Akademische Bildung

Ein Leitfaden für neue Eliten.

Wer immer heute ein Studium beendet, weiß nicht, was das damit verbundene Zertifikat eigentlich noch wert ist. Dies gilt für das Ansehen in der Wissenschaft ebenso wie für die Beurteilung durch die Öffentlichkeit oder die damit verbundenen oder erhofften Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ob man die nun nach dem Greifen der Bologna-Reform zunehmend produzierten Bachelors überhaupt als Akademiker in einem klassischen Sinn wahrnehmen wird, ist sehr zu bezweifeln, aber auch die Träger traditioneller akademischer Titel geraten zunehmend ins Zwielicht.

Überfüllte Hörsäle an den Universitäten: „Es herrscht eine geradezu panische Furcht vor zu vielen Studierenden.“

Der Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) aufgrund einer plagiierten Doktorarbeit hat die akademische Abschlussarbeit auch in einer breiteren Öffentlichkeit in Misskredit gebracht, und eine ganze Reihe von Diplom- und Doktorarbeiten mehr oder weniger prominenter Politiker wurden und werden mittlerweile im Internet auf eigens dafür eingerichteten Plattformen „überprüft“.

Der Erfolg der Plagiatsjäger ließ nicht lange auf sich warten: Wegen diverser Abschreibübungen musste auch Silvana Koch-Mehrin (FDP) zurücktreten, die Tochter von Edmund Stoiber, Veronika Saß (CSU), verlor ihren Doktortitel, und auch der Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock (CDU) legte vorsorglich seinen Doktortitel wieder ab. Die Prüfung der Dissertation des ehemaligen österreichischen Wissenschaftsministers und nunmehrigen EU-Kommissars Johannes Hahn (ÖVP) dauert noch immer an. Zu erwarten ist, dass aufgrund der technischen Möglichkeiten der Überprüfung, die sich durch die Datenbanken und Volltextrecherchemöglichkeiten des Internet ergeben, noch mit weiteren Aufdeckungen, Überführungen und Rücktritten zu rechnen sein wird.

Frivoles Beckmessertum

Was bedeutet dies? Gehen wir einem Zeitalter der wissenschaftlichen Redlichkeit entgegen oder einem, in dem ein frivoles Beckmessertum triumphiert und die Wissenschaft insgesamt in Misskredit bringt? Keine Frage: Die mediale Aufmerksamkeit für die Einhaltung wissenschaftlicher Zitierregeln wäre weitaus geringer, wenn nicht prominente und beliebte Polit-Stars oder umstrittene Ex-Minister in den Verdacht, es mit der Genauigkeit nicht so genau genommen zu haben, gekommen wären. Die Entdeckung, dass der örtliche Sparkassendirektor seinen nebenbei erworbenen Doktortitel vielleicht zu Unrecht trägt, hätte niemanden erschüttert, ebenso wenig die Tatsache, dass im Zeitalter von Google und Copy&Paste das Vortäuschen geistiger Leistungen zur Sache weniger Mausklicks geworden ist. Auffallend ist es aber schon, dass die bisher publik gewordenen Fälle samt und sonders jenem politischen Lager zuzurechnen sind, das ansonsten gerne einen strengen Leistungsbegriff vertritt und, geht es zum Beispiel um das Erschleichen von Transferzahlungen, nicht empört genug sein kann.

Die bekannt gewordenen Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens demonstrieren jedenfalls, dass es dabei um mehr als nur um individuelle Schwächen geht. In Deutschland wurde die Debatte heiß, als die Bundeskanzlerin versuchte, ihren Minister mit dem Hinweis zu halten, sie habe ja keine wissenschaftliche Hilfskraft, sondern einen Politiker ins Kabinett geholt. Damit wurde augenzwinkernd festgehalten, dass die Erschleichung eines akademischen Grades keine Sache ist, die eine wie auch immer erworbene berufliche Reputation außerhalb der Wissenschaft beeinträchtigen muss. Erst der darauf einsetzende geballte Protest von Tausenden von Wissenschaftlern und Doktoranden hat den Rücktritt des Verteidigungsministers unausweichlich gemacht.

Dass Betrug in der Wissenschaft ein Kavaliersdelikt sein sollte, wollte denjenigen nicht einleuchten, die wissen, dass die Entwicklung unserer Gesellschaft in hohem Maße davon abhängt, dass in der Wissenschaft nicht betrogen wird. Dass eine höhere Bildung und ein akademischer Abschluss nicht nur erstrebenswerte Güter, sondern Voraussetzungen für ein erfolgreiches Berufsleben sind und deshalb möglichst vielen zukommen sollen, hören wir immer wieder. Universitäten, die zu wenige Abschlüsse produzieren, werden gerügt, hohe Absolventenquoten angebetet wie steigende Börsenkurse. Anderseits – und dies gehört zu den Widersprüchlichkeiten, die unsere Bildungspolitik zum Teil so schwer erträglich machen – herrscht geradezu eine panische Furcht vor zu vielen Studierenden, soeben sind wir im Begriffe, wieder einmal die Studienordnungen zu reformieren, nun mit dem Ziel, möglichst viele Studienanfänger schon während des ersten Semesters wieder hinauszuprüfen. Es soll nicht eine größere Zahl junger Menschen die Möglichkeiten eines Studiums haben, es sollen möglichst viele möglichst rasch fertig werden.

Wie man dann zu diesen gewünschten Abschlüssen, Graden und Titeln kommt – da sieht man dann vielleicht nicht mehr so genau hin. Mittlerweile haben sich ja nicht nur die akademischen Titel, die – je nachdem – vor oder nach dem Namen geführt werden, inflationär vermehrt, sondern auch die dazugehörigen Erwerbsmöglichkeiten, und der von manchen gerne propagierte freie Bildungsmarkt lässt hier noch einiges erwarten. Es spricht Bände, dass man, liest man etwa Artikel zur Plagiatsaffäre im Internet, auch bei Qualitätsmedien sofort mit Werbeeinschaltungen belästigt wird, die auf Möglichkeiten entsprechender „Unterstützung“ beim Studienabschluss verweisen. Das Problem liegt allerdings tiefer. Es geht nicht nur um die Frage, dass der Abschluss eines Studiums an einer Universität signalisieren soll, dass hier die Standards der Wissenschaft ebenso eingehalten wurden wie das Ethos der intellektuellen Redlichkeit. Aber akademische Studien werden nach der Lesart der aktuellen Politik als Berufsausbildungen definiert, und dies lässt es wenig plausibel erscheinen, der wissenschaftlichen Qualität von Abschlussarbeiten zu viel Augenmerk zu schenken. Die zukünftigen Arbeitgeber wollen ja Controller, Informatiker, Journalisten oder Lehrer einstellen, und keine wissenschaftlichen Assistenten.

Berufsorientierte Ausbildung

Wer in den letzten Jahren in kritischer Distanz zum Bologna-Prozess behauptet hatte, dass es in einem universitären Studium in erster Linie um eine wissenschaftliche Bildung und nicht um eine berufsorientierte Ausbildung gehen solle, wurde ausgelacht. Nun verziehen die Lacher indigniert die Mundwinkel, wenn sie hören, dass Absolventen nicht einmal die grundlegenden wissenschaftlichen Zitierregeln beherrschen. Diese aber lernt man nicht im vielgelobten Praktikum, mit dem Studenten ab dem ersten Semester gequält werden, um nur ja nicht auf Gedanken zu kommen, die den Horizont zukünftiger Arbeitgeber sprengen könnten.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich haben Studien auch auf einen Beruf vorzubereiten. Und der überwiegende Teil von Absolventen wird nicht in der Wissenschaft weiterarbeiten. Abschlussarbeiten, die nicht als Einstieg in eine wissenschaftliche Karriere gedacht sind, werden vielleicht nicht immer genial sein, aber sie sollen solide und korrekt gearbeitet sein und zumindest den formalen Standards des jeweiligen Faches entsprechen. Allerdings: Auch diese Standards ändern sich. Und was aber als gehaltvolle, innovative, originelle Arbeit gilt, hängt vor allem in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften auch von Moden und Ideologien ab, die einem raschen Wandel unterworfen sind. Auch darüber sollte man sich keine Illusionen machen.

Jenseits der einzelnen Fälle, die jetzt diskutiert werden, liegt das Problem vor allem darin: Der Wert und die Bedeutung wissenschaftlicher Arbeit ist im öffentlichen Bewusstsein in dem Maße gesunken, in dem Studien und Abschlüsse als arbeitsmarktpolitische Maßnahmen vielleicht an Bedeutung gewonnen haben. Wichtig wäre es, dass sich vor allem die Universitäten in erster Linie als Garanten einer wissenschaftlich fundierten Bildung begreifen und dabei zu Qualitätskriterien bekennen, deren Wertschätzung auch von der Öffentlichkeit und der Politik, ganz ohne Augenzwinkern, geteilt werden sollte. Aber was ist eine wissenschaftliche fundierte Bildung? Die erschöpft sich in der Tat nicht in einer fachlichen oder beruflichen Qualifikation, so wichtig diese auch sind. Aber an einen akademisch gebildeten Menschen darf und soll man darüber hinausgehende Ansprüche stellen. Zumindest sollte diese Bildung drei Dimensionen berühren, die nicht nur als Resultat eines Studiums, sondern auch als Aspekte zukünftigen Handelns gesehen werden müssen.

Vorab, und das verstünde sich fast von selbst, wenn es nicht immer wieder in Frage gestellt wird, gehört dazu das Wissen um das Wesen von Wissenschaft überhaupt. Das Eintauchen in eine Disziplin, das Kennenlernen bestimmter Verfahren und Methoden sollte auch zu einem generellen Verständnis für diese vernunftgeleitete Form der Welterschließung führen, die wir Wissenschaft nennen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, dieses wissenschaftliche Wissen in ein angemessenes Verhältnis zu anderen Wissensformen – religiöses Wissen, tradiertes Wissen, Wissen indigener Kulturen etc. – zu bringen. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu betonen – und dass dies zu betonen ist, zeigt schon, wie verschwommen unsere Vorstellung von Wissenschaft geworden ist –, dass alle nichtwissenschaftlichen Formen des Wissens zum Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung werden können. Wenn, wie unlängst zu lesen war, radikale Muslime auch in Österreich nichtislamischen Wissenschaftlern am liebsten verbieten würden, über den Koran zu sprechen, dann widerspricht das nicht nur den Prinzipien der Wissenschaft, sondern würde uns um Jahrhunderte in jene Zeit zurückkatapultieren, als die Schriften eines Baruch Spinoza verboten wurden, weil er die biblischen Texte nicht als Offenbarung, sondern als Erzeugnisse von Menschen las und interpretierte. Selbstverständlich kann und muss auch der Koran Gegenstand einer a-religiösen historischen, philologischen, soziologischen oder philosophischen Interpretation sein.

Zu dieser Erkenntnis um das Wesen und das Zuständigkeitsfeld von neuzeitlicher Wissenschaft gehört aber auch ganz entscheidend die Einsicht, dass wissenschaftliches Wissen immer vorläufiges Wissen ist, also, dass auch die essentiellsten Ergebnisse selbst Einsichten sind, die jederzeit revidiert werden können, und bereits vielfach wurden.

Die Universität, jenseits aller Organisations- und Gliederungsformen, jenseits der angebotenen Studien und etablierten Forschungsrichtungen, jenseits der gerade herrschenden Reformrhetorik, sollte auch als jener Ort begriffen werden, an dem die Wissenschaft in ihrer Mannigfaltigkeit, aber auch in ihrer Unabgeschlossenheit als die zeitgemäße Form der Weltdeutung erscheint. Absolventen einer Universität sollten dieser Idee von Wissenschaft in Form intellektueller Redlichkeit, geistiger Unbestechlichkeit und argumentierender Urteilsfähigkeit auch jenseits spezialisierter Aufgabengebiete einen Platz einräumen.

Sinn für „Gewordenheiten“

Dann gehört zu dieser Form akademischer Bildung ein geschärftes historisches Bewusstsein. Dieses setzt die Bereitschaft voraus, einen historischen Sinn zu entwickeln für „Gewordenheiten“ sowie für die Zufälligkeit und damit Offenheit dessen, was geworden ist. Es gilt also ein Sensorium dafür zu entwickeln, dass das, was geworden ist, auch anders hätte werden können. Das schützt auch vor einer gewissen Hybris gegenüber den Errungenschaften der eigenen Kultur. Dazu kommt die Fähigkeit, in großen Zusammenhängen und Zeitdimensionen zu denken und nicht das gegenwärtige Erleben zum Nonplusultra zu erklären und zu glauben, nur weil etwas jetzt für den letzten Schrei gehalten wird, wird es in alle Ewigkeit bestehen. In der Geschichte müssen wir mit anderen Zeiten rechnen als mit jenen Quartalen, mit denen wir aktuell so gerne kalkulieren. Dazu gehört auch die Einsicht in die Vorläufigkeit und Vergänglichkeit alles Seienden. Der historische Sinn kann auch eine Übung in Bescheidenheit sein. Es ist auch ein Zeichen von Unbildung zu glauben, dass die Gegenwart der Vergangenheit in allen Belangen überlegen ist. Dieser Punk muss vielleicht auch deshalb besonders betont werden, als die historischen Kenntnisse auch bei Meinungsführern und den wirtschaftlichen Eliten in einem atemberaubenden Ausmaß verschwinden.

Anstelle des historischen Sinnes ist die plakative, moralisierende Instrumentalisierung der Vergangenheit getreten. Und drittens gehört zu dieser akademischen Bildung die Entwicklung ästhetischer und moralischer Sensibilitäten, durchaus das, was man altmodisch Persönlichkeitsbildung genannt hat. Hier geht es um Sprache und Sprechen, um die Fähigkeiten, sich auszudrücken, auch um Stil und Rhetorik, um Sprachbewusstsein und Sprachbeherrschung. Es geht aber auch um das Erkennen, wie Denken und Kommunikation überhaupt funktioniert.

Da Bildung immer auch als ein Prozess der Kultivierung begriffen werden kann, muss es nicht nur um die Beherrschung von Kompetenzen gehen, sondern auch darum, unser Empfindungs- und Urteilsvermögen, auch unsere Emotionen zu verfeinern und zu gestalten. Früher hat man in diesem Zusammenhang zum Beispiel von einem „Schönheitssinn“ gesprochen, der ausgebildet werden muss, damit der Mensch im Stande ist, überhaupt ästhetisch differenziert und damit auch mit Genuss wahrzunehmen. Dieser Sinn ist allerdings nicht nur eine Freizeitkompetenz, sondern unabdingbar, um Dinge in ihrem Eigenwert, jenseits von Nutzen und Rentabilitäten überhaupt wahrnehmen zu können. Analog dazu kann man, wie in der englischen philosophischen Tradition, auch von einem moralischen Sinn, einem Sinn für Gerechtigkeit etwa sprechen, oder auch von einem Gespür für das, was einer Situation oder einem Menschen angemessen ist, also von dem, was man früher mit „Taktgefühl“ beschrieben hat.

Gerade dieser Sinn für das Angemessene, für Proportionen, für die richtigen Worte, für das, was dringlich und das, was nur Ausdruck einer medialen Hysterie ist, scheint gegenwärtig ziemlich unterentwickelt zu sein. Diese Bildung, diese Sensibilitäten, die Fähigkeit des angemessen Urteilens, lassen sich kaum in einer didaktisierten, curricular organisierten Form vermitteln oder erwerben. Es handelt sich auch um keine Kompetenzen, die man bei einem Test ermitteln könnte, schon gar nicht geht es dabei um Bildungsstandards welcher Art auch immer. Im Gegenteil: Hier kommt es auf jene Dimensionen von Bildungsprozessen an, wo Individualität, Zufälle, Erlebnisse und Erfahrungen und Begegnungen eine entscheidende Rolle spielen können.

Auch und gerade an Universitäten geht es nicht nur um die technische Vermittlung von Wissen, sondern auch darum, dass Lehrer und Professoren eine Haltung, einen Habitus, einen Gestus zeigen, was oft größere Wirkung hat und mehr vermittelt als die eine oder andere Power-Point-Präsentation. Absolventen einer Universität, die diesen Namen noch verdient, sollten neben einer gediegenen wissenschaftlichen Qualifikation, neben einer Erfolg versprechenden berufsorientierten Ausbildung auch etwas von jener Bildung erfahren, die es ihnen nicht nur ermöglicht, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, sondern auch kraft einer geschulten Urteilskraft erlaubt, in und für diese Welt, wohin immer ihr weiterer beruflicher Werdegang sie führen mag, in angemessener Form jene Verantwortung zu übernehmen, die so viele Mitglieder unserer so genannten Eliten zur Zeit vermissen lassen.

 

Konrad Paul Liessmann, geboren 1953, ist Professor für Philosophie und Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien. Seit 1996 leitet er das „Philosophicum Lech“. Zuletzt erschien Das Universum der Dinge. Zur Ästhetik des Alltäglichen (Zsolnay, 2010) und der von ihm herausgegebene Band Vom Zauber des Schönen. Reiz, Begehren und Zerstörung (Zsolnay, 2010).

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