Elitäres Bibliotheksverständnis?

Ein Kommentar zu Murray G. Hall

Einem Blick von außen auf die Österreichische Nationalbibliothek möchte sich Ao. Univ.-Prof. Dr. Murray G. Hall anschließen und rät anstelle von Postings aus der Bibliothek zur Auseinandersetzung mit dem „Unbehagen unter ForscherInnen“. Der Literaturkenner und „Obmann der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich“ ist mit dem Urtext über „Das Unbehagen in der Kultur“ und den dort entwickelten Thesen zur Aggressionsunterdrückung sicherlich bestens vertraut.

Anstelle aber wie Freud einen rational-analytischen Zugang zu wählen, zieht Murray G. Hall es vor, seine persönlichen Aggressionen hinter unberechtigten Anwürfen an MitarbeiterInnen der ÖNB und rhetorisch gestellten Fragen zu verbergen, die vor allem eines augenscheinlich werden lassen: ein letztlich elitäres Bibliotheksverständnis des 19. Jahrhunderts.

Seit Jahren werden an der Österreichischen Nationalbibliothek ausschließlich Erschließungs- und Katalogisierungsprojekte durchgeführt, die für die internationale Forschung wichtig sind. Aus diesem Grund wird Projekten, die in internationale Verbünde (VD16-18) eingebunden werden können, der Vorrang gegenüber proprietären Lösungen gegeben. Durch die Kooperation mit Google werden weiters in einem Schwerpunktprogramm der nächsten Jahre auch die Metadaten unseres historischen Buchbestandes erheblich verbessert werden. Der neu eingerichtete Forschungslesesaal wird selbstverständlich mit einer aktualisierten Fachbibliothek ausgestattet sein.
All dies zählen wir zu den wesentlichen Aufgaben einer Nationalbibliothek, ebenso wie ein adäquates Reagieren auf den technologischen und gesellschaftlichen Wandel, dem die Bibliotheken weltweit unterworfen sind. Die dadurch notwendigen Reorganisationsmaßnahmen und das Schaffen von neuen, zeitgemäßen Angeboten führen notwendigerweise zu Diskussionen. Man sollte dabei aber immer bei den Fakten bleiben: Die Plakatesammlung zum Beispiel wurde nicht aufgelöst. Aus der Zusammenführung der Grafiksammlung und des Bildarchivs zu einer Organisationseinheit ergibt sich ein Service für alle Benützerinnen und Benützer der Bibliothek – mit einer nunmehr gemeinsamen Bibliothek in Freihandaufstellung und in Zukunft mit einem gemeinsamen Bestand im Bibliothekskatalog. Nebenbei bemerkt wurden diese Maßnahmen bereits zum Vorbild für Reorganisationen in anderen Nationalbibliotheken.

Gerade Herr Prof. Murray G. Hall war es, der in der Vergangenheit wesentlich von den forschungsfreundlichen Bedingungen in der Österreichischen Nationalbibliothek profitiert hat. Nicht nur für die Recherchen zu seiner Publikation betreffend die Nationalbibliothek in der NS-Zeit wurden ihm mit Ausnahmegenehmigung noch unerschlossene Archive geöffnet, auch seinen MitarbeiterInnen wurden stets sämtliche gewünschte Medien zur Verfügung gestellt. Die von Herrn Prof. Murray G. Hall dargestellte Beschränkung auf fünf Einzelakten ist schlichtweg unrichtig, eine entsprechende Zusage an seine Mitarbeiterin Frau Fechter liegt schriftlich vor.

Das Interesse von Prof. Hall an unserer Bibliothek und an der Bearbeitung des Archivs des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels ist uns ebenso bestens bekannt. Wir haben uns jedoch entschieden, den Auftrag an einen anderen Forscher zu vergeben, der hervorragende Arbeit leistet.

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit
Österreichische Nationalbibliothek

 

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