Der Weltkrieg in einer Welt von Kriegen

Eine Skizze über große und kleine Kriege in einem Zeitalter extremer Gewalt.

Kommen wir gleich zur Sache: Der Erste Weltkrieg ist eingebettet oder, wenn wir vorsichtiger argumentieren wollen, umgeben von einer Welt von Kriegen, die dem Weltkrieg vorangehen, sich durch den Großen Krieg hindurch ziehen und aus ihm hervorgehen.

Kavalleristen im Schützengrabenn, Frankreich 1916 (Foto: Oscar Tellgmann, Dt. Bundesarchiv)

Das vorherrschende Narrativ über den Zusammenhang des Großen Krieges und der kleinen Kriege stellt sich dann so dar, dass der Weltkrieg als der katastrophische Höhe- und vielleicht Wendepunkt in der kriegerischen Gesamtentwicklung dargestellt wird, zu dem die kleineren Kriege hinführen – oder auch nicht; der kausale Zusammenhang ist umstritten – und in dessen Nachzug oder, neuerdings vermehrt zu lesen, als dessen Folge es zu einer Reihe von Nachkriegs-Kriegen oder, wenn man wiederum etwas vorsichtiger sein will, „Nachkriegskämpfen“ gekommen ist.

Die Vorbehalte und Einschränkungen deuten darauf hin, dass der kausale Zusammenhang zwischen den kleinen Kriegen und den großen Kriegen nicht ohne weiteres auf der Hand liegt. Aber an dem grundsätzlichen Narrativ ändert das wenig.

Und wie sollte es auch anders sein? Das schiere Ausmaß der Vernichtung in diesem Großen Krieg, wie ihn die Briten nannten, macht von vorn herein alle anderen Kriege „klein.“ Die überwältigende Gewalt des Weltkrieges zieht alles in ihren Bann. Millionen von Menschen wurden in diesen Krieg geworfen, der an die 8,5 Millionen militärische Opfer forderte und darüber hinaus mehr als sechs Millionen zivile Opfer. Ganze Landstriche wurden zerstört oder entvölkert, neue gräuliche Kriegsmittel wie der Gaskrieg wurden entwickelt.

Letztere entstanden aus einer Imagination der Vernichtung, die allen herkömmlichen Werten und Normen widersprach und eine lebhafte Debatte über das Ende der europäischen Zivilisation und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auslöste.

Nicht zuletzt sog dieser Krieg Ressourcen aus der ganzen Welt in sich auf, brachte die Peripherie sozusagen in das Zentrum und stellte die Welt auf den Kopf, eine Welt, die in einer großen ersten Phase der Globalisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein weltumspannendes Regime der sozialen und kulturellen Segregation und der wirtschaftlichen Arbeitsteilung aufgebaut hatte. Nun also kämpften Afrikaner und Asiaten in Europa und die Europäer verhielten sich wie unzivilisierte Barbaren. Ein überwältigender, ein radikal zerstörerischer Krieg also, weil er mit Millionen Menschen einen Wertehimmel zerschlug.

Historiker haben schon immer eine Aversion gegen solche Selbstverständlichkeiten gehabt, so sehr auch die Zunft als Ganzes dieses Bild des Weltkrieges als der Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts befördert haben mag. Es sollte deshalb nicht überraschen, dass es in der Tat einige gibt, welche an dem Weltkriegs-Exzeptionalismus zu rütteln versuchen. Sie haben gemein, dass sie zwar plausibel erscheinen, aber dann doch scheitern. Eine der ersten wichtigen Überlegungen dieser Art war der durchaus vernünftige Gedanke, dass die kleinen Kriege – voran die Balkankriege – über mehrere Schaltstellen in den Großen Krieg eskalierten.

Aber die Historiker haben sich doch grundsätzlich darauf geeinigt, dass die Balkankrisen – bis hin zur Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand – zwar die zunehmende Brüchigkeit des Krisenmanagements der Großmächte im europäischen Staatensystem aufzeigen, aber dass es keine direkten, kausalen Zusammenhänge zwischen der regionalen Krise und dem gesamteuropäischen Kriegsausbruch gab. Was deutlich wurde in der Klärung dieser Frage, ist die weitreichende Autonomie des europäischen Staaten-Systems mit seinen Großmächten.

Ebenso hat sich ein anderer Interpretations-Ansatz weitgehend zerschlagen, der zunächst ebenso attraktiv erschien. Indem eine jüngere Generation von Historikern die ältere Idee des Zurückschlagens peripherer Konflikte auf das Zentrum – sozusagen ein Bumerang-Effekt, indem zunächst europäische Spannungen in koloniale Abenteuer verdrängt wurden, die dann aber wie etwa in der Marokko-Krise (einem eskalierenden deutsch-französischen Konflikt über die Kolonialisierung Marokkos) auf Europa zurückschlugen – aufnahmen und auf die koloniale Kriegsführung jenseits des europäischen ius in bello als Ursprung der Barbarisierung des Krieges in Europa hinwiesen.

Aber selbst für das Ottomanische Reich und die dortigen deutschen Offiziere lässt sich eine direkte, kausale Beziehung zwischen Kolonialkriegen und Weltkrieg, und selbst den genozidalen Dimensionen im Weltkrieg, nur sehr bedingt herstellen. Die Folgerung ist in dieser Hinsicht eher niederschmetternd. Es bedurfte des kolonialen Nexus überhaupt nicht, um die Kriegsführung im Ersten Weltkrieg gründlich und grundsätzlich zu degenerieren.

Periphere Kriege

Auf der Kehrseite der Medaille steht dann ein weiterer Vorbehalt. Denn man kann mit Fug und Recht die Idee peripherer Kriege und ihrer Marginalität anzweifeln – selbst im Vergleich mit dem Großen Krieg. So lässt sich wohl der russische Bürgerkrieg in die Nachkriegs-Kriege einordnen, obwohl auch hier in einer Art Kehrbild der Kriegsursachen-Diskussion die Frage der Kausalität – der Große Krieg führt zum Bürgerkrieg – sehr in Zweifel zu ziehen ist.

Es ist ein gewundener Weg vom Zusammenbruch des zaristischen Regimes bis hin zum Allrussischen Bürgerkrieg. Aber der wohl wichtigere Einwand ist zunächst einmal der, dass es sich hier keineswegs um einen „kleinen“ Krieg gehandelt hat, weder was die Letalität – es gab mehr als neun Millionen direkte oder indirekte Opfer dieses Krieges – noch was die Folgewirkungen betraf.

Der Ausgang dieses Krieges hat ganz ohne Zweifel das 20. Jahrhundert zutiefst geprägt. Des Weiteren haben gerade auch die „kleinen“ Kriege – wenn wir etwa an den Griechisch-Türkischen Krieg (1920–1922) denken – mit ihrem Ergebnis eines massenhaften Bevölkerungstransfers katastrophale Weiterungen, die weit über den lokalen Rahmen hinausdeuten. „Kleine“ sind also nicht eo ipso auch weniger extreme Kriege; ganz im Gegenteil.

Aber selbst dann ist immer noch die Frage, ob es wirklich angebracht ist, den Russischen Bürgerkrieg oder den Griechisch-Türkischen Krieg als Nachzugs-Krieg des Ersten Weltkrieges zu betrachten oder ob es nicht sehr viel angebrachter wäre, diesen Krieg im Zusammenhang anderer, extrem gewaltsamer Bürgerkriege zu sehen, wie etwa der Mexikanischen Revolution (1910–1920) oder der Xinhai Revolution (1911) und den folgenden Wellen des Chinesischen Bürgerkrieges – und dies nicht nur, weil sie kategorisch zusammengehören, sondern weil sie zusammen genommen erst deutlich machen, dass die Zeit des Weltkrieges auch und gerade ein globales Revolutions- Zeitalter war.

Aber wenn nicht so, wie dann? Die Verortung des Weltkrieges in einer Welt von Kriegen hat in gewisser Weise schon längst begonnen – und das an einem etwas überraschenden Teil der Geschichte. Denn es ist eine Art Maxime geworden, dass Neuerungen von außen kommen müssen, etwa im Sinne einer Provinzialisierung Europas; aber in diesem Falle kommen sie von innen.

Je mehr sich die historische Forschung insbesondere nach der Öffnung Osteuropas mit der „Natur“ des Weltkrieges auseinanderzusetzen begonnen hat, umso deutlicher ist geworden, dass dieser Krieg – wie im übrigen alle großen Kriege, im Unterschied zu Feldzügen – zwar von Kriegsplänen und Strategien lose zusammengehalten worden ist, dass er aber in Wahrheit in sehr unterschiedliche Kriege auseinander bricht, und dies selbst dann, wenn man alle Kriegs-Metaphorik beiseite lässt.

Der Erste Weltkrieg, so stellt sich heraus, ist ganz im Clausewitzschen Sinne, ein Chamäleon. Er passt sich den lokalen und den sozialen Situationen an. Er ist Industrie-Krieg ebenso wie brutales Hacken und Schlagen; er ist Krieg riesiger Armeen ebenso wie Bandenkrieg; er ist Krieg an der Front ebenso wie im Innern. Der Weltkrieg ist ein zusammengesetzter Krieg, in dem einzelne Gewalt-Segmente ihre eigene territoriale, temporale und topikale (d.h. Gewalt-adjustierende) Prägung haben.

Die Mehrschichtigkeit kriegerischer Gewalt rollt den Ersten Weltkrieg zwar nicht aus dem Zentrum heraus, aber die Überlappung von Weltkrieg und Bürgerkrieg deutet doch darauf hin, dass wir kriegerische Gewalt in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts besser in mehreren Schichten, also gewissermaßen archäologisch, betrachten statt den Weltkrieg in seiner Monumentalität als eine Art planetarisches System zu verstehen, in dem der Große Krieg der zentrale Ort ist, die Sonne gewissermaßen, um die kleinere Kriege und Gewaltakte, Vorläufer und Nachläufer, kreisen.

Archäologie der Gewalt

Das Ergebnis oder, um einen modischen Begriff einzuführen, die Benchmark einer solchen Archäologie der Gewaltsegmente des Ersten Weltkrieges wird sich daran messen lassen, ob sie nun wirklich den Großen Krieg als solchen und den Weltkrieg in einer Welt von Kriegen besser versteht. Aber damit ist der Einsatz nur teilweise bestimmt. Denn es geht da doch noch um etwas mehr, wenn wir insistieren, dass die Vor- und Nachkriege des Weltkrieges integrale Bestandteile einer Geschichte des Weltkrieges in einer Welt von Kriegen sein werden.

Nehmen wir die Xinhai Revolution 1911 als Beispiel. Die Revolution ist gescheitert. Der folgende Bürgerkrieg hat nur sehr bedingt etwas mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, wie man etwa am Beispiel der Wŭsì Yùndòng (4.-Mai-Bewegung) zeigen könnte. Aber die überschießende, langfristige Bedeutung selbst des chinesischen Gewaltsegments für die Geschichte des 20. Jahrhunderts und nicht zuletzt für die Geschichte Europas kann nicht unterschätzt werden.

Irland, Osteuropa, der Kaukasus liegen geografisch und mental näher. Sie sind unmittelbarer Teil einer Geschichte des Weltkrieges, und doch lässt sich diese Geschichte nur entfalten, wenn wir die temporale, geografische, topikale Integrität des jeweiligen Gewaltsegments betrachten. Weder die irische noch die polnische Geschichte des Ersten Weltkrieges beginnt 1914 und endet 1918.

Die beiden Geschichten ziehen sich durch den Krieg und strecken sich darüber hinaus. Sie haben zudem eine Zukunft, die weit über die Zeit der Weltkriege hinausdeutet. Denn am Ende des 20. Jahrhunderts war Europa ein Kontinent von Nationalstaaten – und nicht von imperialen Großmächten, weshalb man zu dem Schluss kommen muss, dass die kleinen und erweiterten Geschichten bzw. Gewaltsegmente des Ersten Weltkrieges durchaus eine Zukunft hatten, die hinter den Ergebnissen und Folgen des Großen Krieges nicht zurücksteht.

Die Durchsetzung und Erhaltung imperialer Vorherrschaft wird in einer Vielzahl kleiner Kriege aussortiert – in einer Welt, die sich gegen europäische imperiale Vorherrschaft wehrt und letztendlich auch obsiegt. Denn die große Entwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts läuft nicht auf eine Konsolidierung von Weltimperien hinaus, wie man das im Blick auf den Ersten Weltkrieg vermuten möchte, sondern auf die Proliferation des Selbstbestimmungsprinzips, das in einer Welt von Kriegen und Aufständen artikuliert wird.

Das Europa der kleinen Kriege – was wir oben mit dem analytisch schärfer greifenden Begriff „Gewaltsegmente“ bezeichnet haben – im Zeitalter des Ersten Weltkrieges gibt deshalb eine erste Ahnung davon, was dann im Zweiten Weltkrieg in der Verbindung von imperialem Großmachtkrieg und national-revolutionären Kriegen stattfinden wird.

Deshalb die These: Erst wenn wir den Großen Krieg mit der Welt von Kriegen zusammenbringen, beginnen wir die Rolle militärischer und politischer Gewalt in der Neuordnung Europas und der Welt zu verstehen. So ausschlaggebend der Erste Weltkrieg für die Zukunft Europas auch war, die grundlegenden Tendenzen des Zeitalters entfalteten sich in einer Welt von Kriegen, die zeitweilig in dem Großen Krieg der Staaten aufgesogen bzw. von ihm überschattet wurden, aber nicht in ihm aufgingen.

 

Michael Geyer ist Samuel N. Harper- Professor of German and European History sowie Mitbegründer und Leiter des Human Rights Program an der University of Chicago. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen deutsche und europäische Zeitgeschichte, Geschichte der Menschenrechte und Geschichte und Theorie der Globalisierung. Zuletzt war er Mitherausgeber von Die Gegenwart Gottes in der modernen Gesellschaft: Transzendenz und religiöse Vergemeinschaftung in Deutschland (Wallstein Verlag, 2006, gem. mit Lucian Hölscher) und Beyond Totalitarianism: Stalinism and Nazism Compared (Cambridge University Press, 2009, gem. mit Sheila Fitzpatrick). Der hier abgedruckte Text basiert auf einem Vortrag bei der IFK-Konferenz „The Geo- Politics of the Great War 1900–1930“ (6.–8. Oktober 2011).

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