Zur Situation an der Österreichische Nationalbibliothek

Ein Kommentar zu Walter Schüblers Beitrag "Die Generalin".

Ich möchte mich dem Kommentar von Dr. Michael Wögerbauer anschließen. Mag. Dr. Walter Schübler ist es gelungen, auf eindeutig polemische Weise einen Blick auf die Nationalbibliothek von außen zu werfen. Durchaus in einer Liga mit Josef Winkler. Wie Dr. Wögerbauer in seinem Kommentar meint, finde auch ich die Postings aus der Bibliothek peinlich, wenn nicht auch lächerlich. Mir schiene es sinnvoller zu sein, statt Leitfaden, Jahresberichte und Veranstaltungskalender vorzutragen, sich mit dem offensichtlich vorhandenen Unbehagen unter ForscherInnen auseinanderzusetzen. Stellvertretende Reaktionen auf Schübler aus meinem Bekanntenkreis: „er spricht mir aus der Seele“ und „Leider ist das alles nur allzu wahr.“ Als Hochschullehrer sind sie übrigens alle keine „Studentenverächter“. Zweckdienlich wäre es vielleicht, sich aus der Herrengasse bzw. vom Michaelerplatz oder Josefsplatz an einem Vormittag unter der Woche in Richtung Lesesaal am Heldenplatz zu begeben und sich unter’s Volk zu mischen. Mit Garderobepflicht!

Dr. Schübler spricht von der „patzigen Zurechtweisung“, ohne zu sagen, dass das dort so etwas wie ein „registriertes Markenzeichen“ ist. Eine Steigerung wäre vielleicht die Handschriftensammlung, wo belehrende, impertinente und arrogante Zurechtweisungen Standard sind. Also nicht nur „patzige“. Das liefert mir auch das Stichwort für einige Fragen. Warum werden BenutzerInnen der Handschriftensammlung mit einer restriktiven Benutzerordnung schikaniert? In allen mir bekannten Wiener Archiven werden Aktenkartons ausgehändigt und man muss nicht fünf Einzelakten bestellen, wenn man den Überblick über einen ganzen Bestand gewinnen möchte. Haben alle anderen Institutionen nicht auch die „Objektsicherheit“ im Auge? Das ist in meinen Augen nicht gerade forschungsfreundlich. Nächste Frage: warum wurde das für die ÖNB und die internationale Forschung wichtige Projekt einer Österreichischen Retrospektiven Bibliographie (ORBI) eingestellt? Ist das nicht wesentlich für die Arbeit einer Nationalbibliothek? Warum wird die für das Renommee der Bibliothek wichtige Slavica-Abteilung, die Kontakte zu den Ländern der ehemaligen Habsburger Monarchie aufrechterhält und vieles darüber hinaus leistet, per Jahresende aufgelassen? Warum wurde die frühere Plakatsammlung als selbständige Sammlung aufgelöst? Was ist mit den Büchern und gedruckten Bibliothekskatalogen, die im künftigen „Forschersaal“ aufgestellt waren, passiert? Wurden diese Bestände, die wohl zum Teil mit öffentlichen Mitteln erworben wurden, anderen Einrichtungen und Institutionen in Wien angeboten oder nur entsorgt? Warum wurde die Erschließung des von der Handschriftensammlung übernommenen „Archiv Buchgewerbehaus“ (das ist das Archiv des ehemaligen Vereins der österr. Buch-, Kunst- und Musikalienhändler bzw. der Reichsschrifttumskammer Landesleitung Wien) an einen auswärtigen Privatverein mit Mitteln aus dem Ministerium ausgelagert? Warum wurden nicht stattdessen Personen angeworben, die sich mit der Buchgeschichte im weitesten Sinn beschäftigt haben? Was hat das mir seit den frühen 1980er Jahren bekannte Archiv mit Restitution oder Provenienzforschung zu tun?

Ao. Univ.-Prof. Dr. Murray G. Hall
Obmann, Gesellschaft für Buchforschung in Österreich

 

Mehr zu diesem Thema:

„Die Generalin“ oder: Wie man eine Nationalbibliothek herunterwirtschaftet. Ein Kommentar von Walter Schübler.

Elitäres Bibliotheksverständnis? Ein Kommentar der Österreichischen Nationalbibliothek zu Murray G. Hall.

„Für und Wider zuhauf“. Zur Diskussion um die Österreichische Nationalbibliothek. Von Peter R. Frank

Kommentare

Kommentar von Maria Sandoz

Zeit: 5.12.2011, 8:42 pm

Zitat aus der Wikipedia (Diskussionsseite “Johanna Rachinger”:

“Und wenn jetzt drei Tage nach dem ersten Artikel ein zweiter erscheint, erweckt das den Eindruck eines Netzwerk-Blogs.”



Kommentar von Kevin Doleschal

Zeit: 5.12.2011, 9:03 pm

Ich bin enttäuscht. Keine “Zeitung für die Wissenschaft”, sondern ganz einfach ein Netzwerk-Blog?



Kommentar von Vera Figner

Zeit: 11.12.2011, 11:38 am

Kritik an der Leitung der ÖNB greift zu kurz. Warum den Bäcker kritisieren, wenn er tut, was er muss: backen? Warum den Maler kritisieren, wenn er tut, was er muss: malen? Warum die Leitung eines ausgelagerten Betriebes, – denn das ist sie nun, die ÖNB, – kritisieren, wenn sie tut, was sie tun muss und wofür sie bezahlt wird (normales Managergehalt): quantitatives Wachstum (Besucher, Daten, Baustellen, Tarife, Eintrittspreise, Projekte zur Förderung alles möglichen) fördern und Ausgaben (Personal, Qualifikation, Erfahrung, gute Arbeitsbedingungen, Inhalte) minimieren? Alles im Bereich des Legalen und vom Markt Geforderten. Und nein, kein „Mitarbeiter“ (der euphemistische Ausdruck für Vollzeitäquivalent, geringfügig Beschäftigten usw.) wird pensioniert oder gekündigt!

Nur weil es dieses rückwärts gewandte, von nostalgischem Sentiment bestimmte Denken und Urteilen über Bücher und freien Zutritt zu Bibliotheken als Orte der Ruhe und des „ungestörten Forschens“ in manchen Köpfen unserer älteren und etwas eigenbrötlerischen Mitmenschen noch gibt! Ein Denken, das sich an Idealen der Aufklärung ! (längst vorbei!) orientiert und Werte bemüht, die an zeitgemäßen Entwicklungen vorbei gehen! Wer braucht denn noch ein Buch! Sie brauchen einen e-Reader und haben 3500 Bücher in ihrer Hosentasche! Nur weil sie sich nicht von der Vorstellung „Buch in den Händen“ lösen können, brauchen Sie gedruckte Bücher und damit so viel Platz! Ein Garderobe-Kästchen, einen Platz im Lesesaal, Ruhe für Konzentration, fundierte Auskünfte usw. usw. Üben Sie sich doch ein bisschen im mehrdimensionalen Denken, im Multitasking (ein Handygespräch führen, das eine oder andere Online-Spiel spielen, die interessante Kommunikation der Mitbesucher verfolgen, einem Event nebenbei beiwohnen, essen, und ja, durchaus, lesen) und erleben Sie das Privileg, alles zugleich tun zu können und den anderen bei deren Multitasking zuzusehen. Versuchen Sie doch auch einmal eine positivere Sichtweise.

Bibliotheken der Zukunft (falls dieses Wirtschaftssystem überlebt und vermutlich wird es das, so gerettet wie es immerzu wird) werden Bücher nur mehr zur Dekoration enthalten. Man braucht sie nicht und alles damit verbundene Denken, das mit Stille, Ungestörtheit, Schreiben und Lesen zu tun hat. Was man aber braucht, sind Leute, die – was sie ebenso gut zu Hause machen könnten, oder im Café oder in den Gängen einer anderen kulturellen Institution, oder im Sommer auf jeder grünen Wiese – für ein relativ geringes Eintrittsgeld gerade hier tun! Weil das Ambiente einfach einladend ist. Die Anzahl der Konsumenten ist halt nun mal DAS Kriterium nach dem sich der Wert einer Kulturinstitution – ziemlich exakt seit der Ära Schüssel und deren verquerer Ausgliederungspolitik – bemisst.



Kommentar von M. Prenz

Zeit: 4.1.2012, 10:13 am

Ich bin 22 und brauche genau das, was Frau Figner abstreitet: Ruhe, Muße und das Gefühl sich frei und ohne Ablenkung dem Forschen hingeben zu können. Schade, dass Frau Figner derart intollerant ist und all jene verurteilt, die sich nicht ihrem technokratischen Weltbild verschrieben haben.



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