Flaschenpost

Welt der Wissenschaft. Von Ernst Strouhal

Online seit: 20. Oktober 2019

Um den gegenwärtigen Zustand der Kulturwissenschaften zu beschreiben, wäre ein Vergleich mit der Flaschenpost angebracht. Als Autoren von Flaschenpostbriefen haben sich ja die Intellektuellen seit Benjamin, im Grunde seit der Frühromantik, verstanden: Einsam am Strand, wahrscheinlich schiffbrüchig, wird eine Nachricht verfasst, in eine Flasche gestopft, diese wird gut verkorkt und dann dem Meer übergeben. Sie könnte dereinst gefunden werden, vielleicht erst nach vielen Jahren, an einem fremden Strand, von einem verwunderten Leser, der sie verstehen wird oder nicht. So weit, so gut.

Nun, die Zeiten haben sich vielleicht ein wenig geändert, das Bild stimmt nicht mehr ganz. Blenden wir um und betrachten wir den anderen Strand. Da steht einer des Morgens auf, kein Eingeborener, kein Flaneur, sondern ein Tourist. Er will baden gehen. Er schwimmt ein paar Meter und entdeckt plötzlich Tausende, ja Zehntausende Flaschen im Meer dümpeln. Er schiebt sie beim Schwimmen beiseite. Der Schwimmer hat nichts gegen die Autoren am anderen Ende des Meeres, aber es ist lästig, wie jeden Morgen. Gegen Mittag, wenn die Flaschen durch die Strömung den Strand erreicht haben werden, wird man sie abtransportieren. Glas und Papier werden getrennt, das Glas wird wiederverwertet.

Ernst Strouhal ist Publizist und Kulturwissenschaftler in Wien.

Quelle: Recherche 3/2010

Online seit: 20. Oktober 2019