Rückzugsrouten in die Einsamkeit

Mit dem Erzählband Einzelgänger legt der Soziologe Wolfgang Sofsky sein belletristisches Debüt vor, der fachliche Hintergrund bleibt in den Texten dennoch spürbar. Von Klaus Kastberger

Online seit: 20. Dezember 2019

Einzelgänger nennt sich das erste rein literarische Buch des deutschen Soziologen Wolfgang Sofsky: ein Sammelband mit Erzählungen, dem man aber sofort anmerkt, woher der Autor kommt. Mit seiner Habilitationsschrift Die Ordnung des Terrors hat sich Sofsky Anfang der 1990er-Jahre einen Namen gemacht. Ausgehend vom Nationalsozialismus beschrieb er dort in anschaulichen Bildern, wie Menschen über die Jahrhunderte hinweg an den Mechanismen absoluter Macht zerbrechen.

Kurzfristig hatte der 1952 geborene Autor dann eine Professur für Soziologie in Göttingen inne. Vor zehn Jahren zog er sich aus dem akademischen Betrieb zurück. Als Privatgelehrter ist Sofsky heute ein vielbeschäftigter Essayist im bundesdeutschen Feuilleton. Immer wieder sind es Bilder der Gewalt, die er analysiert, so auch im Zusammenhang mit 9/11.

Die literarische Erzählung war immer schon ein zentraler Teil von Sofskys Schreiben. Ähnlich wie bei Elias Canetti, auf dessen Masse und Macht sich der Autor hierbei bezieht, schildert er den Zustand der Gesellschaft auch in seinem wissenschaftlichen Werk mit erzählerischen Mitteln. Seine Texte beginnt Sofsky gemeinhin mit einer genauen Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände und ihres oft auch mythologischen Hintergrunds. Als „Phänomenologische Soziologie“ wird diese Richtung in Fachkreisen bezeichnet, und dort nicht immer sehr geschätzt. Die Narration bildet die Grundlage jeder Analyse.

Selbstkasteiung

Im jetzt veröffentlichten Erzählband kappt Sofsky seine Methode, indem er sich ganz auf ihren ersten Teil beschränkt. Manchen der mehr als zwanzig Erzählungen des Buches merkt man diese Selbstkasteiung auch wirklich an. Nur ein kleiner Schritt wäre es für den Autor gewesen, um zu den gewohnten soziologischen Schlussfolgerungen zu kommen. Diesen Schritt aber versagt er sich, um umso sicherer in den großen Zusammenhängen von Literatur zu verbleiben. Unter Literatur aber stellt sich der Autor eine doch sehr konventionell geformte Sache vor.

Alles an dem neuen Buch, so könnte man sagen, ist Programm, sein Stil ebenso wie sein Inhalt, und mit einer fast unerbittlichen Härte auch gegen sich selbst als Schreibender zieht der Autor hier das einmal festgelegte literarische Programm durch. Der Titel und das Thema des Bandes, Einzelgänger, passt gut ins Bild: Gezeigt wird, wofür die heutige Gesellschaft kaum noch Platz bietet: Rückzugsrouten in Privatheit und Einsamkeit.

In Sofskys alternativer Schöpfungsgeschichte ist der Mensch von Beginn an einsam.

Bei Sofsky kommt das Phänomen mit der ganzen Wucht seiner Tradition daher. Die erste Erzählung des Bandes hebt tatsächlich dort an, wo alles begonnen hat, nämlich bei der Erschaffung des Menschen. In Sofskys alternativer Schöpfungsgeschichte ist der Mensch von Beginn an einsam. Gott hat hier nicht etwa ein geselliges Wesen geschaffen, zur gegenseitigen Freude in Mann und Frau geteilt, nein: Bei Sofsky stellt der Schöpfer einen einsamen Wanderer in eine unbevölkerte Umgebung. Der aufrechte Gang, den das Exemplar annimmt, gibt den Blick frei und bringt ihm Gewissheit: Er ist tatsächlich vollkommen alleine.

Durch Jahrtausende hindurch verfolgt Sofsky in seinen Erzählungen den Typus. Da und dort taucht – in eher homöopathischer Dosierung – so etwas wie eine historische Rahmung der Grundsituation auf. In der Erzählung „Der Koffer“ etwa vermeint man sich in ein Spitzelsystem versetzt, das an die Stasi erinnert: Ein Verräter infiltriert hier über Jahrzehnte hinweg eine Gruppe vermeintlicher Staatsfeinde und berichtet akribisch über deren Aktivitäten. Eine andere Situation existenzieller Einsamkeit führt das Stück „Glockenblumen“ vor: Ein Kriegsheimkehrer streift durch seine zerstörte Heimatstadt. Märchenhafte Züge trägt der Text „Das Antlitz“: Ein Schlossherr verbietet in ihm alle Spiegel am Hof und lässt die Menschen ihr eigenes Gesicht nur noch durch Ertasten erkennen.

Frauen sind selten

Meist sind es Männer, die bei Sofsky in ihrer Einsamkeit auf sich selbst zurückgeworfen sind. Frauen sind selten in diesen mythenhaft anthropologischen Welten, nur einmal taucht in einer der Geschichten eine einsame Göttin auf. Vielleicht ist die Anthropologie ja wirklich eine reine Männerwelt. Seit Canetti, so vermittelt sich bei Sofsky der Anschein, hat sich daran nicht viel geändert: Wenn der Anthropologe vom Menschen spricht, meint er den Mann.

Eine Linderung männlicher Einsamkeit ist bei Sofsky nicht zu haben, weder Frauen noch Männer taugen in seinen Geschichten zur Rettung der Einsamen. Der Einzelgänger ist dazu verurteilt, mit Schmerzen durch die Räume zu gehen, die ihm gegeben sind und denen er nicht entkommt. Die unhinterfragbaren Urteile von Kafka und die Welten, in die hinein der Prager Autor seine Figuren gestellt hat, allen voran die bis heute so unfassbare Strafkolonie, mögen Vorbilder für jene einsamen Wölfe sein, die Sofsky uns vorführt: Trinker und Kranke, Sonderlinge und Herrscher, Narren und Künstler.

Was der Autor uns in seinen Geschichten über all diese Einzelgänger sagt, ist im Detail durchaus bemerkenswert, insgesamt aber doch etwas zu grob aus dem zugrundeliegenden Konzept herausgemeißelt. Statt des parabelhaften Tonfalls, den die einzelnen Erzählungen tragen, hätte man sich da und dort etwas mehr erzählerisches Eigenleben gewünscht. Gegenüber seinen Figuren aber geht der Autor kein Risiko ein. Ihre Einsamkeit steckt nicht an und wirkt streckenweise doch etwas sehr ausgedacht.

Am Ende bleibt in dem eher steril wirkenden Ensemble der Einsamkeit einer mit großer Sicherheit allein, nämlich der Leser dieses seltsam unzeitgemäßen Buches. Die Ratlosigkeit, die die Lektüre auslöst, wirft einen auf sich selbst zurück.

Klaus Kastberger, Jahrgang 1963, ist Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker in Wien. Er ist Herausgeber der neuen historisch-kritischen Ausgabe der Werke Ödön von Horváths (de Gruyter) und Projektleiter der „Forschungsplattform Peter Handke“.

Quelle: Recherche 1/2013

Online seit: 20. Dezember 2019

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Wolfgang Sofsky: Einzelgänger. Matthes & Seitz, Berlin 2013. 208 Seiten, € 19,90 (D) / € 20,40 (A).