Über uns
Liebe Leserin, lieber Leser!
Konträr zur schon einige Jahrzehnte kursierenden Rede von der Krise der Geisteswissenschaften könnte genauso ein anhaltender Boom konstatiert werden – wenn der ungebrochene Zulauf von Studierenden, die Fülle signifikanter Publikationen oder symbolkräftige Initiativen wie das vergangene „Jahr der Geisteswissenschaften” als Indikatoren herangezogen werden. Zehntausende einschlägig beschäftigte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen allein im deutschen Sprachraum produzieren eine Fülle an Wissen, das allerdings hauptsächlich innerhalb der akademischen Welt zirkuliert. Die publizistischen Möglichkeiten, jenseits der Fachjournale und Tagungsbände eine größere Öffentlichkeit zu erreichen, engen sich tendenziell sogar ein.
Auf diese Situation reagiert die neue Zeitung Recherche, die sich künftig alle zwei Monate mit Themen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften befassen wird. orientiert sich dabei nicht primär an der Forschungslogik der einzelnen Fächer, sondern fragt gezielt nach dem Ertrag geisteswissenschaftlicher Arbeiten für breitere gesellschaftliche und politische Diskurse. Die in Recherche abgedruckten Aufsätze, Gespräche, Vorträge und Rezensionen versuchen eine wissenschaftlich informierte Sicht auf Fragen der Zeit zu gewinnen.
Exemplarisch für diesen Anspruch mögen in der aktuellen Ausgabe die Beiträge von Rolf Lindner und Jan Philipp Reemtsma stehen. Der Soziologe Lindner rekonstruiert die Herkunft des gängigen Stratifikationsmodells der Gesellschaft und zeigt dabei die historische Tiefendimension jenes Unbehagens auf, das Sozialpolitiker aller Couleur heute plagt, wenn plötzlich wieder von einer Unterschicht die Rede ist; Reemtsma versucht in seiner detaillierten Analyse zu ergründen, in welchem Verhältnis säkulare Gesellschaften zur Religiosität stehen.
Zu den Zielen der neuen Zeitung gehört es auch, Forschungsergebnisse der Geistes-, Sozial-, und Kulturwissenschaften in einer zugänglichen, attraktiven Wissenschaftsprosa zu präsentieren – was nicht mit simplifizierender Popularisierung gleichzusetzen ist. Recherche versteht sich ebenso als Plattform für den transdisziplinären Austausch wie als Schnittstelle zwischen den Wissenschaften und einer interessierten Öffentlichkeit.
Thomas Keul, Christian Reder
