuk genarrt hatte, dessen Werkliste er mit Romanen wie <em>Brennende Arktis</em> und Theaterstücken wie <em>Verlassener Kajak</em>, <em>Einsames Iglu</em> und <em>Die Republik der Pinguine</em> ausgestattet hatte; sowohl der Autor, Anton Kuh, wie auch die dreizehn Stücke auf der Langspielplatte boshafte Auswüchse der blühenden Fantasie Qualtingers; Hans Weigels kurzer biografischer Begleittext bloß eine pointierte Beglaubigung der Finte.</p>
<p>Als Scheichl in der Universitätsbibliothek die bei Band zehn (Kimchit– Lyra) steckengebliebene <em>Encyclopaedia judaica</em> (Berlin 1934) zur Hand nimmt, ist er, wie man so schön sagt, bass erstaunt. Der kurze Eintrag schafft Klarheit: „Kuh, Anton (Pseudonym: Anton), Journalist, Essayist und Kritiker, geb. am 12. Juli 1891 [sic] in Österreich, lebt in Berlin. In seinem Buche ,Juden und Deutsche‘ (1921) sieht K. das beiden Völkern gemeinsame in der ,Unnaivität, in der erotischen Befangenheit und Zwiespältigkeit und dem daraus entstehenden Selbsthaß‘; die bewußte Offensive gegen dieses gemeinsam Jüdisch-Deutsche sei Pflicht und Mittel der Selbsterlösung und Selbstüberwindung des Juden. Er veröffentlichte ferner: 1. Börne der Zeitgenosse (1921); 2. Von Goethe abwärts (Essays in Aussprüchen, 1922); 3. Der Affe Zarathustras (eine polemische Rede gegen Karl Kraus, 1925); 4. Der unsterbliche Österreicher (1930); 5. Physiognomik (Aussprüche, 1931).“</p>
<p>Zwanzig Jahre nach seinem Tod war einer der bekanntesten Literaten der Zwischenkriegszeit vergessen. – Vereinzelt, immerhin, war schon vor der „Wiederentdeckung“ Kuhs in den 1980er-Jahren auf ihn hingewiesen worden. Verstreut in Anthologien waren Texte von ihm zu finden, bevor sie 1963 gebündelt – „als kleiner Beitrag der Skepsis gegenüber gewissen literarischen Moden, als Narrengelächter über die unsterblichen Krausianer“ – erschienen. Dieser ersten posthumen Teilsammlung, <em>Von Goethe abwärts. Aphorismen, Essays, Kleine Prosa</em>, die, programmatisch, auch die Druckfassung der Stegreif-Polemik gegen Karl Kraus und die Krausianer „Der Affe Zarathustras (Karl Kraus)“ enthielt, blieb eine nachhaltige Resonanz versagt.</p>
<p>Die Renaissance läutete erst die in Lizenz vom Ostberliner Verlag „Volk und Welt“ im Wiener Löcker Verlag 1981 erschienene Teilsammlung <em>Luftlinien</em> ein. Dutzende ausführliche Besprechungen und Porträts dokumentieren die flächendeckende Rezeption des Bandes im deutschsprachigen Raum. Ruth Greuner, der Herausgeberin, war Kuh als regelmäßiger Beiträger zur <em>[Neuen] Weltbühne</em> aufgefallen – dem publizistischen Sammelbecken der parteiunabhängigen Linken der Weimarer Republik. Erstaunt bis ungläubig, aber durchwegs enthusiasmiert über die knapp 500 Seiten geballten Kuhs, konnte man den „Kaffeehausliteraten“, der nur in Anekdoten überlebt hatte, nun als hochpolitischen Kopf entdecken, der bereits früh, schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg, vor der Bedrohung des neuen, noch instabilen republikanischen Systems durch reaktionäre Tendenzen in Justiz und Verwaltung gewarnt hatte, vor Militarismus und völkisch-nationalistischen Umtrieben, und der mit dem Heraufdämmern und Erstarken des Nationalsozialismus immer deutlicher geworden war.</p>
<p>Im österreichischen Feuilleton hielt sich die Begeisterung mit schmallippig vollzogener Berichtspflicht die Waage. Kaum verhohlen widerstrebend schrieb Edwin Hartl, der sich gleich eingangs seiner Besprechung (<em>Die Presse</em>, 19./20. September 1981) als Krausianer deklariert, Kuh aus dieser Perspektive derart verbohrt herunter, dass sein Redaktionskollege Franz Endler drei Wochen darauf eine (nicht als solche ausgewiesene) Gegenbesprechung (<em>Die Presse</em>, 7. Oktober 1981) ins Blatt rückte, in der er gerade die Stegreifrede „Der Affe Zarathustras“ zu den „anregendsten Dokumenten“ rechnete, „die ein an Literatur interessierter junger Mensch zu lesen hat, ehe er sich in Debatten irgendwelcher Art einläßt“. Hartl hatte die „berüchtigte Stegreifrede“ noch als „kein Geistesblitz, es donnert nur wortgewaltig mit leichtfertiger Schlagfertigkeit, aber nicht geistesgegenwärtig“ (ab-)qualifiziert.</p>
<p>Kraus’ irdische Statthalter haben Kuh nie verziehen, dass er Jahrzehnte hindurch und mit lustvoller Akribie den „Unterhaltungssport“ der „Kraus- Frotzelung“ (Kuh) ausgeübt hatte. Ungläubig und dezidiert abschätzig vermerkte denn auch eine anonyme Notiz in der <em>Arbeiter-Zeitung</em> (7. November 1981) – in der Zwischenkriegszeit unter Chefredakteur Friedrich Austerlitz publizistische Verbündete der <em>Fackel</em> –, dass der „absurderweise aus der DDR“ übernommene Sammelband Kuh weniger „als den Clown, sondern als Kämpfer, zumindest im Nachwort weniger als flanierenden Feuilletonisten denn als Bekenner“ zeige. Realitätsverweigerung der infamen Spielart demonstrierte die Besprechung der 1983 erschienenen Teilsammlung <em>Zeitgeist im Literatur-Café</em>, die von Ulrike Lehner unter ähnlichen Gesichtspunkten wie der Vorgängerband zusammengestellt worden war und die Konturen des hellsichtigen und streitbaren Intellektuellen schärfte, in der <em>Arbeiter- Zeitung</em> (18. Feber 1984): Nicht ernst zu nehmen, allenfalls der „Bohemien, der Charmeur, der Humorist“ sei der Beachtung wert: „Druckt von Kuh, was ihr finden könnt, aber laßt ihn sein, was er war, ein Wiener Caféhausliterat.“</p>
<p>Als wolle man sich eine liebgewonnene Figur aus dem Inventar der donaustädtischen Folklore partout nicht madig machen lassen, wird Kuh heute wieder in „Kaffeehausliteratur“-Veranstaltungen als leichte Kost unter dem Signum touristischen Wien-Marketings (verraten und) verkauft. Dagegen vermochte auch die von Traugott Krischke zusammengestellte sowie szenisch bearbeitete und im Rahmen der Wiener Festwochen 1991 uraufgeführte Hommage an den „homme de lettres“ nichts, mit der Stephan Paryla bis weit in die 1990er-Jahre durch die Lande tourte und die dezidiert kein rührseliger Blick auf die große Zeit der „Kaffeehausliteratur“, sondern pointierte Wiedergabe der messerscharfen Schilderungen der Zu- und Umstände war.</p>
<p>Nach der Strohfeuer-Hausse fristet der jüdische Literat Anton Kuh (geboren 1890 in Wien, gestorben 1941 in New York) sein Nachleben wieder als Wiener „Original“ und Szenefigur: als notorischer Schnorrer, der seine Gläubiger zum Narren hält, der von Verlegern und Zeitungsherausgebern Vorschüsse für Essays und Glossen kassiert, die er nie schreibt, als extravaganter Lebenskünstler und brillanter Alleinunterhalter. Bezeichnenderweise stimmt das selbst für ein literaturwissenschaftliches Großunternehmen wie die <em>Geschichte der Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart</em>. Von elf Zeilen Text, die Band 7 („Das 20. Jahrhundert“) im Abschnitt „Die österreichische Exilliteratur seit 1938“ Anton Kuh widmet (und die vor Fehlern strotzen), werden sechs auf „launige“ G’schichterln verschwendet; als Quelle ausgewiesen: ein populärer „Dichterspiegel in rund fünfhundert Anekdoten“ (von Johannes Twaroch), der dem akademischen immerhin seit seiner Erstauflage den bescheidenen Anspruch voraushat, „keine Literaturgeschichte ersetzen“ zu wollen.</p>
<p>Im akademischen Betrieb findet Kuh nur punktuell Beachtung, und das vor allem mit seinem nietzscheanisch grundierten Essay <em>Juden und Deutsche </em>(1921 bei Erich Reiß in Berlin erschienen, von Andreas B. Kilcher im Wiener Löcker Verlag 2003 neu herausgegeben), in dem er bereits zehn Jahre vor Theodor Lessing mit dem umstrittenen Begriff „jüdischer Selbsthass“ operierte und in dem er die Diaspora- Erfahrung ins Positive umwendet, in eine „Sendung der Juden“ nämlich, deren Aufgabe darin bestehe, allem, „was Kultur, Sitte und Ordnung heißt“, fundamental zu opponieren und jene Instanz, die Machtstrukturen in Familie wie in Staat rechtfertigt, in Stücke zu schlagen: die Moral. Gegen Assimilation wie auch Zionismus entwirft Kuh ein drittes Modell jüdischer Identität, indem er die „Heimatlosigkeit“ in eine kosmopolitische Mission umdeutet, in ein selbstbewusstes, sozialrevolutionäres Weltbürgertum.</p>
<p>Dass die – zumindest kurzfristige – breite „populäre“ Rezeption Kuhs kaum Auswirkungen auf eine wissenschaftliche Beschäftigung mit seinem Werk hatte, dürfte zum einen der schmalen Materiabasis geschuldet sein – Kuhs über fünf Dutzend Periodika verstreutes OEuvre ist trotz einiger Sammelbände nur zu einem Bruchteil, grob geschätzt etwa zu einem Zehntel, zugänglich, und erst 1994 lag mit Ulrike Lehners Personalbibliographie eine erste Bestandsaufnahme vor –, mehr noch aber der Punze „Kaffeehausliterat“ – schon für Kuhs Zeitgenossen eine unumwunden abschätzige Bezeichnung. Und – vor allem – dem Schatten Karl Kraus’, der den Nachruhm des fünfzigjährig, im New Yorker Exil verstorbenen Kuh verdunkelt. Kuh hat sich die Freiheit genommen, die sprachvirtuose Federfuchserei, die „Metaphysik des Beistrichs“ des Herausgebers der Fackel und insbesondere den hysterischen Karl-Kraus-Kult immer wieder durch den Kakao zu ziehen. Dass der „Krausianer“ Friedrich Torberg Kuh auf einen Pointendrechsler und Anekdotenlieferanten reduziert, verwundert daher nicht. Was nichts daran ändert, dass sein zweifelhaftes Loblied auf das schlampige Genie, das sich im Ephemeren verzettle und sich leider außerstande zeige, „den Witz und den Geist, den [es] am Kaffeehaustisch mit müheloser Grandezza versprühte, in eine für den Druck und vollends für den Buchdruck geeignete Form zu fassen“ (<em>Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten</em>), an üble Nachrede grenzt.</p>
<p>Ulrike Lehner hat zwar bereits 1980 mit ihrer Pionierarbeit <em>Die Kontroverse Anton Kuh – Karl Kraus. Ein Beitrag zur österreichischen Satire der Zwischenkriegszeit</em> (Hausaufgabe aus Deutsch im Hauptfach. Universität Wien), das Bild, das die Krausianer von Kuh vermitteln – Büttel des Revolverjournalisten Imre Békessy –, korrigiert, in der Kraus- Literatur wird das allerdings tunlichst ignoriert. Sieht man von Jens Malte Fischers einigermaßen abwägender Analyse „Affe oder Dalai Lama? Kraus- Gegner gestern und heute“ (1975) ab, steht eine Auseinandersetzung mit der substanziellen Kritik, die nach Abzug des polemischen Impetus vom intelligentesten und witzigsten Beitrag zeitgenössischer Kraus-Kritik übrigbleibt, bis heute aus: mit Kuhs Stegreifrede „Der Affe Zarathustras“ (gehalten am 25. Oktober 1925 im Mittleren Konzerthaussaal und als Broschüre kurz darauf im Druck erschienen), diesem „von Witz, Spott und Haßliebe inspirierte[n] rhetorische[n] Meisterstück“ (Ulrich Weinzierl), einer präzisen Analyse und plausibel argumentierten Beurteilung wenn schon nicht der Person, so doch des „Phänomens“ Karl Kraus. Stattdessen setzte man auf Verunglimpfung, rückte Kuh in den Ruch windigen, unseriösen Revolverjournalismus und betrachtete „Der Affe Zarathustras“ ausschließlich im Kontext der Schlammschlacht, die der dubiose „Pressezar“ und Herausgeber der <em>Stunde</em>, Imre Békessy, gegen Kraus lanciert hatte, und machte sich die hochfahrende Maxime des Meisters zu eigen: „Größerer Gegner gesucht“.</p>
<p>Nachgeplappert werden von seinen Jüngern bis heute auch jene Invektiven, mit denen Karl Kraus am 14. November im Vortrag „Vor neunhundert Zeugen“ in ebenjenem Mittleren Konzerthaussaal konterte. Kuh sei keiner Befassung würdig außer der von Gerichten (Kraus empfand Kuhs Vortrag, so die Klagsschrift, als „fortgesetzte Kette von Ehrenbeleidigungen ohne jede sachliche Unterlage“). Abschätzig war von „Selbstwegwurf “ die Rede; vermessen von „aus dem Rahmen der Anonymität herausspringend und sich leiblich auf mein Podium wagend“; hochfahrend von „meiner verwünschten Zugkraft, die auch dann einen Saal füllen kann, wenn ich nicht auftrete“; selbstgerecht von der „Selbstauflösung einer Nichtsubstanz, die auf mich abwälzt, was sie an sich selbst unerträglich fühlt“; vom „Unzulängliche[n], das den Platz des Karl Kraus bereits besetzt findet und durch die Chance dieses Pechs zum Ereignis werden möchte“ (<em>Die Fackel</em>, Nr. 706-711, Dezember 1925).</p>
<p>Nicht nur die „Krausianer“, für die jedes Wort des Meisters aus dem Dornbusch gesprochen und also geoffenbarte Wahrheit ist, beten das ungeprüft nach, sondern bis heute auch – mit wenigen Ausnahmen – die Karl Kraus-Philologen, weil sie „seine Stil-, seine Selbstdeutungsgrenzen nicht verlassen“, wie Kuh am 25. Oktober 1925, als hätte er’s vorausgewusst, feststellte, oder, anders gesagt, weil sie immer nur den Meister reproduzierend exegieren, alles andere gälte als Abfall von der reinen Lehre: Kuh gehöre zu den wenigen, mit denen sich Karl Kraus in der Fackel nicht abgegeben habe; auf Kuhs Angriffe habe Kraus nie anders reagiert denn durch gerichtliche Klagen; Kuh habe es nicht verwinden können, dass der Platz Karl Kraus’ bereits besetzt war; Kuh wäre gern dieselbe „Instanz“ gewesen wie Kraus. Man empört sich, dass Kuh ausgerechnet „in demselben Konzertsaal, in welchem Kraus vorlas“, diesen als „Affen Zarathustras“ verhöhnte (Paul Schick: <em>Karl Kraus</em>, 1965, S. 113) – als sei’s eine Tempelschändung und als wäre Kuh nicht ab 1921 bereits wiederholt dort aufgetreten. Besonders empörend und unter „unerhörte Geschmacklosigkeit“ oder „Entgleisung“ rubriziert wird selbst von gestandenen Philologen, die jeden Beistrich des Meisters um und um wenden, um nur ja des vielfachen Schriftsinns teilhaftig zu werden, die provokante Maßregelung, die Kuh im anfänglichen Wirrwarr seines Vortrags an die krakeelenden Kraus-Anhänger adressierte: „Ich sehe leider: ob Hitler, ob Karl Kraus – es ist dasselbe“, ohne dass sie sich die Situation im Mittleren Wiener Konzerthaussaal an jenem Abend des 25. Oktober 1925 vergegenwärtigten.</p>
<p>Der Andrang war enorm. Eine Stunde vor Vortragsbeginn waren alle Karten vergriffen. Viele mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren. Die Stimmung im überfüllten Mittleren Saal ist aufgeheizt. Auf dem Podium ein Stuhl, ein Tisch, darauf ein Glas Kognak. Im Saal 900 Personen, aufgeregte Jünglinge, ein leidenschaftlich erregtes Parterre. Ganz nach dem Geschmack des schaulustigen Wiener Publikums, das für eine „Hetz“ immer zu haben ist. Neugierige, Sensationslüsterne, Damen, die sich den absehbaren „Skandal“ nicht entgehen lassen wollen, – das aber nahe den Ausgangstüren. „Manometer 99“, beschreibt das <em>Neue 8 Uhr-Blatt</em> tags darauf die angespannte Atmosphäre und referiert in bellizistischer Metaphorik weiter: „Kuhs Eintritt bewirkte die erste Explosion. ‚Hoch Karl Kraus!‘ gegen ,Hoch Kuh!‘ Sturm der Sicherheitswache, zermürbt die Front der einen Partei, deren Marschall das Hauptquartier nicht verlassen hat. Der andere Heerführer, persönlich im Schützengraben anwesend, behält eben recht, weil er da ist. In der vordersten Linie. Anton Kuh beginnt zu sprechen. Aber als er gegen die Buchstabengläubigkeit der Karl Kraus-Jünger das Recht des freien Geistes setzt, fliegen ihm Handgranaten der Zwischenrufer entgegen. Immer wieder. Anton Kuh pariert sie geschickt, wirft sie blitzschnell zurück, so daß sie den Angreifer in Lächerlichkeit zerreißen.“</p>
<p>Ganz so leichtes Spiel hat Kuh indessen nicht: Als er um 19.40 Uhr das Podium betritt, wird er von stürmischem Applaus empfangen. Er hat kaum Platz genommen, da werden vorn im Parterre „Hoch Karl Kraus!“- Rufe laut, in die, wie auf Verabredung, von verschiedenen Seiten des Parketts und auch von der Galerie brüllend im Chor eingestimmt wird. Kuhs erste Worte gehen im Lärm unter. Schreiend und mit den Füßen stampfend, versuchen die unter den 900 Anwesenden zahlreichen Kraus- Anhänger Kuh am Sprechen zu hindern. Minutenlange Tumulte und Handgreiflichkeiten zwischen den Krakeelern und Anhängern Kuhs, bis eine Abteilung Sicherheitswache in den Saal dringt, zwei der Randalierer hinausbefördert und notdürftig wieder Ruhe herstellt.</p>
<p>Als es Kuh nicht gelingt, sich im tosenden Beifall und gegen die stürmischen Zwischenrufe Gehör zur verschaffen, stellt er fest: „Ich sehe leider: ob Hitler, ob Karl Kraus – es ist dasselbe.“ Wieder minutenlang ohrenbetäubendes Geschrei und Geheul, wieder Tumulte, wieder Einschreiten der Sicherheitswache. Von insgesamt sieben Verhaftungen wissen Zeitungsberichte übereinstimmend, der Polizeipräsident hält in seinem Notizkalender acht vorübergehende Festnahmen fest.</p>
<p>Begeistertes Händeklatschen wie empörte „Pfui!“-Rufe branden anfangs immer wieder auf und unterbrechen den Vortragenden in seinen Ausführungen, der sich keine bessere Bestätigung für das, was er an diesem Abend beweisen will, vorstellen kann als diesen inszenierten Radau: eindeutiges und unleugbares Symptom jener Wiener Epidemie, die Kuh mit dem Terminus „Itzig-Seuche“ belegt, eine seiner zahlreichen Wortprägungen, die die Gemüter immer wieder bis zur Raserei erregen. In einer milderen Ausprägung, als er sie hier im Mittleren Konzerthaussaal im „hysterisch- monomanen“ Stadium agnoszieren muss, sei ihm dieser Infekt in den vergangenen Tagen öfter begegnet: bei Leuten, die ihn beschwörten, doch abzulassen von seinem gotteslästerlichen Vorhaben, öffentlich gegen Kraus vom Leder zu ziehen. Einreden, über die sich Kuh nur wundern konnte – war denn nicht das „ganze Lebenswerk“ des Unantastbaren nichts anderes als „eine Kette ununterbrochener Polemiken“? Andere wieder, Wohlmeinende, „glänzend geschult in der Talmud-Thora-Schule der Anspielung, ,Fackel‘ genannt“, versuchten ihn vom Sakrileg abzuhalten, indem sie ihm zu verstehen gaben, er setze sich damit dem Vorwurf aus, ein „Söldling“ Békessys zu sein. Eine Unterstellung, die sich Kuh strikt verbittet. Vielmehr habe er, Kuh, Békessy „dazu mißbraucht“, sein Mütchen an Kraus zu kühlen. „Ich habe es auch mit Grund getan: Denn wenn ich heute die Wahl habe, Räuber, Libertiner in der Armee eines Karl Moor – heiße er auch Moor Karol – oder Ministrant in der großen Hierarchie des Itziglismus zu sein, so bin ich lieber Libertiner in der Räuberarmee als Kirchendiener in einem Tempel.“ Im Übrigen ist ihm dies ganze eitle Literaten-Gezänk schlicht „Tinnefologie“, eine jener „mikrobenhaften Irrsinnigkeiten“, die auf Wiener Boden so gut gedeihen und jenseits der Stadtgrenzen schon niemanden mehr interessieren.</p>
<p>Nur wem die buckelnde Huldigung der allein zulässige Modus der Näherung an Kraus ist und nur wer nicht weiter zu sehen gewillt ist, als Kraus’ Aureole strahlt, kann übersehen, dass es Kuh nicht um die Identifizierung Kraus’ mit Hitler zu tun war, sondern um eine Gleichsetzung des Verhaltens des jeweiligen Anhangs. Er meint den Krawall. Vor dem Hintergrund tagtäglichen Nazi-Radaus, tagtäglicher Übergriffe deutschnationaler Studenten auf jüdische Kommilitonen und Professoren an den Universitäten ist der Vergleich mit den krakeelenden Kraus-Anhängern nur naheliegend. Im Übrigen waren es eben „Hakenkreuzler“ (so die damalige Terminologie) und Kraus-Jünger, die Kuhs Vorträge wiederholt störten.</p>
<p>Anton Kuh war entschieden mehr als das dandyhafte Kaffeehaus-Original, das schlampige Genie, das sich im Ephemeren, Nebensächlichen verzettelte; und er ist entschieden mehr als die widerwillig und pflichtschuldig gesetzte Fußnote in der Karl-Kraus-Sekundärliteratur. – Autor der aufsehenerregenden und seinerzeit vieldiskutierten Streitschrift <em>Juden und Deutsche</em> mit ihrer rabiaten Absage an assimilatorische wie zionistische Bestrebungen, war er ein Sensation machender fulminanter Stegreif-Vortragender, ein Publizist mit einem ungemein vielfältigen OEuvre – das u.a. eine „politisierte“ freie Bearbeitung von Nestroys Zauberposse <em>Lumpacivagabundus</em> sowie ein halbes Dutzend Filmdrehbücher enthält –, dessen Texte in den renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften erschienen: Feuilletons, Aphorismen, Theaterkritiken, Buchrezensionen, Glossen zum Tagesgeschehen, die erst in gesammelter Form erkennen lassen, wie wach sein Verständnis für politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen war, und die sich, chronologisch gelesen, geradezu ausnehmen wie ein Index der Zeit, der sich noch dazu durch die erstaunliche Dauerhaftigkeit dieser tagesaktuellen Momentaufnahmen auszeichnet.</p>
<p>Ganz entgegen der verniedlichenden Rezeption im Zeichen anheimelnder Donaumonarchie-Nostalgie war Kuh keineswegs eine Wiener „Lokalgröße“ (im doppelten Sinn des Wortes), sondern als Kritiker, Glossist, Feuilletonist und Stegreifredner überaus aktiv ins literarische, politische und gesellschaftliche Leben nicht nur des Wien und Prag der Habsburgermonarchie und der Zwischenkriegszeit, sondern auch des Berlin und München der Weimarer Republik involviert. Als Chronist erfasste der Artikelschreiber die Physiognomie der Zeit so luzide, wie er sie brillant zeichnete. Seine Texte, oft für den Tag geschrieben, weisen doch in den meisten Fällen darüber hinaus. Seine Feuilletons gehören inhaltlich und, mehr noch, stilistisch zum Besten, was in den Zeitungen jener Jahre „unterm Strich“ zu lesen war – die Vielzahl an zeitgenössischen Wiederabdrucken spricht für sich.</p>
<p>Die verzerrte Wahrnehmung Anton Kuhs schuldet sich einer unheiligen Allianz von Verbohrtheit und – eine Diagnose, die Kuh seiner Heimatstadt schon 1917 stellte –„Operettenvertrottlung“.</p>
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<p><em>Walter Schübler, Jahrgang 1963, arbeitet im Rahmen eines FWF-Projekts an einer Anton-Kuh-Werkausgabe. Zuletzt gab er den Band</em> Anton Kuh: Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin <em>(Metroverlag, 2012) heraus.</em></p>
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im Rahmen eines FWF-Projekts an<br />
einer Anton-Kuh-Werkausgabe. Zuletzt<br />
gab er den Band Anton Kuh: Jetzt<br />
können wir schlafen gehen! Zwischen<br />
Wien und Berlin (Metroverlag,<br />
2012) heraus.Walter Schübler, Jahrgang 1963, arbeitet im Rahmen eines FWF-Projekts an einer Anton-Kuh-Werkausgabe. Zuletzt gab er den Band Anton Kuh: Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin (Metroverlag, 2012) heraus.</div>
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		<title>Doch ein Fest für EUropa?</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Nov 2012 11:18:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Es gibt keine attraktive Erzählung über ein vereintes Europa. Ein lüsterner Stier, der eine phönizische Prinzessin vergewaltigt oder ein Wirtschaftsverband, der sich um den gemeinsamen Abbau von Kohle und Stahl zusammenfindet, laden nicht dazu ein, Gefühle für diesen „asiatischen Wurmfortsatz“ zu entwickeln. Das ist sicher [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt keine attraktive Erzählung über ein vereintes Europa. Ein lüsterner Stier, der eine phönizische Prinzessin vergewaltigt oder ein Wirtschaftsverband, der sich um den gemeinsamen Abbau von Kohle und Stahl zusammenfindet, laden nicht dazu ein, Gefühle für diesen „asiatischen Wurmfortsatz“ zu entwickeln. Das ist sicher nicht das einzige Problem der EU, aber es ist gewiss nicht unwichtig, wenn man bedenkt, wie ernst allerorten über Herkunft und Zugehörigkeit geredet wird und was Nationalisten damit anstellen.</p>
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<p><strong><em>Lesen Sie den vollständigen Artikel in der aktuellen Printausgabe. Zur <a href="http://www.recherche-online.net/abonnement" target="_blank">Abo-Bestellung</a></em></strong></p>
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<p><em>Hinweis: Im Rahmen der BUCH WIEN liest Hazel Rosenstrauch, aktuelle Preisträgerin des Österreichischen Staatspreises für Kulturpublizistik, am 20. November um 19 Uhr in der Buchhandlung Orlando aus ihrem jüngst erschienenen Buch</em> Karl Huß, der empfindliche Henker. Eine böhmische Miniatur.</p>
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		<title>Recherche 2/2012</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Nov 2012 10:54:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>INHALT</p> <p><a href="http://www.recherche-online.net/hazel-rosenstrauch.html" target="_blank"><strong>Doch ein Fest für EUropa?</strong></a><br /> Hazel Rosenstrauch über den Wiener Kongress<br /> ……………………………<br /> <a href="http://www.recherche-online.net/eva-illouz.html" target="_blank"><strong>Die Ökonomie der Liebe</strong></a><br /> Michèle Wannaz im Gespräch mit der Soziologin Eva Illouz<br /> ……………………………<br /> <strong>Jüngelismus &#38; Operettenvertrottlung</strong><br /> Über die verzerrte Wahrnehmung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>INHALT</p>
<p><a href="http://www.recherche-online.net/hazel-rosenstrauch.html" target="_blank"><strong>Doch ein Fest für EUropa?</strong></a><br />
Hazel Rosenstrauch über den Wiener Kongress<br />
……………………………<br />
<a href="http://www.recherche-online.net/eva-illouz.html" target="_blank"><strong>Die Ökonomie der Liebe</strong></a><br />
Michèle Wannaz im Gespräch mit der Soziologin Eva Illouz<br />
……………………………<br />
<strong>Jüngelismus &amp; Operettenvertrottlung</strong><br />
Über die verzerrte Wahrnehmung Anton Kuhs. Von Walter Schübler<br />
……………………………<br />
<strong>„Nimm die Eloquenz und dreh ihr den Hals um“</strong><br />
Lew Schestows Philosophie der Literatur. Von Felix Philipp Ingold<br />
……………………………<br />
<strong>Miniaturen der Metropole als Medium der Moderne</strong><br />
Über die Entwicklung einer literarischen Gattung. Von Andreas Huyssen<br />
……………………………<br />
<strong>Kunst und Kultur in höchster Blüte</strong><br />
Florian Illies porträtiert in <em>1913. Der Sommer des Jahrhunderts</em> anhand von Künstler-Anekdoten eine Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Von Gerrit Bartels<br />
……………………………<br />
<strong>Paradoxien des Neuen</strong><br />
Zum Stand der Dinge im Fluss. Von Josef Mitterer<br />
……………………………<br />
<strong>Für eine neue Kulturökonomie</strong><br />
Die digitale Medienrevolution korrigiert die Irrtümer der Massenkommunikation. Von Frank Hartmann<br />
……………………………<br />
<strong>Auf der Suche nach Exzellenz</strong><br />
Wie viel Evaluierung verträgt das Wissenschaftssystem? Von Helga Nowotny<br />
……………………………<br />
<strong>Ein Wort zur ‚Inspiration‘</strong><br />
Von Felix Görner<br />
……………………………<br />
<strong>Revolutionäre Praxis und ontologische Kreation</strong><br />
Zum Denken von Cornelius Castoriadis. Von Bernhard Waldenfels</p>
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		<title>Die Ökonomie der Liebe</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Nov 2012 07:33:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<title>Landschaften des Wissens</title>
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		<pubDate>Thu, 27 Sep 2012 10:13:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><em> </em><strong>Welt, Landschaft</strong></p> <p>Ein Fluss windet sich vor schneebedeckten Bergen, hinter denen das Licht hervorbricht wie eine verborgene Offenbarung. Das silbrige Band des Stroms führt mäandernd in die Tiefe der Landschaft, durchtrennt die Ebene mit ihren Bäumen und lenkt den Blick auf die Bergkette, deren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em> </em><strong>Welt, Landschaft</strong></p>
<p>Ein Fluss windet sich vor schneebedeckten Bergen, hinter denen das Licht hervorbricht wie eine verborgene Offenbarung. Das silbrige Band des Stroms führt mäandernd in die Tiefe der Landschaft, durchtrennt die Ebene mit ihren Bäumen und lenkt den Blick auf die Bergkette, deren schwarz-weiß gezackte Formen im Gegenlicht zum fließenden Wasser und den dramatisch beleuchteten, immer veränderlichen Wolken ein statisches Zentrum schaffen.</p>
<p>Und schon ist es fast unmöglich, dieses von Ansel Adams, 1944 aufgenommene Landschaftsbild nicht allegorisch aufzufassen, als Reflektion auf den gewundenen Lebensweg, der sich durch die Ebene der Gegenwart zieht, die Berge der Verheißung und der harten Prüfungen, die jeden Wanderer erwarten, das Licht, das hinter ihnen liegt und alles in einen halb verheißungsvollen, halb bedrohlichen Schein hüllt.</p>
<div id="attachment_2931" class="wp-caption alignleft" style="width: 210px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2012/09/Domenico_Ghirlandaio.jpg"><img class="size-full wp-image-2931" title="Domenico_Ghirlandaio" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2012/09/Domenico_Ghirlandaio.jpg" alt="" width="200" height="272" /></a><p class="wp-caption-text">Domenico Ghirlandaios Doppelporträt „Großvater und Enkel“ (1488)</p></div>
<p>Fast fünfhundert Jahre vor Adams finden sich dieselben Elemente in einem Doppelportrait von Domenico Ghirlandaio. Ein alter Mann sieht auf seinen kleinen Enkel herab.</p>
<p>Der Greis ist vom Leben stark gebeutelt worden: das graue, schüttere Haar ist weit über die Stirn zurückgetreten, die Nase ist schwammig aufgedunsen und entstellt ein Gesicht, das früher einmal schön gewesen sein muss. Der Mann sieht zärtlich auf das Kind herab, aber es ist auch Bedauern, fast Abwesenheit in seinem Blick. Er umarmt den Kleinen, der seinerseits seine Hand auf die Brust seines Großvaters legt. Er sieht dem Alten in die Augen, fast so als wolle er ihn nicht gehen lassen. Goldblonde Locken fallen ihm auf die Schultern und er trägt eine Kappe im selben Rot wie der Mantel des alten Mannes, eine gemeinsame Farbe.</p>
<p>Es ist nicht sicher, wer dieser alte Mann war, aber es scheint gewiss, dass er schon tot war, als Ghirlandaio die Pappelholzbretter zusammenfügte, um ihn zu verewigen – eine Skizze zu dem Gemälde zeigt den Alten mit geschlossenen Augen, herabgezogenen Mundwinkeln und einem weißen Hemd, wohl auf dem Totenbett liegend. Im Italien der Renaissance war es im gehobenen Bürgertum modern, einen römischen Brauch wieder aufleben zu lassen, von dem schon Plinius der Jüngere berichtete, denn viele Römer hängten Wachsmasken verstorbener Vorfahren bei sich auf, ein Nachklang vorrömischen Ahnenkultes.</p>
<p>Der Maler hat diese Tradition aufgenommen und modifiziert: der Greis hat jetzt ein leises Lächeln auf den Lippen und blickt seinen Enkel aus halbgeöffneten Augen an, ein Blick, der schon aus dem Jenseits kommt und doch ganz gegenwärtig ist. Der kleine Junge auf dem Bild, der wohl seinen Großvater ansieht, blickt also auf eine Erinnerung und in eine jahrtausendealte Geschichte, obwohl er selbst noch viel zu jung ist, das zu begreifen.</p>
<p>Zwischen den beiden Köpfen sieht man durch das Fenster eine Landschaft. Ein Weg zieht sich hindurch, und im allegorischen Universum der Renaissance, in der jedes Bildelement eine Bedeutung haben musste, ist klar, dass es ein verschlungener Lebensweg ist, der von der Kindheit ins Alter führt, von einer Figur zur anderen durch eine Ebene bis zu den Bergen, vom frühlingshaft aufrechten Baum über den satt grünen Hügel bis hin zum kahlen Berg in der Ferne. Es ist dieselbe Landschaft, die Adams fotografiert hat, dieselbe Landschaft, die sich, mit kleinen Abweichungen, auf unzähligen Gemälden findet.</p>
<p>Auf diesen Bildern der Renaissance ist die Landschaft oft, wie bei Ghirlandaio, nur durch ein Fenster zu sehen, im Hintergrund. Dabei hatte sie sich auch diesen Platz seit dem Mittelalter erst langsam erobern müssen, denn das Christentum hatte jede Beobachtung der Welt nicht nur aus der Philosophie, sondern auch aus der bildenden Kunst verbannt. Fresken in den Villen von Pompei zeugen vom großen Interesse an der Welt und der ungeheuer lebendigen Naturdarstellung der römischen Künstler. Dann aber verdrängte die weltabgewandte Erhabenheit der Ikonen, die Darstellung einer spirituellen Welt, das Interesse am Hier und Jetzt und mit den realistischen Gesichtern und natürlichen Gesten verschwand zuerst auch die Natur selbst aus der Kunst.</p>
<p>Sie war erst wieder über die Jahrhunderte hineingewachsen in die Heiligenbilder, Madonnendarstellungen und Kreuzigungen, ganz buchstäblich, zuerst in Gestalt emblematischer Pflanzen – die weiße Lilie für die Reinheit der Jungfrau, der Baum der Erkenntnis. Langsam eroberten sich die Pflanzen mehr Raum, wenn auch nie ein Existenzrecht jenseits des Emblematischen. Das weite Land bestand aus einigen Baumsilhouetten oder Hügeln auf dem Gold der Ewigkeit, Chiffren für die Weite und Bedrohlichkeit der Welt.</p>
<p>Mit dem Anfang der Renaissance aber reicht die Hoffnung aufs goldgrundierte Jenseits nicht mehr, und Landschaften erstrecken sich, perspektivisch gemalt, bis zum imaginären Horizont, die Berge in der Ferne schimmern in hellem Blau. Ein Fenster auf die Welt hatte sich geöffnet, aber trotzdem blieb die Landschaft immer Hintergrund für die Darstellung von Herren und Heiligen, oft nichts mehr als ein allegorischer Blick nach draußen, oder auch nach innen, in den Raum der Allegorie. Bezeichnenderweise ist es ein sehr irdischer Weg ohne christliche Symbolik – es sei denn, man wolle den Baum in der Mitte als angedeutetes Kreuz sehen.</p>
<p>Eine Landschaft ohne menschliche Präsenz gibt es aus dieser Zeit nicht. Erst Menschen machen Land zur Landschaft, zu einer bedeutungsvollen Umgebung. Noch etwas ist auffallend: Hätte man im fünfzehnten Jahrhundert einen Maler gebeten, eine Landschaft zu malen, wäre er in sein Atelier gegangen, nicht um Pinsel und Farben zu holen, sondern um dort Entwürfe zu machen und die Arbeit zu beginnen.</p>
<p>Die Idee, einen Landstrich bloß abzumalen, wäre keinem damaligen Künstler gekommen. Es ging ja nicht darum, irgendeinen beliebigen Anblick zu fixieren, sondern vielmehr, eine bedeutungsvolle und sorgfältig komponierte Allegorie zu erschaffen, in der alles vorhanden war: Flüsse und Städte, Ebenen und Berge, Wald und Felder, die Harmonie der Schöpfung, Weltlandschaften, wie besonders die Flamen sie immer wieder malten. Erst später wurden Landschaften als Psychogramme begriffen, die keine menschlichen Figuren benötigen, weil die Immanenz schon im Auge von Maler und Betrachter vorhanden ist, als Dialog mit einer neuen Größe im Denken: der Natur.</p>
<p><strong>Eros oder das Begehren</strong></p>
<p>Landschaften erkunden und spiegeln unser Verhältnis zur Welt, zu dem, was um uns herum ist. Das offene Fenster im Hintergrund befreit den träumenden Geist aus seiner Isolation. Die Einsamkeit findet einen Ausweg, denn die schöne Landschaft draußen (und sie ist immer schön in diesen Bildern, nie regnet es, nie gibt ein milchiger Wiener Hochnebel den Eindruck, es gäbe keine Sonne mehr) weckt das Verlangen danach, in sie hineinzugehen, oder, wenn wir die Interpretation einen Schritt weiter verfolgen, den eigenen Lebensweg durch die Weltlandschaft weiterzugehen. Das Fenster im Hintergrund wird zur Befreiung aus der Einsamkeit des Denkens. Der Blick aus dem Fenster ist der Blick auf das eigene Leben, gleichzeitig aber auch das Verlangen, in der Welt zu sein, an ihrer Schönheit teilzunehmen, sie zu berühren und Teil von ihr zu sein.</p>
<p>Erst dieses Begehren zieht uns in die Welt hinein. Ein meditativer Geist kann für sich allein existieren und endlos um sich kreisen, wenn er aber die Schönheit um sich herum bemerkt, kann er sie entweder fliehen und verdammen (eine Lösung, die nur christliche Pessimisten, Brahmanen und andere Asketen gesucht haben), oder er kann ihr folgen. Die Griechen, die Unbewusstes und Unterbewusstes personalisiert in Mythen tradierten, haben diesen Instinkt für Schönheit Eros genannt, den kleinen Gott des Begehrens und der Sinnlichkeit, immer als Kind dargestellt. Ohne ihn wären wir nichts als umherirrende Nomaden, oder nicht einmal das: Ohne Eros wären wir längst ausgestorben. Unser Blick auf die Welt ist durch ihn geschärft, von ihm inspiriert, besessen.</p>
<p>Die solipsistische Einsamkeit des reflektierenden Subjektes zu überwinden ist schon lange eine der größten Herausforderungen der Philosophie. Ein Mann, der aus einem Traum aufwacht, in dem er ein Schmetterling war, ist entweder ein Mann, der träumte, er sei ein Schmetterling, oder ein Schmetterling, der gerade träumt, er sei ein Mann. Descartes zementierte diese Unmöglichkeit mit seinem <em>cogito</em> und versuchte ihm dann zu entkommen, indem er postulierte, dass Gott, weil er vollkommen ist, notwendig existiert und seine Kreaturen nicht belügt (kein vollkommenes Wesen könnte lügen, denn Lüge ist Unvollkommenheit), ergo kann der einsame Geist aus seinem Gefängnis entfliehen – auf Engelsflügeln sozusagen.</p>
<p>Dass dieser ontologische Gottesbeweis schon im Mittelalter widerlegt wurde, wusste Descartes wohl und hat frommen Lesern und Zensoren so eine Falle gestellt. Es gibt keinen Ausweg aus dem <em>cogito</em>, keinen logischen Brückenschlag zur Welt. Kein theoretisches Konstrukt kann den Gedanken vom träumenden Selbst ad absurdum führen. Das Begehren zieht uns aus uns selbst hinaus in eine Welt voller anderer Begehrender. Eros relegiert die solipsistische Isolation zum nebensächlichen Gedankenspiel, weil er nicht rationale, sondern intuitive Verbindungen schafft. Die Empathie, die wir empfinden, macht einen alten Mann und seinen Enkel zur Allegorie des eigenen Lebens.</p>
<p>Landschaft als Allegorie des Lebens und Erlebens kann konstruiert sein wie bei Ghirlandaio oder gefunden (vom Auge konstruiert) wie bei Adams – sie spricht dieselbe Sprache. Sie ist ein Modus des Begehrens und des Verstehens. Die Grammatik dieser Sprache verlangt nach Vereinfachung und Projektion. Ohne Vereinfachung wären wir rettungslos verloren in der Fülle der Daten, ohne Projektion hätten wir weder Ziel noch Orientierung noch Mut.</p>
<p><strong>Kartenlesen</strong></p>
<p>Unser hungriger Blick verbindet sich mit einer Fähigkeit, einem Spleen, der so stark ausgeprägt einzigartig ist in der Tierwelt. Unser Wahrnehmen ist stark darauf ausgelegt zu abstrahieren, Muster zu erkennen, unterschiedliche Elemente der Welt um uns herum von ihrem Sosein zu abstrahieren und für uns selbst wie auch für andere symbolisch zu repräsentieren. Alles, was wir sehen, wird zum Repräsentanten von etwas, ist metaphorisch aufgeladen, trägt in sich eine Bedeutung, die über es selbst hinaus geht, ist Symbol für etwas.</p>
<p>Unsere Wahrnehmung ist noch immer zutiefst animistisch. Ein Baum ist niemals nur ein Ding, das da steht. Unser gieriges, mythisch aufgeladenes Hirn setzt ihn sofort in Beziehung zu uns, ordnet ihn ein in unsere Welt; der Baum wird zum Schatten, Bauholz, Feuerholz, zum Wohnsitz von Geistern und Dämonen, zum Urbild des Friedens, Teil einer botanischen Ordnung, zum Zeichen der Hoffnung und zur Verheißung von Früchten, von Leben, von Zukunft in seinen himmelwärts strebenden Zweigen, die von der Gegenwart des Stammes mit der in die Vergangenheit eingegrabenen Wurzeln verbunden werden. Ein Universum von Sinn, Mythos und Metapher spinnt sich um jedes Objekt, entspringt unserem Bewusstsein und legt sich über die Welt um uns herum. Landkarten entstehen im Kopf.</p>
<p>Jeder Autofahrer nutzt diesen selektiven Blick, der ihn (hoffentlich) Verkehrszeichen und Kinder am Straßenrand bewusst wahrnehmen lässt, während er den größten Teil aller Dinge da draußen aus der bewussten Wahrnehmung ausschließt. Vielleicht erklärt diese kognitive Leistung, warum Reisen mental so ermüdend sein kann. Wir müssen selbst physisch kaum noch Anstrengung aufwenden, aber die Dichte der Wahrnehmungen ist um ein Vielfaches höher, als unsere evolutionäre Konditionierung eigentlich erlaubt. Wer zu Fuß geht, sieht die Welt und ihre Veränderung in einem menschlichen Tempo. Wer sich mit 100 oder auch 50 km/h bewegt, hat das Tempo unserer natürlichen Wahrnehmung weit überschritten und muss durch Konzentration kompensieren.</p>
<p>Der selektive Blick arbeitet durch Symbole. Er reduziert auf das, was für die verfolgte Absicht wesentlich ist. In einem zweiten Schritt der Abstraktion (auf zwei Dimensionen) wird eine Landschaft so zur Landkarte.</p>
<p>Eine Landkarte, auf der alles verzeichnet ist, ist schlimmer als nutzlos. Ein Kartograf muss Entscheidungen treffen, wie der Künstler auch. Kein Postamt, kein Schloss und keine Tankstelle sieht so aus, wie sie auf einer Karte wiedergegeben ist. Trotzdem versteht jeder Mensch, der diese Karte benutzt, dass hier nur ein Symbol steht, dass hier nicht die verworrene Realität in allen Details gezeigt wird, sondern eine Version, die sie überschaubar und nutzbar macht. Keine kartografische Fiktion ist schlüsselhafter als der Londoner U-Bahn-Plan, der die riesige und verwirrende Stadt auf die Größe einer Hand reduziert und buchstäblich erfahrbar macht, obwohl oder weil er keinerlei repräsentative Verbindung mit der topographischen Realität des Dargestellten hat.</p>
<p>Eine Landkarte ist für uns deswegen lesbar, weil wir die symbolische Darstellung in zwei Dimensionen auf die dreidimensionale Welt um uns übertragen können (so wie uns auch ein zweidimensionales Feld mit Farbflecken einen dreidimensionalen Raum und eine menschliche Tragödie suggerieren kann), und in einem gewissen Sinne ist jedes Bild, das wir uns von der Welt machen wie eine Landkarte: es vereinfacht, damit wir bestimmte, nützliche Informationen schneller zur Hand haben. Es gibt Landkarten für Autofahrer, Wanderer, Militärstrategen, Vogelliebhaber, Geologen, Wetterexperten, Kanalbauer, Sextouristen, Bahnreisende.</p>
<p>Diese sehr aktive Wahrnehmung, die immer schon etwas in die Welt hineinträgt, hat uns erlaubt, die Welt zu beherrschen und konzeptuell zu organisieren, aber sie steht unserem Verständnis genau so oft im Wege. Wir sehen überall Sinn und Struktur (eigentlich sollte man sagen: wir sehen überall Sinn und Struktur <em>hinein</em>), und es ist jenseits unserer so fruchtbaren Vorstellung, unseres instinktiven Zugangs zur Welt, dass Sinn und Struktur unsere Konstrukte sind, dass sie ohne uns nicht existieren in der Welt, dass wir es sind, die der Welt einen Sinn geben, sei es in Form eines verrottenden Stückes Holz, eines Sonnenuntergangs oder unseres eigenen Lebens.</p>
<p>Sinn existiert in uns, weil er eine Kategorie unseres Denkens ist, weil wir ihn in die Welt hineintragen. Die Welt da draußen enthält keine Ideen, sie spiegelt unser Bewusstsein nur auf uns selbst zurück und in diesem Spiegelbild sehen wir, was wir sehen wollen. Wie der Kunsthistoriker Ernst Gombrich sagte: Die Wahrnehmung ist kein Eimer, in die Dinge hineinfallen, sie ist ein Scheinwerfer, der in der Dunkelheit der Welt aktiv sucht und selektiv findet.</p>
<p>Der hungrige Blick eines metaphorischen Tieres Homo sapiens fällt in die Welt, sieht Land vor sich und macht eine Landschaft daraus, ein bedeutungsvolles Universum, das menschliche Kategorien repräsentiert. So wird ein Flusstal zum Lebensweg, eine Ebene zum Abbild der Schöpfung. So werden Windmühlen zu fürchterlichen Feinden und wir alle zu Don Quijote, der dem pragmatisch runden Sancho Panza neben sich viel zu selten zuhört.</p>
<p>Symbolische Wahrnehmung ist Reduktion, Vereinfachung, Verarmung und damit Nutzbarmachung. Eine Landkarte ordnet die Welt nach der Grammatik des Sehens, schafft Allegorien des Erfahrbaren. Um Eindrücke zu kommunizieren, müssen wir wieder eine Grammatik wählen, ein symbolisches Medium. Jedes dieser Medien kann einzelne Aspekte einer Wahrnehmung besser kommunizieren als andere, jedes hat seine besonderen Schwächen. Mit der Wahl des Mediums wählen wir die Färbung, die Nuancen und die Begrenzungen unserer Botschaft, die dann auf andere kognitive und mentale Horizonte trifft, in denen der Prozess von vorne beginnt. – Es ist eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt kommunizieren können.</p>
<p><strong>Projektionen – Geschichten</strong></p>
<p>Die Motivation dieser symbolischen Darstellungen, das Sich-Orientieren in der Welt, entsteht aus dem Konflikt zwischen unserem erotischen Blick (die Fülle, das Begehren) und der Erfahrung des Scheiterns. Eros lässt uns begehren, unsere Erfahrung kann uns daran verzweifeln lassen.</p>
<p>Mit der Lust auf ein Objekt unserer Begierde kommt die Furcht vor dem Verlust, vor dem Scheitern. Eros zieht mich hinein in eine Welt, die mir in dem Moment entsteht, in dem sich meine Vorstellung an dem Vorgefundenen entzündet, Eindrücke und Resonanzen einander hell lodernd oder tief glühend beleuchten. Wie jedes Feuer verzehrt auch dieses seinen Ursprung, und damit beginnt der zweite Schritt. Das brennende Verlangen verzehrt seinen Träger, denn es zieht uns in den Strudel der Zeit. Es macht uns zum Sklaven unserer Wünsche und Begehrlichkeiten und lässt uns ernüchtert oder verzweifelt zurück.</p>
<p>Wer nach etwas verlangt, wird finden, dass es oft unerreichbar ist, und wenn er es erreicht, wird er feststellen, dass es nicht ist, was er erhofft hatte, dass es nicht so glücklich macht, dass es die Magie verloren hat, ein Leben zu transformieren. Wer verlangt, erfährt Scheitern und Unmöglichkeit, Vergeblichkeit, Verlust; wer begehrt, muss erfahren, dass wir oft die falschen Wünsche haben, dass alles nicht so einfach ist, dass Begehren dazu verleiten kann, Freunde zu verraten, gleichgültig zu sein gegenüber dem Leiden anderer, selbst verraten zu werden. Wer begehrt, muss irgendwann auch bedauern: Dinge, die er nicht erreicht hat, und andere, die er erreicht hat, aber nicht mehr schätzen kann, Dinge, die er zerstört hat und andere, die ihn beschädigt haben.</p>
<p>Um uns über die namenlose Angst hinwegzuhelfen und um uns selbst zu überreden, dass es sich angesichts der sinnlosen Zufälle und des überall verbreiteten Chaos trotzdem lohnt, weiterhin zu versuchen, kein sinnloses, ebenso chaotisch dahintreibendes Leben zu leben, müssen wir uns Geschichten erzählen. Geschichten kartografieren unsere Hoffnungen und Ängste. Wie andere Landkarten auch reduzieren sie die erfahrbare Wirklichkeit.</p>
<p>Im Gegensatz zu ihnen bilden sie nicht ab, was ist, sondern (wie die Landschaften der Renaissance) was sein soll oder (wie die apokalyptischen Landschaften des Jüngsten Gerichts) was nicht sein darf. Sie projizieren unser Begehren in eine gleichgültige Welt und machen sie erst begehbar, schaffen eine Handlung mit Anfang, Mitte und Ende, Gerechtigkeit. Jeder Geschichte liegen Werte zu Grunde, jede Geschichte ist eine Handlungsanleitung, ein Votum gegen das Chaos der Erfahrung.</p>
<p>Geschichten sind kontrafaktische Landkarten unseres Lebens. Ihre in die Welt hineinprojizierte Richtung aber hat ihre Tücken: sie dramatisiert Werte und zeichnet Wege vor, schafft aus diesen Werten heraus Realität, weil sie unsere Wahrnehmung und unser Handeln färbt und mitbestimmt. Ein Beispiel: Die christliche Geschichte bestimmt uns nach wie vor, auch wenn das nicht mehr offensichtlich ist. Am Anfang steht die Erzählung vom leidenden Gott, von der Erbsünde und der notwendigen Erlösung. Die Werte, die hier dramatisiert werden, sind das Leiden als Katharsis, das Hoffen auf Erlösung im Jenseits, der Kampf gegen das sinnliche Begehren, der Hass auf den Körper und die Überhöhung eines Geistes, der an der transzendentalen Wahrheit teilhat. Wer nicht begreift, dass er in einer Geschichte lebt, dem wird sie zum Gefängnis.</p>
<p><strong>Im Kerker der Theologie</strong></p>
<p>Es ist nicht schwer zu sehen, wie diese Werte uns noch immer bestimmen. Von unserer dominanten philosophischen Tradition (Descartes, Kant, Voltaire, Rousseau) aller religiösen Konnotationen entkleidet beherrschen sie uns noch immer. Der christliche Körperhass lebt weiter in Hollywood-Filmen, in denen man keinen nackten Körper sehen darf, wohl aber einen Körper, der zu Tode gefoltert wird. Die Jenseitigkeit lässt uns unsere Zukunft immer noch als Erlösung oder Apokalypse wahrnehmen und hält die Illusion wach, wir müssten unser Begehren verleugnen, um unseren Geist zu reinigen.</p>
<p>Unsere kulturellen Reflexe sind noch immer theologisch, noch immer auf eine metaphysische Wahrheit gerichtet, die wir analytisch längst hinter uns gelassen haben. Es ist leicht zu verstehen, warum: wir wollen die Sicherheit einer objektiven Wahrheit. Das Leben mit bloßen Geschichten scheint zu prekär, zu willkürlich, es verletzt unser narzisstisches Verlangen nach Sinn.</p>
<p>In unserer sexualisierten Alltagskultur zeigt sich der Zerrspiegel des christlichen Narrativs und seiner Werte. Der Markt (das neueste theologische Konstrukt einer abstrakten Wahrheit, die uns beherrscht) ersetzt die Hand Gottes in der Geschichte durch den Glauben an Angebot und Nachfrage und die alte Hoffnung auf Erlösung durch das Streben nach Reichtum. Die Identifikation von Wohlstand mit Tugend ist ein Enkel der Calvinistischen Erwählungstheorie, die postuliert, dass Gott seinen Wohlgefallen zeigt, indem er seinen Erwählten Reichtum gewährt.</p>
<p>Den Armen ist nicht nur die Teilhabe an dieser weltlichen Glückseligkeit verwehrt – sie haben ihr Elend verdient. Die Erbsünde und die Erlösung sind zu finanziellen Größen geworden. Unsere Schuld hat sich entmoralisiert und in Schulden verwandelt, die wir nicht mehr vor unserem Schöpfer oder vor einander haben, sondern vor Institutionen wie Banken oder Kreditkarten- Firmen.</p>
<p>Ob als Individuum oder im Kollektiv: Wir können uns nicht aussuchen, ob wir uns Geschichten über uns selbst erzählen wollen, aber wir können zu einem gewissen Grad entscheiden, welche Geschichten wir erzählen. Die Landkarte, die wir in der Hand halten, und die Geschichte, die wir uns erzählen, führt uns ins Leere, in die Zerstörung menschlicher Potenziale und biologischer Vielfalt. Sie treibt Raubbau an uns allen.</p>
<p>Der alte, vom Leben gebeutelte Patrizier in Ghirlandaios Portrait blickt mit halb erblindeten Augen in die Zukunft. Es liegt an den Enkeln, neue Wege durch die Landschaft ihrer Biografie zu finden und zu erkennen, dass Landkarten willkürlich Ausschnitte aus dem chaotischen Reichtum der Erfahrung zeigen, dass Geschichten Ziele weisen, die sie erkennen und gestalten können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Philipp Blom, geboren 1970 in Hamburg, lebt als Schriftsteller und Journalist in Wien. Zuletzt erschien seine Studie</em> Böse Philosophen <em>(Carl Hanser, 2011) über die radikale Aufklärung im Vorfeld der Französischen Revolution.</em></p>
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		<title>Die Tugenden des Durchlauferhitzers</title>
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		<pubDate>Thu, 27 Sep 2012 10:03:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><strong>Claus Philipp</strong> Wenn man heute vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Kulturpraxis oder des Kulturförderungsprinzips den Begriff des Projekte-Machers definieren müsste – in welche Stoßrichtungen könnte das deiner Meinung nach gehen?</p> <p><strong>Ernst Strouhal</strong> Na ja, Projekte, eigentlich sollte man ein Moratorium durchsetzen, diesen Begriff ein paar [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Claus Philipp</strong> Wenn man heute vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Kulturpraxis oder des Kulturförderungsprinzips den Begriff des Projekte-Machers definieren müsste – in welche Stoßrichtungen könnte das deiner Meinung nach gehen?</p>
<p><strong>Ernst Strouhal</strong> Na ja, Projekte, eigentlich sollte man ein Moratorium durchsetzen, diesen Begriff ein paar Jahre lang nicht zu verwenden, weil sich das Wort abgenützt hat. Im Moment ist ja alles ein Projekt: Kochprojekte, Malprojekte, Kinderprojekte, alles quasi gleichwertig zum Projekt der Aufklärung. Projekte sind Vorhaben, die sich institutionell nicht so ohne weiteres binden lassen oder die genau in dem Moment absterben, wenn sie institutionell gebunden werden, also gewissermaßen programmatisch nur Programme sein wollen. Ich glaube, ein Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass es einen Anfang hat – aber auch ein Ende. Für Wien wäre das gar keine schlechte Anregung. Hier wird ja oft etwas mit kaum lebensfähigen Mitteln begonnen. Es darf dann aber auch nie sterben.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Das heißt, das, was in Wien lange währt, ist schon zum Tode verurteilt bzw. untot, per se?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ja, weil mitunter mit sehr unzureichenden Mitteln begonnen wird, in vielerlei Hinsicht: Geistigen Mitteln, ökonomischen Mitteln, aber es hört dann auch nie mehr auf, weil man sich an Dinge gerne und ein bisschen bequem gewöhnt, und weil die Mobilität geringer als in anderen europäischen Metropolen ist.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Warum?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ich denke, das hängt mit der historischen Erfahrung einer fatalen Stabilität im Ständestaat zusammen. Damit, dass wir gewöhnt sind, dass es neben dem parlamentarischen Gehäuse dieser Gesellschaft ein anderes, eisernes Gehäuse gibt, Blöcke mit unterschiedlichen Machtzentren, die jenseits der Demokratie für Stabilität sorgen. Also es gibt rote Autofahrervereine, schwarze Autofahrervereine, rote Bibliotheken, schwarze Bibliotheken, wem will man das erklären? Die ständestaatliche Kultur sorgt für Stabilität. Insofern braucht man Projekte-Macher, die diese Ordnung dynamisieren.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Na, ich bin ja wohl ein viel institutionalisierterer „Intellektueller“ als du, in dem Sinne, dass ich lange Zeit als Kulturressortleiter einer Zeitung gearbeitet habe und gewissermaßen abgesichertes Terrain hatte für mich und meine Ansätze für Kritik.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Aber gerade als Kulturresortleiter warst du ja sozusagen ein Projektprofi, könnte man sagen, weil jeder Artikel ist ja sozusagen ein neues Projekt.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Auf der anderen Seite ist alles, was man dann quasi an Artikeln und Textbausteinen von sich gegeben hat, nur Zement und Ziegelwerk im Rahmen dessen, was eh bereits an sicherem Mauerwerk vorhanden ist.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Dem könnte man entgegenhalten, dass diese einzelnen Projektbestandteile heute ohnehin nicht mehr flüchtig sind. In Zeiten des elektronischen Gedächtnisses wird ja jede kleine Anstrengung, jedes Projekterl irgendwo vermerkt, Die Tugenden des Durchlauferhitzers wird archiviert und ist abrufbar. Lange Zeit haben Projekte das Recht auf Vergessen gehabt. Dieses Projektrecht, glaube ich, existiert heute nicht mehr.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Wo hattest zum Beispiel du die erste Möglichkeit dich intellektuell zu äußern und gewissermaßen kommentierend einzuwirken auf eine Form von österreichischer, deutschsprachiger Realität?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Sehr früh. Ich habe mit 18 als Journalist begonnen, bei der <em>Volksstimme</em>, habe dann später viel beim <em>Falter</em> geschrieben. Rückblickend ist es schon erschreckend, dass es Leuten unserer Alterskohorte, die keineswegs je sprachlos oder ohnmächtig waren, über Jahrzehnte nicht gelungen ist, zum Beispiel ein paar alte, schwer belastete Nazis wie den Psychiater Heinrich Gross aus den Ämtern zu jagen. Das war ein Projekt, im Ergebnis ein Projektversagen.</p>
<p><em>Philipp</em> Man durfte sich äußern, aber es gab keine Möglichkeit, mit Äußerungen nachhaltig Veränderung zu bewirken.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ja, es gibt in Österreich wie nirgendwo sonst die Tradition einer sehr staatsnahen Aufklärung. Und meinereiner ist damals sehr schnell ins Gravitationsfeld der Institutionen geraten, ironischerweise mit Projekten, die rasch und umstandslos auf Interesse stießen und gefördert wurden. Unter dem heute heiliggesprochenen Bundeskanzler Kreisky ist es passiert, dass man große Gruppen von frei schwebenden, projektorientiert arbeitenden Intellektuellen, die noch die Entscheidung treffen konnten, ob sie in die Institutionen einchecken wollen oder nicht, sehr nahe an Institutionen und ihre Logik herangebracht hat und sich kaum eine unabhängige kritische Öffentlichkeit bilden konnte wie in anderen Ländern.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Du würdest also retrospektiv sagen, es war ein Fehler, kritische Öffentlichkeiten in die Institutionen zu integrieren?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ja, weil der Gang durch die Institutionen ist mangels konkreter Utopien ein sehr schwerfälliger geworden. Wir waren selber Schuld, vor allem bequem. Mehr denn je fehlen, wie kann man sie nennen, Menschen an den Schnittpunkten von Institutionen und Projekten, und ich befürchte, dass diese Kluft derzeit noch viel tiefer wird, zwischen Leuten, die verurteilt sind, Projekte im Prekariat zu erarbeiten, um irgendwie davon zu leben, und denen, die sich in Institutionen gerettet haben.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Ich sehe das genauso. Die Frage wäre also, ob in Österreich ein Begriff wie der der Zivilgesellschaft zu Gunsten eines Begriffs der Parteipolitikgesellschaft nicht permanent zum Scheitern verurteilt ist.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ich kann mich aber an sehr interessante Personen an den Schnittflächen erinnern, wie etwa Fritz Hermann, den damaligen Sekretär von Fred Sinowatz. Der hat das Schmählied „Trara Trara, die Hochkultur!“ quasi vom Ministeriumsfenster aus geschrieben und im Forum veröffentlicht. Der Bundeskanzler musste dann nach Salzburg fahren und sich bei Karajan („&#8230; der woscht sein Oarsch in Goidlawur“) entschuldigen. Solche Personen sehe ich heute weniger denn je. Aber es gibt sie: Durchlauferhitzer, die die Institutionen aufmischen und in einer gewissen Unruhe halten.</p>
<p>Heute verwechseln Kulturpolitiker sehr bequem Toleranz mit Gleichgültigkeit. Das Betonen der Autonomie (der Wissenschaft, der Kunst usw.) ist eine Carte blanche für die absolute Gleichgültigkeit. Welcher Politiker mischt sich heute kritisch in ein Kulturprogramm ein? Dies führt zu einer Situation, die in gewisser Weise kulturell tumultös ist, aber eher einem hochtourig fahrenden Stillstand ähnelt. Ich denke, dafür braucht man Leute, die sich und den Begriff „Projekt“ wirklich ernst nehmen als Vorhaben, das sich auch einer politischen Kritik durch die Zivilgesellschaft aussetzt.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Wie erklärst du dir, dass dieser Zustand über die Jahre und die sich abwechselnden Protagonisten hinweg – und wir reden ja doch wohl von einer linken Bewegung, also sagen wir Kreisky, Sinowatz, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann –, dass das immer übler wurde und wird und dass man so eine Abwärtsbewegung eigentlich kaum bremsen oder verändern kann?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> In Bereichen wie Bildung und Kultur zeigt sich am ehesten das ideologische Vakuum, das auch in anderen gesellschaftlichen und politischen Feldern herrscht. Hier ist weder die ständestaatliche Kultur noch der Schock, den der Fall der Berliner Mauer ausgelöst hat, überwunden. Das Vakuum erzeugt seinen eigenen Diskurs und sehr spezielle Sprecher.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Manchmal entwickle ich, quasi advocatus diaboli, für mich eine besonders gestörte, durchaus resignative Gesellschaftstheorie für Österreich, die besagt: Das eigentlich relevante kritische Potenzial für die österreichischen Verhältnisse, auch weil es das hierzulande am besten angelernte und eingeübte ist, wäre das katholisch-bürgerliche. In manchen katholischen Strömungen in diesem Land ist mehr an Empathie für diese Gesellschaft und Leidenschaft zu spüren als in den so genannten linken, sozialistischen, sozialdemokratischen Positionen zu sehen. Das ist ein bisschen gehässig formuliert und es ist auch eine schreckliche Position, weil man sich dann sofort in die Hände der Herrn Erhard Buseks und Andreas Khols dieser Welt begibt.</p>
<p>Ein bisschen so wie Thomas Bernhard, der auf die Nadelstreifsozialisten fluchte und letztlich immer wieder mit dem Aristotrachtenlook kokettierte. Aber auf der andern Seite habe ich schon so ein seltsames Gefühl, interessieren tut sich für uns und was wir machen, immer noch, wie soll man sagen, der Halbadlige von links mehr als der Linksradikale von rechts. Aber was ist mit dem Citoyen? Was ist der Citoyen, den wir gerne als Gegenüber haben/hätten, heute?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Vielleicht ein Staatsbürger, der sein Geschäft mit Leidenschaft betreibt, also der sich leidenschaftlich gerne in seine eigenen Angelegenheiten einmischt.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Also, der sich in dieser Rolle nicht nur definiert, sondern auch über sie zu berichten oder abzuhandeln weiß …</p>
<p><strong>Strouhal</strong> &#8230; und der Demokratie, im Besonderen repräsentative Demokratie, als Projekt betreibt. Mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit …</p>
<p><strong>Philipp</strong> … und Großzügigkeit.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Wenn beides fehlt, dann entsteht eine seltsame Demokratieferne oder besser: Ferne von den Institutionen der Demokratie. Man schätzt sie, aber will sich kaum mehr an ihnen beteiligen. Diese Situation ist im Moment, glaube ich, die vorherrschende.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Das heißt, der Citoyen ist von der Gesellschaft und von den Spielchen, die in ihr gespielt werden, per se denkbar weit entfernt oder ist ihr abhanden gekommen.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Der Bürger erlebt jetzt eine besondere Renaissance. Als Wutbürger, als saturierter Rabauke, also als Unbürger. Teile der Gesellschaft entfernen sich von den demokratischen Institutionen, als da wären Modernisierungsverlierer oder: Leute, die viel Angst haben. Den Gegentrend bilden – für die ältere Generation – die Grünen und – für die jüngere – die Piraten, eigentlich, und da stimme ich dir zu, bürgerliche Bewegungen.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Man kann ja sagen, die Grünen sind eigentlich die Kinder der Schwarzen. Restaurativ im eigentlichen Sinne des Wortes, wir bewahren unsere Gärten, unsere Häuser. Und liberal dort, wo es kein Geld kostet.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ja, man kann endlos über den Kopftuchzwang diskutieren, über die Homoehe. Das sind die Spielflächen, die das Kapital der Politik überlässt. In Wahrheit ist Politik heute der Spielraum, den die Banken der Gesellschaft überlassen, und Politik ein Diskurs, der auf die mildernden Umstände der Banken hofft. Und das verdrießt die Menschen.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Wenn du den Begriff des „Durchlauferhitzers“ ins Spiel gebracht hast, würde ich sagen, dass das im Prinzip ein antiösterreichisches Phänomen ist. Wir haben eher Durchlaufabkühler, also Personen oder Institutionen, die sagen: „Das und das ist notwendig, das frieren wir jetzt auf die Stufe so und so hinunter“, und dann mit diesem kleinen Eiswürfel im Whiskyglas spazierengehen. Der Durchlauferhitzer als Projektemacher ist aber das pure Gegenteil – in einem permanenten Zustand der Dauererregtheit, indem er Informationen mit sich und weiter trägt und versucht, sie möglichst schnell an den Nächstbietenden anzubringen.</p>
<p>Sehr schön beschreibt die österreichische Entfernung von diesem Projektdenken Robert Musil im <em>Mann ohne Eigenschaften</em>. Da ist die große staatliche Parallelaktion ja keine Aktion von Durchlauferhitzern, das ist eine von traditionell verhafteten Verfestigern.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ja, ausgestattet mit der Tugend unerhörter, sektionschefiger Stetigkeit. Der Durchlauferhitzer ist dagegen ein Entwicklungshelfer, bewaffnet, du hast es erwähnt, mit Leidenschaft, Großzügigkeit und vielleicht mit dem Talent zur Unstetigkeit. Dort, wo sich etwas verfestigt, wird der Projektmacher untreu &#8230;</p>
<p><strong>Philipp</strong> … und nervös. Nervosität ist ein drittes, ganz wesentliches Element, was von vielen als störend empfunden wird.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Stört ja auch, aber wenn Katatonie der Normalzustand ist, ist Nervosität eine Tugend. Ich bin lieber mit einem nervösen Menschen zusammen als mit einem apathischen, auch und gerade weil er mich nervös macht.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Wobei die Nervosität auch von den so genannten Institutionen ja nicht unbedingt als ein Positivum gesehen wird, sondern eher als eine die Stabilität verunmöglichende Charaktereigenschaft. Wenn jemand Visionen hat, soll er zum Arzt gehen, lautete das Verdikt, das man Vranitzky zuschreibt. Stellen wir uns folgende Situation vor: Wir haben eine relativ günstige ökonomische Basis. Wir könnten tun, was wir wollten. Wir wären tatsächlich in der Lage Projekte in Gang zu setzten, Dinge zu tun. Was würden wir tun?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Man könnte in zwei Richtungen denken. Einerseits über Dinge, die man schafft, zugleich könnte man aber über Dinge nachdenken, die man abschafft.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Was schafft man da ab?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Konkret, wenn ich ein reicher Sammler wäre, würde ich wahrscheinlich internationale Auktionshäuser besuchen und ein paar Dinge aus dem Verkehr ziehen. Damit sie nicht mehr auf die Nachwelt kommen.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Zum Beispiel? Was wären das für Reliquien, die es nicht mehr geben soll?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Na ja, kleine Vasen zum Beispiel. Die könnte man ankaufen und dann zertrümmern.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Also einfach erledigen.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ja, einfach erledigen. Vielleicht macht man noch ein Polaroidfoto, um einen Nachweis zu haben, eine Art Projektbericht.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Sehr schöne Idee, ein schönes Projekt. Wir haben uns vor unserem Gespräch zwar darauf geeinigt, dass wir Christian Reder nicht erwähnen, aber sei’s drum: Ich empfand ja immer als sein stärkstes Buch <em>Wörter und Zahlen. Das Alphabet als Code</em>, was im Grunde ein Text darüber ist, dass man im Text, den es gibt, immer einen anderen noch lesen könnte, indem man ihn – in diesem Fall mathematisch – anders lesbar macht.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ja, und zwar mit pataphysikalischer Genauigkeit. Die Buchstabenwerte werden in Zahlenwerte übersetzt, das hat, glaube ich, ein kabbalistisches Moment, ist aber keine Übersetzung, sondern ein Transfer.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Es ist etwas, was man fälschlicherweise als esoterisch lesen könnte, aber das ist es ja nicht. Es ist eher eine Konstellation oder eine Spielanordnung, in der der Autor ein hoch riskantes, sehr intensives Spiel betreibt und sagt: „Was kommt eigentlich dabei heraus?“ Und es kommt etwas heraus. Ist das eine konjunktivische Fantasie?</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Ich glaube, Fantasie braucht den Konjunktiv, aber Fantasie hat bald einer. Das Genie besteht aber darin, die gute Idee ein ganzes Buch lang, ganze Jahre lang weiter zu verfolgen. Für mich ist ein anderes Buch von Reder sehr wichtig, die <em>Forschenden Denkweisen. Essays zu künstlerischem Arbeiten</em>. Da sagt der Autor etwas über die Maschinen von Gironcoli, das Erzeugen „der eigenen, kreisenden, sich selbst unterbrechenden Kontinuität“, was vielleicht für ihn selber gilt. Er bringt die Dinge, Zitate, Gedanken in seine eigene, kreisende, sich selbst unterbrechende Kontinuität. Die finale Unterbrechung endet dann immer in einem Produkt und erfolgt durch den Drucktermin. Projektarbeit, Transfer geschieht immer unter Druck, insbesondere, wenn die Druckerei &#8230;</p>
<p><strong>Philipp</strong> … ein herrlich mehrdeutiges Wort…</p>
<p><strong>Strouhal</strong> … so viel Druck erzeugt, dass das Konjunktivische aus ist, raus muss, und dann darf das nächste Projekt beginnen.</p>
<p><strong>Philipp</strong> Wir können die Anmerkungen über die Bücher nachher auch kürzen, wenn wir das Wort Reder nicht erwähnen wollen. Ist aber blöd.</p>
<p><strong>Strouhal</strong> Einverstanden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Claus Philipp ist Kulturjournalist und leitet das Stadtkino Wien. </em></p>
<p><em>Ernst Strouhal ist Professor für Kunstsoziologie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zuletzt gab er gemeinsam mit Ulrich Schädler den</em> Band Spiel und Bürgerlichkeit <em>(Springer, 2011) heraus.</em></p>
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		<title>System des Staunens</title>
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		<pubDate>Thu, 27 Sep 2012 09:52:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p><em>Für Christian Reder</em></p> <p>Es gibt einen Ort, der sich allem Anschein nach dem Diktat des ubiquitären Textes entzieht, der sich gegen den Strich verhält, der die „Gegenfunktion“ bzw. ein älteres, „reifiziertes“ Medienregime konserviert. Die Wunderkammer, deren Nachfahr das Museum ist, indiziert, so könnte man argumentieren, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Für Christian Reder</em></p>
<p>Es gibt einen Ort, der sich allem Anschein nach dem Diktat des ubiquitären Textes entzieht, der sich gegen den Strich verhält, der die „Gegenfunktion“ bzw. ein älteres, „reifiziertes“ Medienregime konserviert. Die Wunderkammer, deren Nachfahr das Museum ist, indiziert, so könnte man argumentieren, dass die Geltung des Schriftmodells nicht ganz so absolut zu nehmen ist wie angenommen.</p>
<p>In der Wunderkammer ist eine Maschinerie am Werk, die eben nicht mit der Schrift operiert, sondern mit Gegenständen, mit Dingen, mit leibhaftigen Sachen und deren möglichst sensationellem Bildwert. In der Wunderkammer, so könnte man, die These Horst Bredekamps aufnehmend, sagen, wird der Hegemonie des Bildes ein Experimentallabor geschaffen.<sup>1</sup> Hier habe man eine Anstalt, die visuelle Assoziations- und Denkvorgänge, die den Sprachsystemen vorauslaufen, schult.<sup>2</sup></p>
<p>Bredekamp hat die Bedeutung, die die Wunderkammer für die Memoria hat, gewürdigt;<sup>3</sup> er schreibt den Objekten eine Bildhaftigkeit zwischen Begriffssprache und „esoterischen Bildern“ zu.<sup>4</sup> Dass das Wunderkammerobjekt bei Bredekamp sich in gewisser Weise zur Begriffssprache in Opposition und polar zu ihr stellt, scheint allerdings mit dem von ihm für die verhandelte Sache ins Spiel gebrachte modernen Sprachkonzept zu tun haben.</p>
<p>Betrachtet man nämlich das Wunderkammerobjekt aus der Perspektive einer archaischen, hieroglyphischen Text-Vision, lässt sich seine Funktion für die Sehnsucht nach einer moderne Schriftlichkeit überholenden Texttiefe leicht begreifen. Die Objekte der Kammer vertreten das Hieroglyphische an den Zeichen, und zwar unter dem Horizont einer <strong>universalen ersten Schrift</strong>.</p>
<p>Die Kammer folgt darin der Anordnung, die seit Ciceros Definition des topos als Fundstelle des <em>Thesaurus</em> Regulativ der Gedächtnisordnung gewesen ist. Sie ist als <em>Gazophylacium</em> tatsächlich nichts anderes als die Darstellung mnemonischer Potenz: der Schatz der Kammer entspricht dem Schatzhaus der Memoria. In beiden steht das „Protoplasma des Schatzes“<sup>5</sup> zur freien Bearbeitung.</p>
<p>Die Memoria fordert ja geradezu die Manifestation des Schatzes, insofern sie auch immer „Auswendigkeit“ ist und – das gilt nun in höchstem Maße für den Thesaurus der Renaissance – mit einer von der Unendlichkeit ihres Erfindungsreichtums besessenen Imagination kollaboriert. Man könnte sagen, dass die von Schlosser aufgezählten Inventar- System des Staunens gegenstände wie etwa Meteorsteine, Gigantengebein, Siegesstatuen, zweifelhafte Lebewesen in getrocknetem<sup>6</sup> oder eingelegtem Zustand, Reliquienkästen und seltene Trophäen<sup>7</sup> aus dem Thesaurus Memoriae in die Kammer entlassen worden sind: als eine Überfülle von <strong>Kryptogrammen</strong>, die zu ihrer Übersetzung einladen.</p>
<p>Wer das Glück hatte, in österreichischen Stiften und Klöstern die Wunderkammern besuchen zu können, die dort, vollkommen abseits der in vollstem Gange befindlichen Diskussion über die Bedeutung der Wunderkammer für eine Vorgeschichte des Museums, in splendid isolation vor sich hin existieren, kann sich ein Bild von der großen Unähnlichkeit machen, die diese verstaubten, verlassenen Sammelsurien mit der Lichtkugel des <em>nous</em> haben.</p>
<p>Im Halbdunkel zwischen gewaltigen Vorhängen und Vitrinen, Behältnissen aller Art und bizarrem Mobiliar ist der <em>locus memoriae</em>, der das taghelle Licht scheut, zur Welt gekommen. Natürlich befinden sich diese Räume, deren Existenz der Aufmerksamkeit der Fachwelt, die sich vornehmlich den feudalen Sammlungen zugewandt hat, entgangen ist, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Bibliothek,<sup>8</sup> die im Übrigen auch die Werke jener Autoren birgt, denen es allein bei der Vorstellung der Identifikation eines hauptsächlichen Seelenvermögens mit der Wunderkammer kalt den Rücken hinunter gelaufen wäre.</p>
<p>Trotzdem lässt sich sagen, dass die Idee des mnemonischen <em>Thesaurus</em> in zwei großen Linien verfolgt worden ist, deren eine durch die Kunst- und Wunderkammern und deren andere durch die Tomoi enzyklopädischer Monumentaltexte führt.<sup>9</sup></p>
<p><strong>Erholungsraum und Sanatorium </strong></p>
<p>Die Wunderkammer entspricht dem Bedarf an ritualisierten Formen der Zustandsveränderung; sie umfängt den vom gewöhnlichen Text verfolgten Besucher als Erholungsraum und Sanatorium und bietet dem monoton gewordenen Intellekt die ihn dem gewöhnlichen Leben entrückende Schon-Zeit an, nämlich einen starken sinnlichen Eindruck verbunden mit sprachlosem <em>Staunen</em>.</p>
<p>Die Erregung am Objekt bringt dem gesuchten Zustand nahe, der <em>vor dem gegenwärtigen</em> kommt, und zwar als sein Paradies. Die Sprachlosigkeit des angestrebten Sich-Wunderns lässt tatsächlich wieder an Bredekamps Bild-Schrift- Opposition denken; aber die Versetzung in den Zustand des <em>infans</em>, also in den des nicht sprechenden, im Wunder- Kontakt mit der Welt befindlichen frühen Bewusstseins, enthebt noch lange nicht des stets und überall aufgegebenen Lesens, was sich auch im Falle des Träumens feststellen hat lassen.</p>
<p>Das Wunder der Wunderkammer scheint vielmehr darin bestanden zu haben, dass der Betrachter im Bestaunen der Dinge in jenen ersehnten Zustand geriet, der auch das Wesen der Traumwelt ausmacht: er wurde zum <em>infans</em>, dem Nicht-Sprechenden, das immerhin die Hieroglyphen lesen konnte.</p>
<p>So behauptet Neickel in seinem Traktat, in dem er versucht, Geschichte und Begriff der Kunst- und Wunderkammer zu definieren, man könne mit Recht „über die Thüre eines solchen Musei setzen (…): hier findet man Bild und Unterschrifft“.<sup>10</sup> Die Kammer ist also der Ort, an dem der hieroglyphische oder emblematische Text „wohnt“ und der folglich dem Besucher die Gelegenheit bietet, mit diesem Text in Kontakt zu kommen.</p>
<p>Das Wunderkammerobjekt übt im besten Falle bei seinem Betrachter nicht so sehr eine belehrende, als vielmehr eine integrative Wirkung aus. Beim Anblick des <strong>aenigmatischen</strong> Objekts findet die Zustandsveränderung statt, die sich nur insofern von demjenigen des Traums unterscheidet, als das, was im Traum <em>erlitten</em> wird, in der Wunderkammer zur <em>Methode</em> wird. Die Wunderkammern bis hin zu Athanasius Kirchers Museo am Collegium Germanicum in Rom können als experimentelle Dispositive oder Inszenierungen desjenigen Zustands deklariert werden, in den der Träumer planlos verfällt.</p>
<p>In der Wunderkammer wird der Aufstand gegen die Verlustbilanz des Schlafes geprobt, der sich im Aufwachen zugleich mit dem adamitischen Paradieszustand davonmacht. Die hieroglyphischen Objekte werden, nach dem initiierenden <em>thaumazein</em>, mit Hilfe der ihnen zugehörigen<em> inscriptio</em> in ein Tableau emblematischer, schriftförmiger Weltlichkeit übersetzt. Geübt wird also der <em>Introitus in die Schriftlichkeit</em> aus dem Anderen der Schrift, der Übergang vom archaischen <em>fans</em> (dem <em>INFANS</em> der modernen Sprachlichkeit) zum <em>fans scribens</em> (<em>schreibendes Sprechendes</em>).</p>
<p>Man überspannt den Bogen sicher nicht, wenn man behaupten wollte, die Wunderkammer sei nichts anderes als dasjenige Forum, auf dem die Initiation in die Übersetzung von der einen Schrift, die hieroglyphischobjekthaft und fremdartig ist, in die bekannte Schrift und Ordnung geübt und wiederholt wird, und zwar mit nicht geringer Lust und mit einigem Erkenntnisgewinn. In der Wunderkammer wird nicht, wie Bredekamp meinte, die Schrift zugunsten des Bildes dekonstruiert; es wird vielmehr szenisch nachgespielt, wie es zur Schrift kam, wie die Schrift, nämlich die unsere, emergierte.</p>
<p><strong>Urtümliche Hieroglyphenhaftigkeit </strong></p>
<p>Die Wunderkammer ist also die „Versetzungsanstalt“, der Ort, an dem das <em>Früher</em> der Schrift gilt, an dem die Relevanz der urtümlichen <strong>Hieroglyphenhaftigkeit der Objekte</strong> in Szene gesetzt wird. Wir sehen hier also etwas, dem wir keinen Namen geben können und sind deswegen gewissermaßen <em>erkenntnistheoretisch erregt</em>. Außer der Anspielung auf die Hieroglyphen, auf die Sensationalität oder gar Monstrosität der Objekte, die in der <em>Rhetorica ad Herennium</em> von besonders einprägsamen Gedächtnisbildern gefordert worden war,<sup>11</sup> scheint sich die Logik der Wunderkammer seitens der Objektdisposition auch auf die archaische Mnemo-Ordnung der architectura zu berufen. Lektüre und „Spatziergang und öffentliche philosophische Bahn“<sup>12</sup> (Neickel) sind schließlich zwei sich voneinander unterscheidende, gleichwohl aufeinander hingeordnete kognitive Vollzüge.</p>
<p>Ferner kann das <strong>Gehäuseartige des räumlichen Arrangements</strong> seit dem studiolo als Evokation der alten Leibmaschinenfunktion des Urhauses oder Zimmers aufgefasst werden. Man ist hier eindeutig „Leib im Raum“, was nur dem Rückfall oder transgressus in einen Zustand a priori, <em>vor</em> dem Alphabet, förderlich sein kann.</p>
<p>Das „Einbringen“ des Leibes ist aber hier, ebenso wie im Traum, Bedingung der Möglichkeit der Übersetzung: erst aus der Versetzung in denjenigen Zustand, in dem der Gebrauch der Begriffe nicht mehr hinreicht, folgt der Übersetzungsbedarf mit Notwendigkeit. Das Herumgehen, also die Realisierung dessen, was in der alten, an der Architektur orientierten Mnemonik imaginär beherrschte Übung war, ist zugleich der Gang ZURÜCK, die Regression.</p>
<p>Damit wird die ursprünglich tatsächlich von der Disposition des Leibes her aufgeworfene Thematik der Zustandsveränderung an ihrem dramatischen Punkt berührt, nämlich dort, wo <em>Zustände „ohne Worte“, die von monströsen, vergegenständlichten Zeichen regiert werden, die älteste Schicht des Gedächtnisses bilden.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p><sup>1</sup> Horst Bredekamp: <em>Antikensehnsucht und Maschinenglauben. Die Geschichte der Kunstkammer und die Zukunft der Kunstgeschichte</em>, Berlin 1993, bes. S. 102</p>
<p><sup>2</sup> ebda.</p>
<p><sup>3</sup> „Die Kunstkammer wird zu einem Analogon des Gehirns der Menschheit, das die gelöschte Weisheit des Paradieses allmählich zurückgewinnt.“ Ebda., S. 44</p>
<p><sup>4</sup> ebda., S. 76</p>
<p><sup>5</sup> Julius von Schlosser: <em>Die Kunst- und Wunderkammer der Spätrenaissance</em>, Braunschweig 1978, S. 3</p>
<p><sup>6</sup> In Kirchers <em>Museo</em> gab es einen Sirenenschwanz, s. <em>Romani Collegii Soc. Jesu Musaeum celeberrimum (&#8230;) G. de Sepibus</em>, Amstelodami, Ex Officina Janssonio-Waesbergiana 1678, Cap. VI</p>
<p><sup>7</sup> ebda., S. 4-6</p>
<p><sup>8</sup> s. dazu: Iusti Lipsii: <em>De Bibliothecis Syntagma</em>, Editio Tertia, Ex Officina Plantiniana, Apud Balthasarem Moretum, &amp; Viduam Ioannis Moreti, &amp; Io.Meursium 1619, bes. Cap. I, p. 9: „Bibliotheca tria significat, Locum, Armarium, Libros. “</p>
<p><sup>9</sup> s. dazu Adalgisa Lugli: <em>Naturalia et mirabilia. Il collezionismo enciclopedico nelle Wunderkammern d’Europa</em>, Milano 1983</p>
<p><sup>10</sup> C.F. Neickel: <em>Museographia oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlicher Auslegung der Museorum oder Raritäten-Kammern</em>, Leipzig und Breßlau bey Michael Hubert 1727, S. 7</p>
<p><sup>11</sup> „Aber sehen oder hören wir etwas ausnehmend Schändliches, Unehrenhaftes, Ungewöhnliches, Bedeutendes, Unglaubliches, Lächerliches, so prägen wir uns dies gewöhnlich für lange ein (&#8230;) und das kann aus keinem anderen Grund vorkommen als deswegen, weil gewöhnliche Vorkommnisse leicht aus der Erinnerung entschlüpfen, auffällige und neuartige länger im Sinn haften“ <em>Rhetorica ad Herennium</em>, a.a.O., S. 174</p>
<p><sup>12</sup> s. Neickel, a.a.O., „Versuch einer deutschen Übersetzung des Wortes ,Galleria‘“, S. 409</p>
<p><em>Elisabeth von Samsonow, geboren 1956, ist Professorin für philosophische und historische Anthropologie der Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt erschienen</em> Egon Schiele – Ich bin die Vielen <em>(Passagen Verlag , 2010) und</em> ELEKTRA. Die Geburt des Mädchens aus dem Geiste der Plastik. Auf Friedrich Nietzsche <em>(Schlebrügge Editor, 2011).</em></p>
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		<title>Über das inhaltlich Qualitative des Transfers im Kunst- und Wissenstransfer</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Sep 2012 09:59:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Es verkehrt ein Anglizismus heute an den verschiedenartigsten Orten – des Worts „Transfer“, das wiederum auf das Lateinische zurückgeht: Transferieren = Übertragen (vom Einen zum Anderen). Besonders wissenschaftliche und künstlerisch-gestalterische Ausbildungs- und Forschungswie Entwicklungsinstitutionen haben heute alle eine Abteilung, die den Titel des Wissens- und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es verkehrt ein Anglizismus heute an den verschiedenartigsten Orten – des Worts „Transfer“, das wiederum auf das Lateinische zurückgeht: Transferieren = Übertragen (vom Einen zum Anderen). Besonders wissenschaftliche und künstlerisch-gestalterische Ausbildungs- und Forschungswie Entwicklungsinstitutionen haben heute alle eine Abteilung, die den Titel des Wissens- und Kunsttransfers führt.</p>
<p>Darin steckt aber eine, vom Kulturellen her gesehen, verludernde Wortwahl trotz des globalisierenden Anglizismus oder wegen seiner, schaut man sich die überwiegend übliche Praxis der unter dem Namen verkehrenden Abteilungen an. Dann bemühen sie sich nur um das Verkaufen von Wissen und Entwicklungen an die Wirtschaft und um das Einwerben von Förderungsgeldern für das Realisieren von Wissenserzeugungen und Entwicklungen, demnach einerseits Nachkasse und andererseits Vorkasse. Sie entsprechen also gewöhnlich in ihrer Tätigkeit der heute so gesteigerten Ideologie des Ökonomismus aus ihrem völlig verengten Verständnis des Transferierens heraus.</p>
<p>Nun soll das Wort Verludern nicht wieder einmal im Ideengeschichtlichen, Geisteswissenschaftlichen, Kulturellen das Ökonomische verächtlich machen. Vermarktung und Verwertung des Geleisteten oder zu Leistenden über den so charakterisierten freien Markt sind unter den gegebenen Verhältnissen und Bedingungen, die man nur sektiererisch zu unterlaufen vermag, soweit ganz in Ordnung, wären da in den Drittmittelverträgen nicht so oft jene Paragraphen, nach denen der freimarktliche Geldgeber, also Käufer der erst werdenden Ware Wissen/Gestaltung oder der schon produzierten, sich vorbehält, über eine allgemeine Veröffentlichung ohne Rücksichtnahme auf die Forscher, Entwickler, Gestalter zu entscheiden.</p>
<p>Zwar ein Umstand gesellschaftlicher Ungerechtigkeit darin ließe sich durch genauestes Nachrechnen noch steuern, nämlich der Umstand, dass die gemeinten Institutionen des Forschens, Entwickelns und Gestaltens europäisch gewöhnlich staatlicher Art sind, also aus allgemeinen Steuergeldern erhalten und betrieben werden. Und ohne genaues Nachrechnen, das sich Vollkostenrechnung bis zum letzten Bleistift und der letzten Arbeitssekunde der staatlich entlohnten Mitarbeiterschaft nennt und auch einen Anteilsfaktor zu den Grundinvestitionen für die Hervorbringung der Institution enthält, wäre das sonst privates Ausbeuten öffentlicher Aufwendungen in Konkurrenz gegen andere, die genauso steuerzahlende Mitglieder dieser Öffentlichkeit sind.</p>
<p>Aber, wie gesagt, die echte Vollkostenrechnung würde die darin hausende Ungerechtigkeit vermeiden lassen, selbst in Zeiten, wo die soziale Deckung privat veranstalteter Verluste in Rettungsschirmen für Banken zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, begleitet allerdings von marxschen Einsichten bei jedem, selbst bei den Analphabeten, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, und dass solchen Sinns Kapitalisten schon immer Sozialisten waren, sich selber also verachteten, wenn sie auf den Sozialismus schimpften.</p>
<p>Selbst wenn der ökonomisch messbaren Ungerechtigkeit entgegengesteuert werden kann, in unserem Fall einer Finanzierung von Forschen, Gestalten und Entwickeln durch Drittmittel, so bleibt in deren üblichen Verträgen mit der Veröffentlichungskontrolle durch die Geldgeber eine Unverschämtheit geschichtlicher Dimension.In unserem Aufklärungsverständnis seit der Antike sind Wissen, Entwickeln, künstlerisches Gestalten auf Veröffentlichung allgemeiner Art intentional gerichtet, das gehört zu ihrem Charakter. Geheimwissen ist ein Schlag ins Gesicht des Aufklärungs- Wissens, auch des Wissens der Technik.</p>
<p>Und das Gleiche gilt für die Künste intentional. Hier wird es aber historisch noch um einiges schwieriger, weil es eben den freien Markt der Künste gibt, auf dem Kunstproduktionen privatisiert werden. Jedoch auch vor ihm wurde etwa künstlerische Ausstattung der Paläste, der Sakristeien und so weiter einer allgemeinen Öffentlichkeit entzogen hin zu einer speziellen Öffentlichkeit. Aber immer setzten die künstlerischen Produzenten darauf, dass privates Interesse oder auch Interessen spezieller Öffentlichkeiten dazu führen würden, eine allgemeine Zugänglichkeit zu privatisierter Kunst immer einmal wieder zuzulassen, mindestens von deren Existenz der Öffentlichkeit Kunde zu geben.</p>
<p>Demnach regiert auch hier der Intention nach das Streben in die allgemeine Öffentlichkeit. Sponsorenverträge von heute wollen diese historisch sich realisierende Intentionalität unterlaufen und damit dem Wissen, der Technik und den Künsten ihren Aufklärungscharakter entziehen. Das geschieht auf der Basis eines völlig verengten Transferbegriffs, der dazu einen ökonomistischen Formalismus bloßen Austausches bei rein quantitativem Geldmedium reitet.</p>
<p>Als ob Transferieren = Übertragen nicht auch eine reich inhaltliche Seite hätte, den Formalismus transzendierend. Den verengten Transferbegriff würde man darum besser als Vermarktung bezeichnen oder in dem heute so geliebten Denglisch als Marketing, entsprechend ergäbe das die Abteilungsnamen. Das wäre dann ja gegen alle möglichen Missverständnisse, von der angezeigten Privatisierung des Wissens zu Geheimwissen abgesehen, soweit in Ordnung.</p>
<p><strong>Felder der Hermeneutik</strong></p>
<p>Nun aber Kunst- und Wissenstransfer, Kulturtransfer, Kulturentransfer inhaltlich genommen und vom deutschen Übersetzungswort Übertragen her gedacht, so hat das gar mit Übersetzen zu tun. Will man das nicht aus der Seefahrt heraus verstehen, obwohl darin auch schon Tiefen und Untiefen unserer Angelegenheit sich regen, dann geht es um ein Übersetzen aus Sprachen in Sprachen. Und sofern verstehendes Übersetzen vorliegt, bewegen wir uns dann schon in Feldern der Hermeneutik gemäß der These, alles Übersetzen sei ein Deuten.</p>
<p>Bekannt wurde in den Literaturwissenschaften international das Konzept von Walter Benjamin („Die Aufgabe des Übersetzers“), nach dem man eine Übersetzung sprachlich den Sprachlichkeiten der Sprache, aus der man übersetzt, bis an die Absurditätsgrenzen anpassen solle, bis an die Unverständlichkeitsgrenzen, damit die Sprache, in die man übersetzt, von der Sprache, aus der man übersetzt, lerne, statt einen Text, den man übersetzt, den vorliegenden Sprachlichkeiten der Sprache, in die man übersetzt, anzupassen, ihn einzuglätten.</p>
<p>Ich las einmal einen Text von Ernst Bloch in der Übersetzung zum Amerikanischen und ich glaubte vom Sprachlichen her, ich befände mich in einem Text von Ernest Hemingway. Das unterschlägt selbstverständlich vom Amerikanischen her jeden Zugang zu Blochs Sprachlichkeit. Man lernt in der Übersetzungssprache nichts von der Sprachlichkeit des Übersetzten im Original. So wird das Konzept Benjamins ganz einleuchtend.</p>
<p>Dennoch hat dieses Anpassen der Sprache, in die zu übersetzen ist, an die Sprachlichkeit des zu Übersetzenden seine Grenzen. Wenn man das Nachwort des Übersetzers zur Übersetzung vom berühmt gewordenen Buch John Austins <em>How to Do Things with Words</em> in der deutschsprachigen Ausgabe des Reclam Verlags liest, dann stößt man auf den Hinweis, dass es sich bei der Übersetzung bis zu einem Drittel nicht mehr um eine eigentliche Übersetzung handele.</p>
<p>Denn in dem Maß, in dem Austin über Alltagssprache schreibe, wähle er seine vielen Beispiele aus der Alltagssprache. Alltagssprachen seien aber nun einmal bilderreich. Und die Sprachbilder der Alltagssprachen seien in allen Sprachen andere. Man kennt das aus der Schule: „It rains cats and dogs“ lässt sich nicht ins Deutsche übersetzen mit den Katzen und Hunden im Sprachbild. Man muss austauschen zu: Es regnet Bindfäden. Und so musste der Übersetzer bei Austin laufend andere Bilder aus der deutschen Sprache einsetzen bis an die Grenzen der Nachdichtung.</p>
<p>Konzepte über Konzepte fürs Übersetzen und man merkt, Übersetzung bietet nur Überschnitte des Entsprechens zum Übersetzten, nicht eine analoge Wiedergabe. Und die Differenz zur analogen Wiedergabe macht die Spielräume des Deutens aus, der Hermeneutik, für die ein Überschnitt im Entsprechen gemäßer ist als Wiedergabe im Sinn der Analogie. Denn in der Analogie ist eine Exaktheit gemeint, die der Schwankens- und Mutmaßenskunst der Hermeneutik nicht gerecht zu werden vermag.</p>
<p>Bis in solche schwierigen, sumpfigen unsicheren Ebenen reichen die Probleme des Kunst- und Wissenstransfers, gewiss sind auch sie voll mit Austausch beschäftigt, von Bild in Bild, Wort in Wort, Satz in Satz, Zeichenart in Zeichenart, sie haben mit dem Gleichungswesen zu tun in Gleichwerdenwollen, vermittelt durch Abstandnahme und immer wieder Abstandnahme. Darin findet sich, mit Michel Foucault gedacht, hoch allgemeine Struktur-Korrespondenz zu Marketing, aber eben nicht im Sinn eines zu beschleunigenden, versimpelnden, banalisierenden Gleichsetzens um jeden Preis, damit man so viel Geschäfte wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich abschließen kann.</p>
<p><strong>Notwendiger Idealtypus</strong></p>
<p>Im Gegenteil, das Gleichsetzen ist unterwegs zum Herauskehren dessen und Klarmachen dessen, was in die Gleichungen nicht aufgeht. Ich spiele hier an auf die Auseinandersetzung Theodor W. Adornos mit der Wissenschaftsmethodologie von Max Weber. Adorno („<em>Einleitung zu den Studien über den autoritären Charakter</em>“) spricht darin vom Identifizieren, nicht gerade Gleichsetzen, aber zwischen Identifizieren und Gleichsetzen besteht nun einmal eine Entsprechung.</p>
<p>Adorno erklärt den Idealtypus, dessen Erzeugung die wissenschaftliche Forschung betreibe, für einsatznotwendig in der wissenschaftlichen Arbeit, aber nicht, damit wie bei Max Weber dieser Idealtypus durch prüfendes Durchgehen des jeweiligen Materials immer wahrscheinlicher gemacht würde, sondern um mit ihm, dem Idealtypus, gerade zu erfassen, was unter ihn nicht passt. Insofern kennt auch Adorno eine Art Falsifikationstheorem wie Karl Popper.</p>
<p>Oder anders: Zum Transfer gehört auch das aus dem Transfer Herauskippende, vom Waggon-Fallende, Überbordgehende. Insgesamt ist also Transfer = Übertragen im Kulturbezug ein sich in sich wandelndes Hin und Her über Übersetzungsmedialitäten, die bei Gebrauch sich ebenfalls wandeln in den Überschnitten der Kulturen, heißt ihrer Produktionstypen wie Produktergebnisse als Mischungen oder Montagen. Und nicht nur in den Überschnitten der Kulturen ein Hin und Her per Analysen und Partialsynthesen, sondern es handelt sich dabei auch um ein entsprechendes Hin und Her zwischen den Sehwelten der Bilder zusammen mit Bewegungsbildern und den Hörwelten der Ton- und Rythmuskombinationen und den Geschmackswelten im Stoffaustausch und den Gerüchewelten der Nasen und den Widerstandswelten des Fühlens von den Fingerspitzen bis in das Innenbefinden, demnach handelt es sich eben auch um das Crossover der fünf Sinne im ständigen gegenseitigen Beeinflussen der Medien durch das von ihnen Transportierte vice versa.</p>
<p>Es geht also, in der Begrifflichkeit der Debatte um Transfer ausgedrückt, um Transfer zwischen Kunst und Wissenschaft, um Transfer zwischen den Künsten und zwischen den Wissenschaften und solchen Mikrosinns auf der Makro-Ebene um Transfer zwischen den Kulturen. Protheus-Wesen des Transfers, nicht wahr?</p>
<p>Während der ökonomistische Formalismus marktgerecht nur den quantifizierenden Austausch und dessen quantifizierenden Verkehr kennen will, nicht das qualitativ Produktive darin. Die Politik hat sich dem völlig ihre letzte übrig gebliebene Hauptaufgabe des Rankens und Evaluierens die Bezifferung sämtlicher qualitativer Leistungen und qualitativer Genüsse ihren Mitarbeitern abverlangt. Nur das Abzählbare existiert, ich zähle und ich werde gezählt, ausgezählt – also bin ich, ein Infantilisieren in die kindlichen Abzählverse hinein.</p>
<p>Innerhalb einer aufs Abzählbare, Auszählbare, Zuzählbare reduzierten Welt muss trotz des Zusammenhangs von Zahl und Erzählen, vielmehr durch Vernichten dieses Zusammenhangs, das Medium unbeeinflussbar sein durch das von ihm Transportierte wie das Transportierte unbeeinflussbar vom Medium, Codierungen und Decodierungen unterliegen einer unwandelbaren Gleichsetzung als ihre Arbeit, das nennt man Erstarren, Versteinern in aller Beweglichkeit des absoluten Verkehrs nur um seiner selbst willen. Dieser Schein der Beweglichkeit erzeugt sich ja nur aus dem Vordringen der differenziellen Analyse in die Nanobereiche, doch überall landet das Vordringen der differenziellen Analyse wieder bei der Starre der Zahl.</p>
<p>Daher gilt für die Verkehrsstruktur im ökonomistischen Formalismus das Bild von der Fähre samt dem Fährmann, die man kurz nach Gebrauch wieder vergessen hat, so wie der Fährmann seine Transport-Kunden nach Erhalt des Fährgelds. Dem steht für eine antiformalistisch qualitative Sicht auf Verkehr der Mythos vom Jesusträger Christophorus entgegen, beide vergessen einander nicht und sind durch einander anders geworden. Also inhaltliches Verwandeln in Gegenseitigkeit durch Verkehr.</p>
<p>In Hinblick auf diese beiden Bilder kann ich jetzt verdeutlichend sagen, dass ich trotz Christophorus nicht vollständig gegen die Fährmänner und ihr Fähren bin. Als Faktoren sind sie von Realitätssinnigen anzuerkennen, nur nicht als alles verschluckende Grundmuster. Also auch formalisierende Ökonomie muss als eine Ebene menschlicher Gesellschaft gesehen werden, das ist etwas anderes, als sich ökonomistischem Formalismus zu unterwerfen.</p>
<p>Die umrissene qualitative Auffassung von Transfer, dieser so hoch bedeutsamen Angelegenheit der Menschenwelt, zu allen Kurzdefinitionen des Menschen könnte man ja hinzufügen, der Mensch sei ein durch und durch transferierendes Wesen, ohne dass man den Tieren Transferieren absprechen müsste, das geht ja auch bei allen anderen Kurzdefinitionen nicht, nur sind Tiere diese Züge der Kurzdefinitionen nicht durch und durch, also die qualitative Auffassung vom Transfer entwickelte sich mir im Ärger über das Entstehen des ökonomistischen Transfers im Bereich der Kulturproduktion mit seinen alles ergreifenden und banalisierenden, stumpfsinnig machenden Ansprüchen.</p>
<p>Und da kam es zur Begegnung mit Christian Reder, der schon längst an der Ausbildungs- und Forschungsausrichtung hin auf die Problemfelder einer qualitativen Transferauffassung für Kunst- und Wissenstransfer arbeitete. Er organisierte seine Lehrkanzel an der Universität für angewandte Kunst hin auf eine Institution, die im Blick auf ihre nun schon jahrzehntelange Arbeit zu Recht in den letzten Jahren den Namen eines Zentrums für Kunst- und Wissenstransfers führt, zu Recht weil anders arbeitend als die Marketing-Abteilungen der anderen Kunsthochschulen, die mit dem Namen nur Etikettenschwindel betreiben.</p>
<p>Unter anderen Projekten entwickelte er das ganz große Konzept eines Forschens und Gestaltens unter den Bedingungen eines Erfahrens von historisch enorm herausgehobenen Transfergegenden um Europa herum und in seinen Rändern, die als solche gerade im Sinn des qualitativen Transfers dem üblichen Bewusstsein gar nicht so präsent sind. Da wurde zum ersten Damaskus genommen (Reder/Ferfoglias Buchtitel <em>Transfer Projekt Damaskus</em>, Wien 2003), jene Gegend der Wanderbahn in menschheitlicher Dimension, nämlich der großen Wanderbahn aus Afrika nach Europa und Asien, und schließlich per Asien im Grunde auch nach Amerika über die Beringstraßen-Aleutenbrücke.</p>
<p>Bis heute versammelt Damaskus alle möglichen Religionen des Christentums zum Islam hinzu und damit deren Kulturen. Während allerdings die Juden, die auch lange zu Damaskus beigetragen haben, rausgeekelt wurden, schließlich gibt es ja die Dauerfeindseligkeit gegen Israel mit Unterstützung der Kriegsakte des Terrorismus. Diese Sperrlage entspricht eigentlich dem allgemeinen Bewusstsein aus Europa heraus seit der Ausbreitung des Islam viel stärker, als handele es sich beim Rand des östlichen Mittelmeers eher um einen Sperrpass als um eine Transfergegend, was sich aber durch alle früheren Zeiten bis vor kurzem historisch widerlegen lässt, außer für Angst schürende Ideologien gegen den Transfer in kultureller Hinsicht. Denn das Wirtschaftliche hat sich ohnehin nie um diese Ideologien gekümmert, außer man konnte sie zum Entladen von Aggressionen einsetzen für das Beherrschen von Wirtschaftszonen zwecks ausbeuterischen Austauschs.</p>
<p>Die nächste weite Randzone zu Europa, die man nun im allgemeinen europäischen Bewusstsein eher als die durch Natur entschiedene Sperre auffasste zwischen Weltteilen und die doch historischer Wahrheit nach einen weiten Transferbereich ausmacht, das war die Sahara (Reder/Semotans Buchtitel <em>Sahara. Text und Bildessays</em>, Wien 2004). Die riesige Wüste verhält sich nämlich wie das Meer, zwar unterdrückt sie sich nicht vorbereitenden, unausgerüsteten Spaziergangsverkehr, aber dem Ausgerüsteten und Vorbereiteten schafft sie Weiten für von Grenzen und Kleingruppeninteressen weithin unabhängiges Transferieren, Transportieren.</p>
<p>Verwandtes gilt für die Steppenzonen ab der Nordküste des Schwarzen Meers gen Osten, nun mit Anschluss an die Donau, diesem weit ausgreifenden Transfersystem einer Flusslandschaft gen Westen (Reder/ Kleins Buchtitel <em>Graue Donau, Schwarzes Meer</em>, Wien 2008). So also diese drei Randzonen des Europäischen mit historisch besonders gesteigertem Transfercharakter, daran orientierte sich das Redersche Konzept.</p>
<p>Man hätte selbstverständlich auch weitere Randzonen nehmen können oder die Liste variieren. Doch so wurden für Europas Geschichte die wichtigsten eingefangen. Und irgendwo muss man als endliches Wesen einmal anfangen, und man kommt zu angestanden habenden Fragefeldern selbst bei höchst weiter Konzeptanlage kaum an einen vervollständigenden Schluss in allen Angelegenheiten, alle Abschlüsse mit dem Schein von Vollständigkeit haben einen erzwungenen Charakter.</p>
<p>Klar, dass vom Ausbildungs- wie Forschungsgesichtspunkt her innerhalb des jetzt umrissenen Allgemeinkonzepts und gemäß der hier gezeichneten Charakterbestimmung von Transfer nur Projektstudium und Projektforschung in Frage kamen. Was alles der Projektgedanke zu umfassen und zu enthalten vermag, dazu hat Reder, wiederum beiherlaufend, ein groß angelegtes Projekt durchgezogen mit vielen Beiträgen vieler Mitwirkender in Diskussion darüber und das in einem umfangreichen Buch veröffentlicht: <em>Lesebuch Projekte</em>.</p>
<p>Es gibt wohl nichts Vollständigeres zum Thema als dieses der Fragmentarik und Unvollständigkeit nachgehende Buch. So viel soll in Kürze festgehalten werden: Projektcharakter in Ausbildung wie Forschung setzt bei genügend wichtiger Praxisproblematik ein und erfordert darum interdisziplinäres Arbeiten. In beidem meldete sich mit Hinblick auf das Konzept der drei Transfergegenden Fragwürdigkeit an. Zum einen aus Zeitmangel musste sich der Praxisbezug sprechend-gesellschaftliches Wesen ist, liegt all seiner Praxis als erste Praxis Verständigung zu Grunde.</p>
<p>Das Wichtigste der Praxis kam also trotz der Beschränkung in den Blick. Das Interdisziplinäre aber, das die nächste Fragwürdigkeit aufwirft, darf nicht als der kleinste gemeinsame Nenner der Disziplinen verstanden und so eingesetzt werden. Demzufolge setzt das Interdisziplinäre eine Mitarbeiterschaft der aufs Beste Fachorientierten voraus, die zugleich über Verständnisgrundlagen der mitwirkenden Disziplinen verfügen. Erst so werden sie qualifizierte Diskussionspartner für die Anderen, können den anderen Fachsprachen folgen und in ihnen sich äußern, so wie der sprachliche Übersetzer in beiden Sprachen, zwischen denen er übersetzt, oder in dreien oder vieren kompetent sein muss.</p>
<p>Allerdings lauert immer der Witz im Hinterhalt, in dem einmal ein Papst die Erhebung eines empfohlenen Kardinals, empfohlen, weil dieser so viele Sprachen beherrsche, zum Kardinalstaatssekretär verweigerte, mit dem schlagenden Argument, aber der Empfohlene habe in den vielen Sprachen, die er beherrsche, nichts zu sagen. Wo lauern solche Hinterhalte allerdings nicht?</p>
<p>Doch gerade fürs Interdisziplinäre haben wir in der euroamerikanischen Kulturgeschichte zwei Modelle als Fächer oder Disziplinen, die aus der Gegenstandsbestimmung ihrer Angelegenheiten heraus immer schon das Interdisziplinäre auf höchstem Niveau zentral betreiben mussten, die Kunstgeschichte und die Ethnologie. Wie hätte sonst etwa aus der Ethnologie heraus durch Claude Lévi-Strauss die von ihm darin entwickelte Methode des Strukturalismus für alle Wissenschaften und für Kunst- und Gestaltungsorientierungen gültig werden können?</p>
<p>Und nicht zu vergessen die Philosophie, wenn man sie begreift als die Spezialisierung auf das Allgemeine. Niveaumangel liegt also allemal nicht begründet im Interdisziplinären selber, sondern allenfalls in seinem Missbrauch, der es zerstören möchte. Was wiederum für alle Fächer oder Disziplinen menschlicher Tätigkeit gilt. In allem Interdisziplinären wie Transferialen aber darf nicht allein und verabsolutierend, ja nicht einmal im Hauptgewicht das Zusammenbringen von allem, die große Kommunion gefeiert werden, obwohl sich verständigen möchten die Mathematik mit der Kunstgeschichte, die Chemie mit den Literaturwissenschaften, der Expressionismus mit der Konkreten Kunst und beide mit der mittelalterlichen Buchmalerei etwa.</p>
<p>Doch es geht um interdisziplinäre Diskussion, von altem Wortsinn her ein Auseinanderschneiden, und um interdisziplinären Diskurs, von altem Wortsinn her ein Auseinanderlaufen, also um das hoch Differenzielle im Widerstand gegen Verallgemeinerung. Hierzu kann man viel lernen einmal von Adorno (Negative Dialektik), zum anderen von Jacques Derrida (Dekonstruktivismus).</p>
<p><strong>Kunst und Forschung</strong></p>
<p>Für die Projekte am von Reder begründeten Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer spitzt sich dieser Gesichtspunkt zu auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Forschung. Hier zuvor hatte ich schon gerade mit Notieren von Adorno und seiner wissensmethodologischen Auseinandersetzung mit Max Weber kürzesten Verweis auf das angezeigt, was aus den Zügen der Verallgemeinerungsprozesse in der Forschung herausfällt und doch das Wichtigste zu sein hätte, also Adornos Ineffabile, das Unaussagbare, das Unausdrückbare, das Unableitbare, zu dem ja schließlich auch das Neue im Neuen gehört.</p>
<p>Denn um des Neuen willen ist es zwar vom Alten vermittelt, mindestens schon neu nur im Vergleich zu ihm, dem Alten, doch bewegt sich ein Faktor der Anschlusslosigkeit darin, sonst wäre das Neue nicht neu. Schon wieder eine Begegnung mit Reder, diesesfalls mit seinem Buch zu <em>Forschende Denkweisen</em>. Ja, einig darin mit ihm: Kunst ist Forschung.</p>
<p>Und weitere Einigkeit mit Reder darin: Und doch unterscheiden sich Züge der Kunst von denen wissenschaftlichen Forschens. Wissenschaftliches Forschen muss verallgemeinern, das tut in manchen Zügen auch die Kunst und dort fällt sie mit dem wissenschaftlichen Arbeiten auch zusammen, etwa im Arbeiten an der Zentralperspektive und der Anatomie des lebendigen Leibs in der Renaissancekunst, dem Arbeiten des Manierismus an den Metamorphosen des natürlichen Sehens und des Sehens durch die Sehprothesen, dem Arbeiten des Impressionismus an der räumlichen Wirkung der Farben, an der Dekonstruktion der Lokalfarbe.</p>
<p>Wiederum finden sich Züge funktionaler Einordnung künstlerischer Gestaltung in die wissenschaftliche Arbeit, die Illustrationsarbeit der Forschungsexpeditionen begleitet habenden Künstler, sie erst brachten die Bilder der neuen Welten mit nach Hause. Doch bleibt der Zug des Künstlerischen gegen das Verallgemeinern in wissenschaftlicher Forschung. Der Zug zum Einzigartigen, zum Singulären, zum Unitären, zum Individualen macht eben nachhaltig den Hauptzug in der künstlerischen Forschung aus, also will Kunstforschung zu allem hin, was aus den Verallgemeinerungswaggons der wissenschaftlichen Forschung herausfällt.</p>
<p>Reder, in <em>Forschende Denkweisen</em>, hebt das heraus durch die Auseinandersetzung mit auch international wichtig gewordenen österreichischen Künstlern im genannten Buch. Ich füge eine heute aktuell gewordene Überlegung hinzu. Es gab geistesgeschichtlich jenen von Jürgen Habermas so genannten Weg der Ausdifferenzierung der Disziplinen gemäß dem Prozess der Arbeitsteilung, der auch für die Künste sich geltend machte bis hin zur Idee der Reinen Kunst.</p>
<p>Für die Philosophie passierte das als die laufende Ausgliederung von Fragefeldern hin zu Einzelwissenschaften, zum Schluss kamen gar Psychologie und Sprache dran, für die sich Einzelwissenschaften ausbildeten. Antwort der Philosophie auf das Ausgliedern war der Existenzialismus. Denn Wissenschaftstheorie, die allgemeinste Wissenschaft aller Wissenschaften, das war nur ein zu Empirie allein verdammtes Hinterherlaufen hinter den Wissenschaften.</p>
<p>Der Existenzialismus wandte sich deswegen an das, was sich den Wissenschaften wegen deren Verallgemeinerungsintention entziehen musste, das Einzigartige, solchen Sinns Individuale als Forschungsgelände. Und doch kehrt auch darin das Allgemeine zurück, und zwar nun in seiner Spitzenform: Alles Existierende existiert in seiner je und je einzigartigen Existenz, das enthält doch im Spannungsbogen des Zerrisses die höchste Verallgemeinerung zum Gegenpol höchster Vereinzelung. Die Kunst unternimmt immer wieder, so überprüft das Redersche Buch, dem Zerriss des Spannungsbogens zu entgehen, indem sie wirklich das einzeln Existierende im einzeln Existierenden aufsucht und nicht in der Existenz als solcher, Diskussionsverhältnis zwischen Philosophie und Kunst.</p>
<p>Das ist es wohl, was den aus der analytischen Sprachphilosophie Angloamerikas gekommenen Richard Rorty bewog, in großer Wende zu Wurzeln der Romantik zurückzugehen und in Folge von Schelling die Künste zum Organon des Philosophierens zu erklären. Wir müssen die Forschung auffassen als das Unternehmen, sowohl das Verallgemeinerungsfähige festzumachen wie das unableitbar Einzelne und Neue offenzuhalten. Es geht also im Forschen um ein Ineinanderwirken von Wissenschaft und Künsten gemäß ihrem Charakter des Gegenzugs zueinander.</p>
<p><strong>Anmerkung zum Schlusspassus </strong></p>
<p>Sicher gibt es nach dem Existenzialismus weiter Philosophie. Aber entweder sind das Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie, die den Einzelwissenschaften ihre Frage- und Problemfelder samt eingesetzten Methoden überprüfen, also den Einzelwissenschaften nachfolgen, oder es ist eben das Denken der komplexen Praxisbezüge von Wissen in den an Marx orientierten oder orientiert gewesenen Philosophien.</p>
<p>Dann der Strukturalismus als Einzel- Wissenschaft kommen kann, vielmehr in sie eingehen muss und daher eine genuine philosophische Einstellung ist mit einem Hochbedeutsammachen des fantasierenden Einfalls gegen die Disziplinierung durch die Disziplinen.</p>
<p>Und selbstverständlich die postmoderne Kritik der Aufklärung, die man unter dem Gesichtspunkt einer Kritik der Aufklärung auch mit dem Dekonstruktivismus zusammen sehen kann. Ich wollte nur notieren, dass selbstverständlich mir mit dem Existenzialismus keineswegs der Veränderungsprozess der Philosophie ausgelaufen ist. Nur votiere ich für ein neuerliches Aktualisieren des Existenzialismus.</p>
<p><em>Burghart Schmidt, Jahrgang 1942, ist emeritierter Professor für Sprache und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Offenbach a. M. und lehrt derzeit als Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien.</em></p>
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		<title>Transfer-Denken</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Sep 2012 08:54:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Der Begriff Transfer wird für mich immer unauflösbar mit der Person Christian Reder verbunden bleiben. War ich doch elf Jahre lang Begleiter, Teilnehmer und Teil von vielen der Aktivitäten, die das von Christian Reder initiierte und in der Folge von ihm geleitete Zentrum für Kunst- [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Begriff Transfer wird für mich immer unauflösbar mit der Person Christian Reder verbunden bleiben. War ich doch elf Jahre lang Begleiter, Teilnehmer und Teil von vielen der Aktivitäten, die das von Christian Reder initiierte und in der Folge von ihm geleitete Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer entwickelt und durchgeführt hat. Diese Zeit hat mich und mein Denken geprägt, und es ist mir daher nicht möglich aus dem Blickwinkel eines nicht beteiligten Beobachters darüber zu sprechen oder zu schreiben.</p>
<p>Ich möchte hier einige Erinnerungen und Eindrücke aus der Zeit die ich an diesem Ort verbracht habe folgen lassen. Hineingeworfen in diese Matrix mit dem Namen <em>Zentrum – Transfer </em>begriff ich wohl recht bald, dass einer der entscheidenden Punkte der Aktivitäten des Zentrums das – wie ich es nennen möchte – <em>Problem der Schwelle</em> ist.</p>
<p>Gegründet als ein Ort, der in der Universität für angewandte Kunst Beratung und Begleitung bei geplanten Projekten garantierte, war es wohl unausweichlich, dass dieses Arbeitsfeld in dem es immer um die Differenz zwischen „immaterieller“ Planung und „realer“ Verwirklichung auch selbst zum Gegenstand der Reflexion werden musste. Klingt hier doch sofort die alte Theorie- / Praxis-Debatte wieder an. Professoren, Studenten und Gäste frequentierten das Zentrum, um für die Konkretisierung erträumter, erdachter und geplanter Projekte Reflexionsraum und Rat für die Umsetzung zu bekommen.</p>
<p>Sie formulierten ihre Vorhaben und Fragen in den meisten Fällen weitgehend kontextunabhängig. Diese ungefragte „Freiheit“ des Imaginierens und Entwerfens des Schaffenden scheint ein Reflex eines Denkens in der Nachfolge von Descartes zu sein, in der das einem Kontext verpflichtete Reflektieren im Stile von Montaigne aufgegeben worden war. Die Künstler Transfer-Denken und Designer schienen mit Sicherheit im Besitz einer Gewissheit um die Allgemeinheit ihrer Anliegen zu sein. Dies diente als Garantie einer Autonomie aus der hinaus ihre Projekte entworfen wurden.</p>
<p>Ihnen gegenüber saßen die Berater als Repräsentanten des „Konkreten“, das meist als Widerstand fungierte. War es doch der Part der Beratungen und der Berater auf die Grenzen der Realisierbarkeit zu verweisen und dadurch die Form der geplanten Aktivitäten zu beschneiden und zu verändern. Es war eine merkwürdige Situation, in der mir klar wurde, dass der Charakter des künstlerischen Entwerfens in hohem Maß kontextunabhängig, d.h. theoretisch ist.</p>
<p>Unsere Rolle war es also eine Rekontextualisierung der geplanten Vorhaben zu initiieren und einzuleiten. Naiv gedacht war die Situation ja einfach. Unsere Rolle war die des pragmatischen Blickes, gepaart mit einer Dosis ökonomischer Kenntnis. Nach einigen Beratungen war es dann ja klar, ob das Projekt realisiert werden konnte und in welcher konkreten Form.</p>
<p>Ich erinnere mich an lange Nachmittage im Büro von Christian Reder, das uns auch als Besprechungszimmer diente. Zentral steht dort der große, von Eichinger / Knechtl entworfene Tisch, um den wir immer saßen. Mein Blick fiel oft, wenn die Diskussion recht weit gediehen war und ich den Faden zu verlieren drohte, auf den Kompass, der in die Oberfläche dieses Tisches eingelassen war. Dieser gab mir, auf seltsame Weise, in der konkreten Situation wieder Orientierung. Ich wusste dann, wo von diesem Ort aus Norden zu suchen war.</p>
<p>Der sprichwörtliche garstige Graben zwischen Theorie und Praxis konnte von einem unternehmerischen und forschenden Geist wie Christian Reder nicht ungefragt hingenommen werden. Nach einer Auszeit, in der er eines der schönsten mir bekannten Bücher schrieb – <em>Wörter und Zahlen. Das Alphabet als Code</em> –, begann er Projekte zu entwerfen und zu realisieren. Wobei der vage Begriff Projekt bei ihm als Hinweis auf die <em>forschende Denkweise</em>, die diese Vorhaben auszeichnete und auszeichnet zu verstehen ist.</p>
<p>Diese Projekte unterliefen und unterlaufen die Einbahnsituationen die Verhältnisse wie kontextfreies Planen versus kontextuelles Realisieren, Text versus Bild oder Denken versus Handeln etablieren. An dieser Stelle zeigt sich der Begriff Transfer, wie ihn Reder vielleicht meint: Transfer ist nicht der Verschub einer Idee in die Realität und vice versa. Transfer ist vielmehr eine Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die Bewegung zwischen diesen Feldern. Der Ort, an dem die <em>Form des Imaginierten</em> Gestalt finden soll, kann nicht entschieden werden.</p>
<p>Dieses nomadische Moment schlug sich auch in den realisierten <em>Projekten</em> nieder. Studierende lebten 2002 / 2003 mehrere Wochen in einem gemieteten Haus in Damaskus und explorierten in engem Kontakt mit dortigen Partnern den gesellschaftlichen und urbanen Raum. Ähnliche Programme führten Studierende, Lehrende und eingeladene Gäste nach Libyen, die Ukraine und die Donau hinab bis an das Schwarze Meer. Ziel war es jedoch nicht einem naiven Konzept von Erfahrung zu folgen.</p>
<p>Es mag wohl sein, dass manche der Teilnehmer mit der Vorstellung an einem außergewöhnlichen Ort so etwas wie Authentizität erleben zu können in die Vorhaben einstiegen. Mit dem Wunsch Erfahrungen zu machen, die in der Folge dann in die Sicherheit eines Diskurses im heimischen Wien eingebracht werden konnten. Die Entwicklung der einzelnen künstlerischen Projekte exemplifizierte in den allermeisten Fällen jedoch eine Abkehr von dieser Position.</p>
<p>Je länger die Unternehmen dauerten – und die Zeitdauer war ein wesentlicher Parameter –, desto unklarer wurde bei den Teilnehmern die Vorstellung, was und wo denn nun eigentlich der Ausgangspunkt des Projektes und der Fragestellung war. Der Standpunkt des künstlerischen Subjektes wurde teils relativiert und manche oder mancher begann mit den Augen eines <em>Anderen </em>auf sich und die <em>Wiener Verhältnisse</em> zu blicken. Die einzelnen Projekte fanden eine Art von Abschluss in aufwändigen Publikationen, die allesamt in der Edition Transfer, einer von Christian Reder gestalteten Reihe, erschienen sind.</p>
<p>Diese Bücher markieren aber nicht den Abschluss eines Denk- und Arbeitsprozesses, sie fungieren nicht als Schlusspunkt. Vielmehr repräsentieren sie einen Knoten, ja eine Verdichtung, in die alle Erfahrungen, Bilder, Gespräche und Gedanken einfließen sollen. Dies nicht nur um eine Dokumentation, die ja immer eine Historisierung ist, zu erstellen. Diese Bücher in ihrem oft ausufernden Umfang, in denen Bild und Text immer wieder um ihre Vorherrschaft streiten, können durchaus auch Impulse für etwas Zukünftiges sein.</p>
<p>Ich meine, dass es durchaus im Sinne Reders wäre, wenn ein Leser des von uns so genannten<em> Sahara-Buches</em>, nachdem er einige Fotos der Wüste betrachtet hat, das Buch beiseite legt und eine Reise nach Nordafrika bucht. Diese Geste, dem anderen etwas als Entwurf mitzugeben, hat sich bei Christian Reder auch im alltäglichen Umgang etabliert. Wie oft hat er kurz bevor wir auseinander gingen noch einen letzten Satz an mich mit den Worten „ noch etwas zum Mitdenken &#8230;“ eingeleitet.</p>
<p>Das unabschließbare Buch, an dem Christian Reder permanent arbeitet, ist kein Text, der zwischen zwei Deckel gepresst wird. Es ist ein Schnittpunkt von Reflexion und Erfahrung, ein Diagramm, das die Berührungspunkte der unterschiedlichsten Sinn-Dimensionen verzeichnet. Diese Qualität stellt das Denken von Christian Reder in eine unmittelbare Verwandtschaft zu dem von Montaigne. Das Kapitel der Essays von Montaigne, in dem dieser „Über Bücher“ reflektiert, steht zwischen dem Kapitel „Über die Waffen der Parther“ und dem „Über Grausamkeit“.</p>
<p>Die Verbindung von scheinbar nicht Verwandtem, diese antischolastische Geste teilt Reder mit Montaigne, Benjamin und auch einem Ahnherren dieser Gattung: Plutarch. „Mein Wille ist, dass man meinen natürlichen und gewöhnlichen Schritt sehen soll, so wenig geschlossen er auch sein mag.“ So beschreibt Montaigne im 10. Kapitel des 2. Bandes seiner Essays seine Methode des Schreibens. Daraus kann man folgern, dass der Essayist sich in seinem Schreiben abbildet.</p>
<p>Auch Christian Reder bildet sich in seinen <em>Büchern</em> ab. Dies jedoch nicht zuletzt als Garantie oder Anstrengung das Subjekt qua Autor in den unabschließbaren Bewegungen seines <em>Transfer-Denkens</em> und seiner <em>Transfer-Aktivitäten</em> nicht zu verlieren. Diesen Kampf um das Subjekt verlangt er auch von denen die mit ihm umgehen. Jede Doktorandin und jeder Doktorand, die von Reder betreut wurden, bekam als Ziel der Arbeit den Auftrag in ihr die Qualität eines Buches zu erreichen.</p>
<p>Meist war den Adressaten der Inhalt dieses Satzes nicht klar. Was er damit meinte und meint ist: „Werden Sie ein Subjekt.“ Denn ihm ist ja Buch ein Synonym für die menschliche Subjektivität. In diesem Sinn kann man Christian Reder als Essayisten bezeichnen. Ferdinand Schmatz geht in seinem Beitrag einen Schritt weiter. Er behauptet, Christian Reder wäre selbst ein Essay. Und dies trifft zu. Seine Bücher, seine Texte sind Knoten- aber auch Umschlagpunkte dieses <em>Transfer- Denkens</em>, das seinen Niederschlag auch in Handlungen, Gegenständen und bei Anderen findet. Und es bleibt immer unentscheidbar wo der Ort ist an dem dieses Denken stattfindet.</p>
<p><em>Boris Manner, geboren 1961, ist Schriftsteller, Kurator und Kulturmanager in Wien und unterrichtet seit 2001 an der Universität für angewandte Kunst in Wien.</em></p>
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		<title>Von wem man ist</title>
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		<pubDate>Wed, 23 May 2012 15:03:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Profanter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>„There is no such thing as kinship“ – Verwandtschaft gibt es nicht. Mit diesem Befund seiner Relektüre der ethnologischen Forschung irritierte der Kulturanthropologe David Schneider 1984 ein zentrales Theorem seiner Disziplin nachhaltig. In <em>A Critique of the Study of Kinship </em>monierte er die ethnozentrischen Verzerrungen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„There is no such thing as kinship“ – Verwandtschaft gibt es nicht. Mit diesem Befund seiner Relektüre der ethnologischen Forschung irritierte der Kulturanthropologe David Schneider 1984 ein zentrales Theorem seiner Disziplin nachhaltig. In <em>A Critique of the Study of Kinship </em>monierte er die ethnozentrischen Verzerrungen, die u.a. dazu geführt hatten, dass Blutsverwandtschaft als primordiale Universalie menschlicher Sozialorganisation galt. Diese Dekonstruktion war eine theoretisch zugespitzte Schlussfolgerung seiner älteren Forschung <em>American Kinship. A cultural account</em> aus dem Jahr 1968.</p>
<div id="attachment_2895" class="wp-caption alignleft" style="width: 210px"><a href="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2012/05/Timm_web.jpg"><img class="size-full wp-image-2895" title="Timm_web" src="http://www.recherche-online.net/wp-content/uploads/2012/05/Timm_web.jpg" alt="" width="200" height="159" /></a><p class="wp-caption-text">Geburtsschmerzvotive (sog. „Bärmutter“), 2 Exemplare aus Südtirol, o.D. (Aus: Rudolf Kriss: &quot;Das Gebärmuttervotiv&quot;. Augsburg 1929)</p></div>
<p>Darin hatte er bereits postuliert, dass das US-amerikanische Verwandtschaftsverständnis nicht auf biologischen Fakten fußt, sondern eine kulturell hervorgebrachte Ordnung ist: <em>American Kinship</em> kombiniert eine „order of nature“ (geteilte biologische Substanz, meist benannt als „Blut“) mit einer „order of law“ (Gepflogenheiten, die diffuse und kontinuierliche Solidarität vorschreiben, meist benannt als „Liebe“ oder „Beziehung“).</p>
<p>„Biologie“ oder „Blut“, so Schneider, sind keine natürlichen Gegebenheiten, sondern Symbole, die das betreffende „kulturelle System“ veranschlagt und mit Bedeutung versieht. Die Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie hat zudem vergessene Beiträge von Ethnologinnen (etwa Phyllis Kaberrys Arbeiten aus den 1940er-Jahren) und Positionen der frühen Frauenforschung in diesem Fach in Erinnerung gerufen, die bereits klar gemacht hatten, inwiefern die analytische Setzung einer biologisch fundierten Verwandtschaft auch eine Ordnung der Geschlechter ausdrückte, welche in der Ethnologie meist mehr Analyseinstrument als Untersuchungsgegenstand gewesen war.</p>
<p><strong>Male Breadwinner</strong></p>
<p>Die wissenschaftliche Kehrseite der ethnologischen Fokussierung auf ‚Verwandtschaft‘ im Exotischen waren die Soziologie und Geschichte der modernen, bürgerlichen ‚Familie‘ zu Hause. Im 19. Jahrhundert erschien die soziale Form, die spontan Kleinfamilie oder Kernfamilie heißt und die wissenschaftlich als „male-breadwinner-model“ bezeichnet wird, als Restbestand zerfallender Verwandtschaftsverbände. Mit ihrer je spezifischen Verbindung von Sozialpolitik und Sozialforschung formulierten Frédéric Le Play in Frankreich und Wilhelm Heinrich Riehl in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Ideale patriarchal strukturierter und natürlich begründeter Familien.</p>
<p>Insbesondere Riehls Buch <em>Die Familie</em> erzielte eine außerordentlich große Aufmerksamkeit mit insgesamt 17 Auflagen. Zwar hatten sich beide selbst mit einem neuen empirischen Verfahren, der Wanderethnographie, eine Anschauung ihres Gegenstandes verschafft – also dem sich vor ihren Augen abspielenden tiefgreifenden Umbruch der kleinbäuerlichen Lebenswelt Europas mit Resten ständischer Ordnung zur Industriemoderne. Allerdings wehrten beide Familienforscher die Konfrontation mit dem historischen Wandel des alltäglichen Zusammenlebens ab, indem sie eine bessere Vergangenheit imaginierten, in der die Menschen in Dreigenerationenfamilien und in gegenseitiger Unterstützung in Großfamilien zusammengelebt hätten. Die vorgefundenen sozialen Formen konnten sie nur als Zerfall wahrnehmen.</p>
<p><strong>Barzahlung statt Familienbande</strong></p>
<p>Diese These einer Zerstörung oder Abnahme der Bedeutung und strukturbildenden Kraft familialer und verwandtschaftlicher Beziehungen im Prozess der Moderne war und ist jedoch kein Spezifikum der katholischen Soziallehre konservativer Kulturpessimisten. Auch Karl Marx und Friedrich Engels postulierten im <em>Kommunistischen Manifest</em> (1848), dass „die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, (…) kein anderes Band zwischen Mensch und Menschen übriggelassen (hat) als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘.“</p>
<p>Allerdings war das Durchschneiden verwandtschaftlicher „Bande“ auch ein Ziel der politischen Emanzipation gewesen: Die in der Sattelzeit Terrain gewinnende Adelskritik hatte ‚Verwandtschaft‘ mit aristokratischer Fundierung von Macht und Ordnung qua Abstammung und Ahnenprobe identifiziert, sodass das Programm des gesellschaftlichen Kontraktes konstitutioneller Staatlichkeit den Bürger zwar politisch aus ständischen Verhaftungen löste, ihn im sozialen Kleinen und semantisch aber auf ‚Familie‘ verwies. Die damit verbundene Geschlechterordnung hat einer der bekanntesten Kritiker Riehls, Herbert Marcuse, bereits 1936 benannt: „Der Befreiung des Mannes zum ‚Bürger‘, der sein ganzes Dasein und seine ganze Kraft in der ‚Gesellschaft‘, im ökonomischen, politischen und sozialen Tageskampfe einzusetzen hat, geht parallel die Bindung der Frau und ihres ganzen Daseins an Haus und Familie“.</p>
<p>Sigmund Freuds Beschreibung des <em>Familienromans der Neurotiker</em> (1909) ist eine schillernde Artikulation dieser historischen Dynamik zwischen aristokratischen und bürgerlichen Fassungen der Familie: Er berichtet von Tagträumen, in denen der Neurotiker „beide Eltern durch vornehmere ersetzt“, und von einer vorpubertären „Phantasie des Kindes (…) die geringgeschätzten Eltern loszuwerden und durch in der Regel sozial höher stehende zu ersetzen“.</p>
<p>Freuds triebtheoretische Engführung, dass diese „Korrektur des Lebens“ „zwei Ziele“ hat, „das erotische und das ehrgeizige (hinter dem aber meist auch das erotische steckt)“, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden – in kulturanthropologischer Perspektive imponiert der Befund, dass die ersehnten anderen Eltern nicht nur emotional, sondern auch sozial beschrieben sind: „höher“, „vornehmer“, „großartiger“. Das erwachsene Subjekt jedenfalls, so kann man den <em>Familienroman</em> auch lesen, konstituiert sich nach Freud, indem es die irdische Gewordenheit seiner Eltern und seiner selbst als gesellschaftliche akzeptiert und die „großartige“ Ontologie der adeligen Abstammung, die nicht auf menschengemachte, sondern auf (göttlich, natürlich, genealogisch) gegebene Ordnungen referiert, überwindet. Somit dokumentieren diese lediglich fünf Druckseiten von Freud aus dem Jahr 1909 die paradoxen Dynamiken im genealogischen Raum der Moderne um die Jahrhundertwende: Das Ende der aristokratischen Legitimität war offensichtlich, die dynastischen Strategien widersprüchlich:</p>
<p>Wie William Godsey nachgewiesen hat, verschärften die Habsburger ihre Ahnenprobe noch vor dem Ersten Weltkrieg und wurden damit unter den europäischen Dynastien zu einer der sozial exklusivsten; andererseits führte die Nobilitierungspraxis des Kaisers zu einer Entwertung der Titel. Es ist aufschlussreich, dass selbst Freud festhielt, dass der <em>Familienroman</em> nicht nur eine psychoanalytische Diagnose zu „Neurotikern“ ist, sondern auch ein Stück historischer Dokumentation, weil er nämlich auch „im Traum des normalen Erwachsenen“ aufscheint, wo dann „Kaiser oder Kaiserin“ „Vater und Mutter bedeuten“.</p>
<p>Die Familiensoziologie der bürgerlichen Gesellschaft kann ebenfalls verstanden werden als Trägerin einer Spur dieses dynastischen Prinzips, wenn etwa der bereits zitierte Wilhelm Heinrich Riehl eine in Natur gründende Familie als „Keimzelle“ für „die sozialpolitische Potenz der Sitte, aus welcher das Gesetz hervorgewachsen ist“ setzt und postuliert: „Die Familie ist überhaupt die notwendige Voraussetzung aller öffentlichen Entwicklung der Völker“: hier wird Gesellschaft auf Gemeinschaft und auf Blutsverwandtschaft zurückgeführt.</p>
<p>Noch lange gab es nur wenige familiensoziologische Forschungen, die eine andere Perspektive einnahmen, wie etwa Alice Salomon und Marie Baum, die Begründerinnen der Sozialarbeit, in ihrer 1930 publizierten Monografie <em>Das Familienleben in der Gegenwart</em> über 182 Familien. Das Buch der Reihe „Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart“ dokumentierte auch den bescheidenen Wohlstand kleiner Angestelltenfamilien, den die beiden Wissenschaftlerinnen mit einem Alltagsblick erfassten, der methodisch quantitative Empirie mit einer von ihnen „Technik des Verstehens“ genannten Hermeneutik kombinierte.</p>
<p>So zählten sie etwa für eine Berliner „Chauffeursfamilie“ (Vater Chauffeur, Mutter Näherin, Tochter 7,5 Jahre alt) die neu angeschafften Elektrogeräte auf: Radio, Staubsauger, elektrisches Bügeleisen, Fön, neue Leuchten, Lukullusbratofen; diese Reihe schließen sie mit dem Fazit, „daß die Familienverhältnisse durchaus geordnet sind, und daß das Kind in günstigen Verhältnissen aufwächst“.</p>
<p>Nur fünf Jahre später wischte der nationalsozialistische Volkskundler Horst Becker mit seiner Schrift <em>Die Familie</em> die Befunde von Salomon und Baum vom Tisch: als „ahnungslosen Bericht“ verdammte er die Arbeit, deren Autorinnen er nicht einmal mehr namentlich nannte, an der er zum hier zitierten Beispiel vor allem monierte, dass diese Familie „sich in einem Jahr eine Musterauswahl ausgesprochener Luxusgegenstände anschaffte“, der damit „ihr eigenes gutes und bequemes Leben über alles geht“, anstatt, so seine Forderung, weitere Kinder zu zeugen. Andere Vertreter einer Familienforschung, die wie Salomon und Baum an alltäglichen Lebensformen statt an normativen Idealen interessiert waren, konnten sich in dieser Zeit nur noch aus der Bedrängnis des Exils zu Wort melden.</p>
<p>Herbert Marcuse konstatierte in den <em>Studien über Autorität und Familie</em>, die 1936 in Paris erschienen, zum Forschungsstand, dass Riehls Familienbuch von 1855 „die herrschende Richtung der deutschen Familiensoziologie bis zur Gegenwart“ ausmache: „Interpretation der Familie als eines ‚natürlichen‘, ‚ewigen‘ Gebildes auf dem Grunde der Gesellschaft, dem kraft seiner Naturhaftigkeit eine normative Geltung zukommt. (…) Riehls Buch ist eine ausgesprochene Kampfschrift. (…) Die Weise, in der Riehl diese These begründet, ist bis in die Gegenwart hinein in der Soziologie der Familie wirksam geblieben.“</p>
<p>Diese Diagnose galt noch bis in die 1970er-Jahre. Die historische Familienforschung bzw. die historische Kritik der Familiensoziologie (in Österreich v.a. Michael Mitterauer, Reinhard Sieder, Josef Ehmer, später auch Margareth Lanzinger; in Deutschland z.B. Karin Hausen, Heidi Rosenbaum) widerlegten die These vom Zerfall einer mehrgenerationellen Großfamilie im Prozess der Moderne. Dabei internationalisierten sie zudem die Forschung, vor allem durch den Austausch mit der Cambridge Group for the History of Population and Social Structure (z.B. Peter Laslett, David Gaunt).</p>
<p>Das führte zudem zu einer empirischen Kritik des Familienbegriffs (bis hin zum Vorschlag, ihn analytisch ganz aufzugeben), die allerdings zunächst in eine neue Ontologie mündete: Nicht mehr ‚Natur‘, sondern Ökonomie galt nun als letzte Instanz, auf die Familienformen zurückgeführt wurden. Die bisweilen eng geführte historisch-materialistische Argumentation in diesem Kontext bildete sich in der Nomenklatur der Untersuchungsgegenstände ab, die nach sozioökonomischen Bedingungen bestimmt wurden: ‚Bauernfamilie‘, ‚Adelsfamilie‘, ‚Angestelltenfamilie‘, ‚Arbeiterfamilie‘.</p>
<p>In einer zweiten Phase der historischen Kritik der Naturalisierung und Enthistorisierung von ‚Familie‘ führte die Rezeption der Forschungen der Sozialanthropologie (v.a. Jack Goody, Esther Goody) und der französischen Soziologie bzw. Anthropologie (z.B. Martine Segalen) ab den späten 1990er-Jahren zu einer neuen historischen Anthropologie der Entwicklungen von Familie und Verwandtschaft im 19. Jahrhundert.</p>
<p>Das mündete in eine Umkehrung der Zerfallsthese: In Studien zur Vergabe politischer und administrativer kommunaler Ämter und zum Wahlverhalten im Kontext der Revolution von 1848 wies die Kulturanthropologin Carola Lipp nach, dass Verwandtschaft „das unsichtbare Fundament der bürgerlichen Gesellschaft“ war; der Historiker David W. Sabean konnte für das 19. Jahrhundert die Korrespondenz der sozialen Ordnung der kapitalistischen Moderne – die Klassenbildung – mit verwandtschaftlichen Beziehungen belegen; insgesamt spricht die historische Forschung nun für das 19. Jahrhundert gar von einer „kinship hot society“ (David Sabean, Simon Teuscher, Jon Mathieu).</p>
<p><strong>New Kinship Studies</strong></p>
<p>Ähnlich wie die Ethnologie, der mit Schneiders Diktum „Verwandtschaft gibt es nicht“ ein Grund im mehrfachen Sinne wegbrach, befand sich nach der Dekonstruktion der bürgerlichen Kleinfamilie als Analyseinstrument die Geschichtswissenschaft an einem Punkt, der eine Neubestimmung des Untersuchungsgegenstandes „Familie“ oder „Verwandtschaft“ erforderte. Beide Disziplinen wählten eine ähnliche neue Perspektive, nämlich die Abkehr von normativen Modellen hin zu praxeologischen Fragen danach, wie Familie und Verwandtschaft im Alltag hergestellt werden. Edith Saurer und Margareth Lanzinger taten das mit ihrer analytischen Differenzierung von „usueller“ und „offizieller“ Verwandtschaft; in der Kultur- und Sozialanthropologie fragen die <em>new kinship studies</em> (z.B. Janet Carsten, Marilyn Strathern, Jeanette Edwards, Sarah Franklin) nach dem „doing kinship“, nach „relatedness“ und „belonging“.</p>
<p>Dieser Zugang ist nicht neu, eine Spur führt zurück zur Kritik des Strukturalismus durch Pierre Bourdieu. Gegen eine der Begründungsschriften des Strukturalismus, Claude Lévi-Strauss‘ Klassiker <em>Les structures élémentaires de la parenté</em> (1949), und das strukturalistische Konzept von universellen, im Unbewussten eingesenkten, binär codierten „Regeln“, die Verwandtschaft und somit kulturelle und soziale Ordnung hervorbringen, brachte Bourdieu den Begriff der „Strategie“ in Stellung: „Verwandtschaft ist eine Sache, die man macht, und aus der man etwas macht.“</p>
<p>Dass es sich bei dieser notwendigen Neubestimmung des Untersuchungsgegenstandes nicht um ein akademisches Spezialproblem dekonstruktivistischer Ansätze handelt, sondern um ein sehr praktisches Anliegen der Gesellschaftsbeschreibung, zeigt sich etwa daran, dass das Statistische Bundesamt der Bundesrepublik Deutschland vor wenigen Jahren für den Mikrozensus den Familienbegriff aufgegeben hat; die Datenerhebungen zu diesem Bereich firmieren nun unter „Lebensformen“.</p>
<p>Aber nur auf den ersten Blick ist das eine schlichte Überwindung falscher Perspektiven, zu deutlich sind die Passungen zwischen der handlungstheoretischen Wende in diesem Forschungsgebiet und der Aktivierungspolitik des neuen und verstärkten staatlichen Rückgriffs auf Familie und Verwandtschaft am Ende der fordistischen Wohlfahrtsregulation: ‚Familie‘ ist nun nicht mehr das private Komplement des öffentlichen Staates, sondern wird politisch als Ressource angerufen:</p>
<p>Frauen und Mütter, die im fordistischen Arrangement allenfalls Teilzeitkräfte im Kommen und Gehen konjunktureller Schwankungen waren, sind nun nicht mehr das stützende Andere des männlichen „Normallebenslaufs“, sondern mit ihren historischen Erfahrungen wie vielfach unterbrochener Erwerbsarbeit, instabilen und nicht existenzsichernden Beschäftigungsverhältnissen und einer Entgrenzung von Arbeit, Nicht-Arbeit und (auch rassistisch geteilter) care-work die ungewollten Protagonistinnen neuer, „prekär“ genannter Arbeits- und Lebensformen.</p>
<p>Auch im Subjekt entdeckt die Wissenschaft nun ungeahnte Reserven: Die <em>new childhood studies</em> definieren Kinder als „kompetente Akteure“ (Jens Qvortrup), und in den psychologischen und medizinischen Disziplinen interessiert man sich für „Resilienz“ – das ist etwas grundsätzlich anderes als das Drama, welches Vater-Mutter-Kind bisher aufführen mussten, und dessen Dynamik alle Hauptrollen für immer zeichnete, sei es als „Ödipuskomplex“, sei es als „Kastrationskomplex“.</p>
<p>Dabei darf die Forschungsperspektive, nach der es Verwandtschaft „nicht gibt“ (David Schneider), der zufolge diese aber ebenso „gemacht“ wird, wie Subjekte sich selbst hervorbringen sollen, nicht mit einem simplen Voluntarismus verwechselt werden. In der Gegenwartsbeschreibung geht hier die Ethnologie empirisch und theoretisch voran: Sie untersucht seit den späten 1990er-Jahren die Nutzung von Reproduktionsmedizin, ethnographiert Samenbanken, spricht mit Selbsthilfegruppen homosexueller Eltern mit Kinderwunsch, folgt den Politiken und Praktiken transnationaler Adoption (z.B. Maren Klotz, Michi Knecht) (in den Einführungswerken der Familiensoziologie gibt es dazu allerdings bis heute kein Kapitel).</p>
<p>Die Natur-Kultur-Dichotomie ist hier nicht mehr Basis der Analyse, sondern Untersuchungsgegenstand geworden, mit der Akteur-Netzwerk- Theorie (Bruno Latour) oder als <em>agencement</em> (Gilles Deleuze, Félix Guattari, Michel Callon) wird das Verhältnis aller menschlichen, nichtmenschlichen, materiellen, immateriellen Beteiligten am Zustandebringen detailliert beschrieben.</p>
<p>In meiner Forschung zur populären Genealogie, der weltweiten Massenbewegung der Ahnenforschung, untersuche ich, wie die Aktiven dieser Szene mit digitalen Instrumenten alle verwandtschaftlichen Verbindungen enthüllen und verknüpfen, vor welche die nach Orten und Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod teilende Systematik der kirchlichen und staatlichen Bevölkerungsdokumentation den Vorhang gezogen hatte. Dadurch wird aus dem Archiv eine öffentliche Einrichtung. Die „archontische Macht“ (Jacques Derrida) des Archivs muss nun – auch, weil die öffentlichen Gelder zurückgefahren und Kooperationen notwendig sind – Leute als „Kundschaft“ ansprechen und einlassen, die jahrhundertelang niemals an Akten gekommen sind.</p>
<p>Die Kirchenbuchleser in den Pfarreien und die Transkripteurinnen der nichtehelichen Geburten aus einem jahrhundertealten <em>liber arcanum</em>, in das der Pfarrer die ihm bekannten Vaterschaften der Kinder lediger Mütter separat des regulären Geburtenbuchs eintrug, finden nicht nur heraus,<em> von wem sie sind</em>, sondern erzeugen mit ihren relationalen Datenbanken eine Verwandtschaft, in der das Lösen von Rätseln nur noch eine Frage der Zeit und des kollektiven Recherchefleißes ist.</p>
<p>Kulturanthropologisch darf man die Frage vernachlässigen, ob die empirische Grundlage dieser digitalen Beziehungsreiche mit manchmal vielen Tausend „verwandt“ genannten Personen auf einem seriösen Umgang mit den Quellen im historischkritischen Sinne beruht. Relevant ist vielmehr, dass sich Verwandtschaft hier nicht in Bezug auf Abstammung, Blut und Gene manifestiert, sondern am Quellenbeleg, also letztlich an etwas menschengemachtem. Verwandtschaft ist in der populären Genealogie von heute tatsächlich Wahlverwandtschaft, aber eben keine Wahl im voluntaristischen Sinne oder im philosophischen Sinn einer freien Entscheidung, sondern eine Wahl, die sich ihre sozialen Erfindungen als historische Funde plausibel macht.</p>
<p><strong>„Epistemisches Objekt“</strong></p>
<p><em>„Weißt du, von wem du bist?“</em> fragt der Seher Teiresias in Sophokles’ Drama <em>König Ödipus</em>. Diese Frage, <em>wer von wem ist</em>, ist in Wissenschaft und Alltag in vielen Variationen, aber niemals zufällig beantwortet worden. Eines allerdings haben auch unterschiedliche Antworten gemeinsam: Sie schaffen durch die Dichotomie von ‚gemacht‘ und ‚gegeben‘ den Raum, in dem ‚die Familie‘ erscheint, eines der sehr produktiven „epistemischen Objekte“ (Hans-Jörg Rheinberger) des Sozialen wie des Natürlichen in der Moderne.</p>
<p>Das realisiert sich wissenschaftlich und alltäglich als Duett: auf der einen Seite die Utopie der „freien Synthese“ (Gilles Deleuze, Félix Guattari) des Subjekts und seiner Wünsche, und die Hoffnung, eine Antwort ohne Referenz auf diese Frage zu finden („to produce humanity through something more and less than kinship“, Donna Haraway); seitwärts dieser Utopie der Ontologieverdacht, mit dem sich das Begehren in einer endlosen Suche nach Vorgefundenem artikuliert, repräsentiert und ordnet: Blut, Gene, Muttermilch, Sperma, Eizellen, gesetzliche Regelungen, Kontrakte, ökonomische Strukturen, Reisemöglichkeiten, Kommunikationsmittel, Gefühle, ein Quellenbeleg aus dem Archiv, Verknüpfungswerkzeuge wie Datenbanken, Geschenke, materielle und immaterielle Objekte und Bilder, Rituale wie Familienessen, die Taufe – diese Liste endet hier nicht aus Platzgründen, sondern logischerweise mit einem etc.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Elisabeth Timm ist Professorin für Kulturanthropologie/Volkskunde an der Universität Münster. Forschungen und Publikationen zu Familie und Verwandtschaft. Zuletzt erschienen:</em> Familienmacher, Ausstellungsmachen <em>(gem. mit Alison J. Clarke, Kathrina Dankl, Tena Mimica, Lukasz Nieradzik, Margot Schindler, Karin Schneider, Verlag für Moderne Kunst 2012) und</em> Private Netzwerke im Wohlfahrtsstaat. Familie, Verwandtschaft und soziale Sicherheit im Deutschland des 20. Jahrhunderts <em>(gem. mit Heidi Rosenbaum, UVK 2008).</em></p>
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