„Für und Wider zuhauf“

Zur Diskussion um die Österreichische Nationalbibliothek

Länger wohl als die meisten Mitarbeiter und Benutzer kenne ich die Arbeit der ÖNB, der ich so viel verdanke. Deshalb mein Interesse.

Der öffentliche Streit, der nun entbrannt ist, erinnert inzwischen an den von den Engeln und der Nadelspitze. Für und Wider zuhauf. Da werden die Abteilungsleiter der ÖNB aufgeboten, während interne Gegenstimmen sich hüten, ihre Erfahrungen und Meinungen kundzutun. Das gibt ein einseitiges Bild.

Bei dem Streit interessieren mich Fakten:

– Die mannigfachen Verdienste von Frau Rachinger wird niemand schmälern wollen.

– Aber unabhängig davon sind etliche Entscheidungen bedenklich, wenn nicht schädlich. Sie wird man wohl als Bibliothekar zum Wohl der Institution ansprechen dürfen.

– Österreichische retrospektive Bibliographie, ein jahrzehntelanges Desiderat. Umgebende Länder haben sie längst, und es sollte die vornehmste Aufgabe gerade einer Österreichischen Nationalbibliothek sein, sie zügig zu Ende zu führen. Sie wurde eingestellt, zugunsten anderer Projekte.

– Schließung der Slavica-Arbeitsgruppe Ende des Jahres angekündigt. Gerade dieses Gebiet, mit Ost-, Südosteuropa, dem Balkan war jahrhundertelang ein Teil der österreichischen Monarchie, ein deshalb immer bevorzugtes Forschungs- und Sammlungsgebiet. Diese Schließung kommt auch noch zeitgleich mit der angeblichen Absicht der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das Balkan Institut zu schließen oder auszulagern !

– Anders als dargestellt wurde die international angesehene Flugblatt / Plakatsammlung aufgelöst, Mitarbeiter versetzt, wo sie ihre Erfahrungen nicht mehr nutzen können, oder pensioniert.

Diese Fakten verdienen sehr wohl eine ungesteuerte, sachliche öffentliche Diskussion, statt sie im Streit, in Verneblungskünsten verschwinden zu lassen.

Prof. Dr. Peter R. Frank
Curator Emeritus, Stanford University Libraries, CA
German, Austrian, Swiss Collections
Heidelberg, Deutschland

 

Mehr zu diesem Thema:

„Die Generalin“ oder: Wie man eine Nationalbibliothek herunterwirtschaftet. Ein Kommentar von Walter Schübler.

Elitäres Bibliotheksverständnis? Ein Kommentar der Österreichischen Nationalbibliothek zu Murray G. Hall.

Zur Situation an der Österreichische Nationalbibliothek: Ein Kommentar zu Walter Schüblers Beitrag „Die Generalin“. Von Murray Hall

Kommentare

Kommentar von Emil G.

Zeit: 7.12.2011, 1:56 pm

Als langjähriger Besucher der ÖNB – und auch Benützer der Plakatsammlung – möchte ich anmerken: die Plakatsammlung wurde in das Bildarchiv eingegliedert, alle mir bekannten Ansprechpersonen (Plakate, Exlibris) sind nach wie vor in ihrem Fachgebiet tätig. Und die Pensionierung der Leiterin fand vor der von Prof. Frank fälschlich als „Auflösung“ dargestellten Eingliederung statt.
Ich finde es sehr schade und auch etwas verwirrend, wenn jemand wie Prof. Frank beschwört, an Fakten interessiert zu sein, aber gleichzeitig derartige Behauptungen aufstellt. Welchen Wert haben dann die anderen Informationen oder welche Absicht soll man dahinter vermuten, auch wenn die Tätigkeiten in den USA, Schweiz und Deutschland Expertise vermuten ließen?
Wichtig ist es – in diesem Fall – die weitere Sammlung von Plakaten zu gewährleisten, und gegebenenfalls gegen eine Nichtfortführung dieses Sammelauftrags aufzutreten.



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